UkraineStadt im Fadenkreuz

Sewastopol gehört zur Ukraine, wird aber überwiegend von Russen bewohnt. Die Regierungen in Kiew wie in Moskau beanspruchen den Heimathafen der Schwarzmeerflotte für sich. Hass bestimmt das Zusammenleben von 

Sewastopol - Mädchen spielen unter einem Denkmal Karten

Sewastopol - Mädchen spielen unter einem Denkmal Karten   |  © Oleg Nikishin/Getty Images

Der vorletzte Sonntag im August war einer der stolzesten Tage im Leben des Iwan Gawrilowitsch Orischenko. Der 82-Jährige saß mit seiner vier Jahre jüngeren Frau Maria Iljinitsch in seiner winzigen Wohnung im fünften Stock eines Siedlungshauses in der Kirowastraße in Balaklawa, einem Vorort der Hafenstadt Sewastopol im Süden der Krim, und sah fern. Es war brütend heiß, er trug nur ein Unterhemd, sie hatte sich ihre von der Hitze angeschwollenen Füße mit Mull verbunden. Auf dem Bildschirm waren ekstatische Menschen zu sehen, die an der Hafeneinfahrt von Sewastopol russische Fahnen schwenkten, die Hände über ihren Köpfen zusammenklatschten und Heiligenbilder hochhielten. Manche weinten. Ein Teil der Schwarzmeerflotte kehrte aus dem Georgienkrieg zurück.

Als Orischenko an die Szene zurückdenkt, legt er seine Hand auf die Brust und sagt, sein Herz habe gelächelt. Er blickt selig vor sich hin wie ein Feinschmecker, der gerade den besten Tropfen Wein gekostet hat, der ihm je über die Zunge geronnen ist. Oder, das wäre vielleicht ein besserer Vergleich, wie der Anhänger einer verpönten Sekte, der sich endlich frei zu seinem Glauben bekennen darf. Sein Glaube gilt der Sowjetunion beziehungsweise – da es die nun einmal nicht mehr gibt – Russland.

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Die Krim gehört zur Ukraine. Die Orischenkos sind Ukrainer. Aber sie sprechen russisch, sie fühlen sich als Russen. Orischenkos großes Vorbild war der russische Marschall Georgi Schukow, »ein Autodidakt ohne Militärausbildung«, wie er bewundernd sagt, der die deutsche Wehrmacht vor Moskau und in Berlin besiegte. Er träumt von einer Wiedervereinigung seiner ideellen Heimat mit seinem realen Vaterland. Aber da eine Wiedervereinigung jetzt wohl ausgeschlossen sei, müsse zumindest die Krim Russland zugeschlagen werden, erklärt er. Sewastopol sei als Heimathafen der Schwarzmeerflotte lebenswichtig für das Land.

Auf den Straßen der Stadt wird fast nur russisch gesprochen. Hoch oben weht die russische Fahne über einem imposanten Gebäude, das wie der Amtssitz eines Generalgouverneurs aussieht. Es ist das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte. 1997 schloss Russland mit der Ukraine ein Abkommen über deren Stationierung. Der Vertrag läuft 2017 aus, der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko forderte die Russen Anfang dieses Jahres schon mal auf, mit den Vorbereitungen für den Abzug zu beginnen. Der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow erklärte daraufhin, Russland werde niemals auf die Stadt verzichten. Die ukrainische Regierung verhängte ein Einreiseverbot gegen ihn. Russland wiederum drohte, das Nachbarland ins Visier seiner Atomraketen zu nehmen, sollte es, wie von Juschtschenko gewünscht, der Nato beitreten. Der ukrainische Verteidigungsminister Jurij Jechanurow dachte daraufhin laut über den Aufbau eines eigenen Nukleararsenals nach. Das Energieministerium bereitet bereits seit zwei Jahren den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage vor, der erste Schritt auf dem Weg zur Produktion von Atomwaffen.

Nach der Krise um Südossetien und Abchasien ist die Krim in das Zentrum der Spannungen zwischen Russland und der Nato gerückt. Ist es vorstellbar, dass sich hier erneut ein Konflikt der Großmächte entzündet wie 1783, als das Zarenreich die damals zum Osmanischen Reich gehörende Halbinsel eroberte, oder wie 1855, als Großbritannien, Frankreich und die Türkei das fast völlig zerstörte Sewastopol nach elfmonatiger Belagerung einnahmen? Im Zweiten Weltkrieg verwandelten die Hitlertruppen die Stadt während einer 250-tägigen Blockade erneut in ein Trümmerfeld. Zwei Jahre später eroberte die Rote Armee sie zurück.

