Platte meines Lebens (23) Verliebt. In wen? Egal!

Jahrelang hat unsere Autorin Lucio Battistis Platte in der Schublade versteckt: Sentimentale Ergüsse eines Supermarkt-Casanovas! Jetzt steht er neben Claude Debussy und Chet Baker

1976 in Florenz, im Warenhaus Upim. Ich suche ein Chanson, das meinen Sommer, meine große Freiheit weit weg von zu Hause, begleiten soll. Eine Verkäuferin mit Madonnenlächeln hält mir eine 45er-Schallplatte hin: »Lucio Battisti! Ancora Tu! Numero uno!« Ich ziehe einen verächtlichen Flunsch. Ich liebe Brassens, Brel und Barbara, das satirische Chanson, die gequälten Poeten, die verzweifelten Existenzialisten. Ich habe Che Guevara an der Wand meines Teenagerzimmers Obdach gegeben. Ich bin nach Florenz gekommen, um mich eingehend mit dem Quattrocento zu beschäftigen. Auf keinen Fall werde ich mich herablassen, mir die sentimentalen Ergüsse eines Supermarkt-Casanovas anzuhören! Allein, wie er sich auf der Plattenhülle in Szene setzt, dieser Lucio Battisti: weißes, tief ausgeschnittenes Hemd, man ahnt die schwarzen Brusthaare. Ich könnte schwören, dass er ein goldenes Medaillon mit der Muttergottes trägt. Und dass er nach Aftershave riecht. Nein, nein, nein, Ancora Tu ist unter meinem Niveau. So eine Schnulze!

»Das hört man einmal«, sagt die Verkäuferin und sieht mich ernst an, »und schon ist man tutta innamorata, ganz verliebt.« In wen? Wie lange? Egal. Wir sehen uns an. Ein seliges Lächeln legt sich auf unsere Lippen, unsere Blicke schweifen in die Ferne, unsere Herzen rattern. Zehn Minuten später trete ich aus dem Upim. Ancora Tu liegt in meiner Tasche. Lucio Battisti hat mich nie mehr verlassen.

Ancora Tu. 4 Minuten 42 Sekunden amore impossibile. Bis heute ist es der gleiche Rausch, der mich schon bei den ersten Akkorden erfasst. Ja, ich muss es zugeben, und ich bin wirklich nicht stolz darauf – weder das schmerzerfüllte Ne me quitte pas von Jacques Brel noch das orgasmische Je t’aime moi non plus des Duos Gainsbourg/Birkin haben jemals diese Wirkung auf mich ausgeübt.

»Hai già mangiato o no? Ho fame anch’io. E non soltanto di te.« Das Italienische verleiht den Worten einen Hauch von Noblesse. Auf Deutsch heißt das: »Hast du denn schon gegessen? Ich hab auch Hunger. Und nicht nur auf dich.« Jede Frau, die halbwegs bei Verstand ist, würde nach einer solchen Liebeserklärung die Flucht ergreifen. Ich aber bin geblieben. All die Jahre.

Diese kleine Hommage ist für mich ein richtiges Coming-out. Ich musste all meinen Mut zusammennehmen. Denn es war von Anfang an klar, dass Lucio Battisti sich nach meiner Rückkehr aus Florenz auf keinen Fall zu den Großen des französischen Chansons gesellen würde, die in meinem Regal einen Ehrenplatz innehatten. Da, wo zwischen Lateinwörterbuch und Encyclopédie Universalis Serge Gainsbourg und seine dämonischen Brüder wohnten. Lucio Battisti fristete in meiner Schreibtischschublade unter einem Stapel Hefte eine klandestine Existenz.

Mein blinder Passagier blieb in den Tiefen seiner Schublade nicht lange allein. Von jeder Italienreise brachte ich ihm einen Gefährten mit: Adriano Celentano, Lucio Dalla, Umberto Tozzi, eine ganze Kolonie liebeskranker Italiener. Inzwischen hat sich Lucio Battisti in meinem Regal neben Claude Debussy und Chet Baker gedrängelt. Da übertreibt er allerdings ein bisschen! Aber ich habe überhaupt keine Lust, ihn zur Ordnung zu rufen. Er hat sich seine Rehabilitierung redlich verdient.

Lucio Battisti: Ancora Tu (RCA/SonyBMG)

Die Autorin ist Deutschlandkorrespondentin des französischen Wochenmagazins »Le Point«

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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Leser-Kommentare
  1. "sympa"

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