CSU Die Außerbayerischen

Wer kommt nach Beckstein und Huber? Die nächste Generation der CSU hat mehr von der Welt gesehen als nur den Freistaat

Im Grunde genommen sind es zwei Wahlkämpfe, die die CSU derzeit führt. Der eine, gut sichtbar, findet in Bierzelten und vor den Fernsehkameras statt. Es ist der Wahlkampf von Günther Beckstein und Erwin Huber. Der andere Wahlkampf wird am Rande der großen Kampagne geführt, mit Andeutungen und kleinen Rempeleien. Dieser Wahlkampf beginnt dort, wo jener von Huber und Beckstein möglicherweise endet, mit der Frage: Was wäre, wenn?

Wenn das Ergebnis der CSU am Wahlabend tatsächlich mit einer 4 beginnt, werden Huber und Beckstein schnell in den Geschichtsbüchern verschwinden: als Totengräber einer Legende. Man merkt ihrem Wahlkampf an, wie sehr sie sich davor fürchten. Ihre Kampagne kennt nur ein Thema: die Angst. Die anderen, die im Verborgenen kämpfen, sind schon einen Schritt weiter.

Horst Seehofer, der beliebte CSU-Vize, wird in München als neuer Parteichef genannt. Joachim Herrmann, derzeit Innenminister in Bayern, könnte Ministerpräsident werden, heißt es. Seehofer ist 59, Herrmann wird nächste Woche 52. Das ist noch kein Alter. Dennoch könnte der 28. September bereits ihre letzte Chance sein. Denn längst hat sich in der CSU eine neue Generation in Stellung gebracht, die Generation 50 minus X. Was sie eint, ist ihr Alter – und die Überzeugung, dass es ihre Aufgabe sein wird, die CSU neu zu erfinden.

Als Franz Josef Strauß starb, am 3. Oktober vor 20 Jahren, bereitete sich Christine Haderthauer gerade auf ihr zweites Staatsexamen vor. Sie war 26, Mutter eines kleinen Sohnes und ahnte noch nicht, dass sie eines Tages an Strauß’ Vorgaben gemessen würde. Denn es war ja nicht immer so, dass die CSU in Bayern allein regierte! Die 50 Prozent plus X, an denen sich die Partei bis heute berauscht, sind das Werk des großen Vorsitzenden. Bei Landtagswahlen nahm die CSU erstmals 1970 die magische Hürde.

Seit einem Jahr ist Christine Haderthauer Generalsekretärin der CSU, sie organisiert den laufenden Wahlkampf. Bevor sie sich 2003 erstmals für ein Mandat im Landtag bewarb, hat sie zwei Kinder großgezogen und eine Rechtsanwaltskanzlei aufgebaut. Sie hat anderes im Leben kennengelernt als die Politik. Eine moderne, manche in der CSU sagen: eine viel zu moderne Frau. Ihre Biografie spiegelt den gesellschaftlichen Wandel, der ihrer Partei zu schaffen macht. Manchmal spricht Haderthauer so klug und furchtlos über die CSU wie früher Angela Merkel über die CDU. Doch im Moment darf sie mehr denken als sagen.

»Unsere Familien ticken anders, unsere Frauen arbeiten«

Warum tut sich die CSU in diesem Jahr so schwer? Die Umstände sind doch eigentlich günstig. Haderthauer könnte darauf hinweisen, dass die CSU bereits bei den letzten Stoiber-Wahlen nicht besonders gut mobilisiert hat; selbst die Zweidrittelmehrheit 2003 ging in absoluten Zahlen mit einem Verlust an Wählerstimmen einher und war vor allem der schwachen Wahlbeteiligung (57 Prozent) geschuldet. Sie könnte anführen, dass die Wunden, die die Ablösung Stoibers geschlagen hat, längst nicht verheilt sind und dass in einer Zeit, in der andere Volksparteien um 30 Prozent Zustimmung ringen, auch 49 Prozent ein eindrucksvolles Ergebnis wären. Das alles könnte sie sagen, doch zehn Tage vor der Wahl ist jeder Halbsatz gefährlich. Deshalb nur so viel: »Natürlich muss sich die CSU an die strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft anpassen.«

Was Haderthauer andeutet, bestätigen die Analysen der Wahlforscher: Das Schrumpfen der Milieus, der Rückgang der Stammwähler, das unberechenbare Wahlverhalten – die Entwicklungen, die SPD und CDU seit Längerem zu schaffen machen, sind auch im Freistaat angekommen. Bei den vergangenen drei Bundestagswahlen blieb die CSU zweimal unter 50 Prozent. Bayern wird deutsch.

Aber was folgt daraus? Welche Rolle kann die CSU künftig noch spielen? Wie wird sie auftreten – derb wie Strauß, nervös wie Stoiber? Oder ganz anders? Erwin Huber und Günther Beckstein sind jenseits der 60. Sie kennen Bayern nur aus der Perspektive der allumfassenden, alleinregierenden Staatspartei. Ihr Wahlkampf erinnert an einen dieser neu aufgelegten, schlecht nachgestellten Heimatfilme.

»Es reicht nicht mehr, die Vergangenheit zu perpetuieren«, sagt Christine Haderthauer. Wenn die Partei weiter erfolgreich bleiben wolle, müsse sie »einen neuen Kompetenz- und Autoritätsanspruch formulieren«. Ein komplizierter Satz, ein kluger Satz. Aber er klingt technokratisch und kühl. Sehr kühl für eine Partei, die auch immer davon gelebt hat, Nähe und Wärme zu erzeugen.

Die Generation 50 minus X. Christine Haderthauer gehört dazu, die Generalsekretärin. Oder Manfred Weber, der JU-Vorsitzender war und nun mit 36 Jahren dem mächtigen CSU-Bezirksverband Niederbayern vorsteht. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg, 37, Adelsspross aus Oberfranken und ebenfalls Bezirkschef. Und Georg Fahrenschon, 40, seit einem Jahr Staatssekretär im Bayerischen Finanzministerium. »Wir sind alle in einer anderen Welt aufgewachsen als die Stoibers oder Hubers«, sagt er. »Unsere Familien ticken anders, unsere Frauen arbeiten.« Für das Betreuungsgeld, das die CSU als Kompensation für den Ausbau der Krippen fordert, werben die Jüngeren eher pflichtschuldig. Noch geben Huber und Beckstein das Programm vor.

Eine Pleite bei der Europawahl wäre schlimmer als Stimmenverluste im Land

Manfred Weber eröffnet an diesem Nachmittag im weiß-blauen Festzelt in Vilsbiburg die regionale Wirtschaftsschau. Kaum steht er am Rednerpult, verfällt er in tiefen Dialekt. Als »stolzen Vertreter« der Region stellt er sich vor, »Niederbayerns einziger Vertreter im Europaparlament«. Dann spricht er über die EU: »Wir kreisen im Moment viel um uns, aber jeder zweite Euro, der in Niederbayern verdient wird, wird im Export verdient. Unser heutiger Wohlstand wäre ohne die EU nicht möglich!« Sogar aus den Gurken macht Weber noch ein Argument für Brüssel: 50 Prozent der niederbayerischen Gurken würden heute in Lettland und in Litauen verkauft. »Europa ist ein Schlüsselthema meiner Generation.« Später seufzt er: »Wir haben das als Partei noch nicht verstanden.«

Morgens Brüssel, abends Pfeffenhausen. Hier die Verhandlungen über eine europäische Rückführungsrichtlinie, dort der Protest der örtlichen Metzger gegen die neuesten Auflagen. Geduldig erläutert Weber den Sinn der EU-Hygienerichtlinie, rastlos sucht er nach einer Antwort auf die zweite große Frage, die die CSU neben dem gesellschaftlichen Wandel umtreibt: Wie kommt eine Regionalpartei, deren »Herzkammer« bislang stets im Bayerischen Landtag schlug, damit klar, dass immer weniger Politik in München und immer mehr in Berlin oder Brüssel gemacht wird? Wie bajuwarisch kann die CSU noch sein?

»Wir sprechen von einer sehr anderen Welt, die sehr anders erklärt werden muss«, sagt Karl-Theodor zu Guttenberg. »Die bayerischen Interessen lassen sich nicht mehr allein in München durchsetzen.« Guttenberg ist außenpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe in Berlin, dort macht er mit klugen Analysen zur Kaukasuskrise oder zum Umgang mit China auf sich aufmerksam. Den Kampf seiner Partei für die Pendlerpauschale oder den halbierten Mehrwertsteuersatz für Seilbahnen verfolgt er dagegen mit Distanz.

Am Abend, als Festredner auf der 50-Jahr-Feier der Jungen Union in Rehau, hält Guttenberg ein Grundsatzreferat. Er erzählt, wie er jedes Jahr einige Botschafter nach Oberfranken einlädt, die sich wundern, warum so viele Gesprächspartner klagen, statt selbst anzupacken. Er wirbt für den Afghanistan-Einsatz, den er ausdrücklich einen »Kampfeinsatz« nennt. Und er warnt seine Parteifreunde: »Wir dürfen nie in Hochmut abdriften. Ein Selbstläufer ist nichts, schon gar nicht in der Politik. Für die CSU ist es wichtig, nicht nur zu blöken, sondern zu arbeiten.« Streng spricht der 37-Jährige, doch die Veteranen im Publikum nicken freundlich: Der kann reden!

Ob Guttenberg oder Weber: Es fällt auf, dass viele, die in der CSU derzeit als Hoffnungsträger genannt werden, nicht in der Landespolitik sozialisiert wurden. Die deutsche Einheit, die europäische Integration und die Globalisierung haben sie geprägt: Der Freistaat ist kleiner geworden. Auch das unterscheidet die heute 40-Jährigen von den Vertretern der Generation Stoiber, die ihre Karrieren im Bayerischen Landtag begannen – und dort meist auch beendeten.

Bis heute dient der Erfolg in Bayern der CSU als Legitimation, auch in Berlin lautstark mitzureden. Und umgekehrt wirbt sie daheim mit dem Versprechen, nur sie könne Bayerns Interessen auswärts vertreten. Doch der Spagat ist größer geworden zwischen Bajuwarizität und Internationalität. Zwischen Brüssel und Pfeffenhausen. Und die Gewichte in der Partei verschieben sich. Ein Guttenberg oder ein Weber fürchten eine Pleite bei der Europawahl im kommenden Jahr (dort gilt für die CSU bundesweit die Fünfprozenthürde) mindestens so sehr wie den Verlust der »kosmetischen Fünf« in Bayern.

Nur Markus Söder gibt sich unbeeindruckt: »Die Machtbasis der CSU liegt seit jeher in Bayern.« Dort, wo er seine Truppen sieht. Söder sitzt seit 1994 im Landtag, er war Generalsekretär, nun ist er Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten. Er duzt Edmund Stoiber. Anders als laut und forsch kann Söder sich die CSU nicht vorstellen. Als Generalsekretär, sagt er, habe er seine Rolle »klassisch« interpretiert, »so wie Stoiber sie bei Strauß interpretiert hat«. Wenn Söder über die Zukunft der CSU spricht, schwingt immer die Vergangenheit mit. Strauß, Stoiber, Söder – in München spotten sie über das triple S.

Markus Söder ist in diesem Jahr 40 geworden, lange Zeit galt er als Solitär in seiner Generation. Doch die anderen holen auf. Vielleicht erklärt auch das die Unruhe, die Söder erfasst hat.

Vor ein paar Wochen war es, als ein paar Zeitungen davon berichteten, dass die Wachsfigur von Franz Josef Strauß in dem legendären Kabinett der Madame Tussaud neben dem DDR-Spion Günter Guillaume platziert worden war – in der Abteilung »Helden und Bösewichte«. Für Söder eine willkommene Gelegenheit, mal wieder Schlagzeilen zu machen: Empört forderte er eine Intervention des Außenministers bei der britischen Regierung. Ausgerechnet Guttenberg, der Außenpolitiker, widersprach: Zwar schützten die »in Großbritannien wie in Bayern herrschenden bürgerlichen Freiheiten« auch »unqualifizierte Äußerungen«. Eine Gefährdung des deutsch-britischen Verhältnisses könne er dennoch nicht erkennen.

Eine kleine Keilerei unter Freunden – oder doch mehr?

Auf Strauß und Stoiber lasse er nichts kommen, sagt Söder. »Wer es zulässt, dass die Geschichte der CSU von anderen interpretiert und verdreht wird, versteht die Partei nicht.« Guttenberg entgegnet kühl: »Strauß selbst hätte im vorliegenden Fall sicherlich zur Gelassenheit geraten.«

Eine moderne Frau, zwei nachdenkliche Internationalisten und ein forscher Stoiber-Epigone: Der Kampf um die Zukunft der CSU ist eröffnet.

 
Leser-Kommentare
  1. das tollste Ohrfeigengesicht. Leider ist Beate Klarsfeld nicht mehr aktiv.

  2. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Jeder weiß, wer gemeint ist.

  3. hat sie in ein Paar Jahren ein Problem. Migrantenfamilien haben mehr Kinder, die erwachsen werden und sich für den deutschen Pass entschdeiden. Sie sind die potenziellen Wähler der Zukunft

    • MRehan
    • 25.09.2008 um 23:49 Uhr

    Hallo Bayern,
    Hallo Deutschland,

    wenn wir glauben,dass Politik bei uns in Deutschland oder in Bayern Perfekt klappt der irrt.
    Ich fand sehr lustig wenn Diktatoren in vielen Ländern sich wählen lassen und fast 90 oder 99% stimmen bekommen.
    Wie ist es in Bayern:
    mehr als 50 Jahren gleiche Partei an der Macht kommt. Das ist sicherlich sehr lustig! Hier nicht zu vergessen, dass Bildungswesen viel höher liegt als Länder wie USA, Indien.

    Als Teenager habe ich mal erlebt, dass im Jahr 1977 mehrheit von Wählern haben in Indien die Indira Gandhi abgewählt. Da sollten wir nicht vergessen, dass indische Wähler nicht so hohe Bildungswesen (im Jahr 1977) hatten wie wir in Bayern haben. Ein deutscher Diplomat/B.N.D Mitarbeiter und Indien Experte meinte, dass Menschen mit kaum Bildung teilweise schlauer sind als Menschen im Westen.
    Warum kann in Demokratie immer wieder gleiche Politiker an der Macht kommen? Vermutlich gilt es in Bayern:
    außer Wetter ändert sich nicht.

    "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont" Konrad Adenauer

    Ich wünsche mir mehr Frauen und mehr Personen ausländische Herkunkt im Top Managment (DAX Unternehmen) in Deutschland. Inder stellen mehr Ausländer im Führungspositionen als wir in Deutschland.
    Eine indische Firma hat kein Problem eine Frau aus Deutschland eine Führungsposition an zu bieten. Da werden wir sicherlich nicht auf Grund Ihr Geschlecht weniger Gehalt bekommen so wie wir in Deutschland erleben. Frauen bekommen etwa 22% weniger als Ihre männliche Kollegen. Das ist sogar für unser almodische indische Kunden sehr altmodisch! Ein Kunde hat gemeint, dass so was hätte er in Saudi Arabien erwartet aber nicht in Deutschland.

    "Kein Kultur kann überleben, wenn es versucht exklusiv zu sein" Gandhi
    Wie lange können wir "EXLUSIVE" weiter leben?

    Ich habe leider viel mit Politikern in Deutschland zu tun! Altmodische Herren sind als Rentner gut geeignet.
    Ob jemals ein Politiker wie Obama mit Wort "Change" in Deutschland erfolg haben kann?Viel Spaß am Sonntag: Wählen mit etwas mehr an unser Zukunft denken!
    Ein Land voller Renter kann nicht an Zukunft denken. Es gilt in Bayern/BRD" Mensch ist ein Gewöhnheitstier"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service