Jetzt geht es so friedlich zu, dass man sich die schreckliche Vergangenheit kaum ausmalen kann. Touristen aus Russland und Weißrussland, aus Osteuropa und ehemaligen Mitgliedsstaaten der Sowjetunion schlendern an der Artilleriebucht entlang. Eltern führen ihre aufgeregten Kinder ins Delfinarium. An der Hafenmole von Balaklawa liegen superluxuriöse, in der Karibik, in Gibraltar und in Australien registrierte Motorjachten. Junge Männer fotografieren ihre Freundinnen, die sich in aufreizenden Posen an die Säulen der alten Grafenmole schmiegen. Ältere Semester versuchen sich beim Freilicht-Karaoke. Tags wie nachts herrscht ein auf harmlose Art leichtlebiges Treiben. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Orischenkos Frau erklärt unverblümt: »Wir hassen die Ukraine.«

»Wir akzeptieren die Ukraine nicht«, verbessert ihr Mann sie. Aber sie lässt sich von ihrer Wortwahl nicht abbringen. Sie zieht gleich wieder gegen das Land vom Leder, in dem sie zwangsweise lebe. »Wir sind betrogen worden«, sagt sie. Nikita Chruschtschow verleibte die bis 1954 zur russischen Teilrepublik der Sowjetunion gehörende Krim der Ukraine ein, ein damals völlig unstrittiger Verwaltungsakt, der die reibungslosere Versorgung der Krim mit Energie und Lebensmitteln sicherstellen sollte. Niemand hielt es damals für möglich, dass die Sowjetunion jemals auseinanderbrechen könnte. Es spielte für die Bürger der Stadt keine Rolle, in welcher Teilrepublik sie lebten.

Hass scheint überhaupt nicht zu der alten Frau zu passen, sie strahlt so viel Wärme aus. Einmal fällt sie ihrem Mann um den Hals und drückt ihm einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen. Er ist ein rüstiger Opa mit charaktervollen Gesichtszügen, großen Ohren, einer knolligen Nase und buschigen Augenbrauen. Er hält resolut an den Idealen seiner Jugend fest. »Wir wurden im Geist des Kollektivismus erzogen«, erklärt er, »einer für alle und alle für einen. Jetzt kümmert sich jeder um sich selbst. Wir können dieses System nicht akzeptieren.«

Orischenko diente in der Sowjetmarine als ranghoher Offizier. Seine Familie ist fest in der Marinetradition verankert, der Sohn ist Offizier einer Versorgungseinheit der Schwarzmeerflotte, der Schwiegersohn Offizier zur See. Der kommandiere ein Kriegsschiff vor Poti, der georgischen Hafenstadt, flüstert Orischenkos Frau, als ihr Mann kurz das Zimmer verlässt, ihr Mann wolle das aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben. Aber sie kann es nicht für sich behalten. »Ein Kommando über ein ganzes Schiff vor Poti!«, formt sie die Worte noch einmal stolz mit den Lippen nach, als er zurückkommt, und fügt rasch hinzu: »Aber sagen Sie nichts!«

Die Abneigung gegen die Ukraine gründet sich nicht nur auf Sowjetnostalgie. Die Orischenkos verbittert am meisten, wie die Regierung versucht, den Russen die ukrainische Sprache aufzuzwingen. Kinos dürfen keine russischen Filme mehr zeigen, das russische Fernsehen wurde aus den Kabelnetzen verbannt. Die staatliche Sprachbereinigung geht so weit, dass Frauen mit dem Vornamen Elena zwangsweise in Olena umgetauft wurden. Die beliebte russische Aljonka-Schokolade, die ihren Ursprung 1851 in der Moskauer Konditorei des Württemberger Adeligen Theodor von Einem hat, darf nur noch unter dem Markennamen Olenka verkauft werden. Das sehr russische, pausbäckige Mädchen auf der Verpackung wurde durch eine adrette Maid in ukrainischer Tracht ersetzt.

Das Ukrainische unterscheidet sich zwar nicht so sehr vom Russischen, nur ein Buchstabe ist anders. Russen können es verstehen, wenn auch nicht sprechen. Aber die Abweichungen sind groß genug, um den Umgang mit Behörden zu erschweren, die Orischenko zufolge jetzt nur noch ukrainische Dokumente akzeptieren. Zu Sowjetzeiten war er ein wichtiger Mann in der Militärhierarchie, jetzt schnauzen ihn kleine Beamte an, als sei er ein Dummkopf, wenn sie einen Fehler in seiner ukrainischen Rechtschreibung entdecken.

Leserkommentare
  1. 1. Krim

    Was mich betrifft, so stimme ich mit Iwan Gawrilowitsch Orischenko teilweise zu. Ich verstehe, dass das Leben in der Ukraine nicht perfekt ist. Aber wir sind die Ukrainer und mussen unsere Heimat ehren. Man kann sagen, dass Krim ein Teil des Russlands ist. Fast alle Bewohner sprechen russisch. Wir konnen die russische Fahne über einem imposanten Gebäude sehen. Iwan Orischenko und seine Frau hassen die Ukraine. Sie wollen Krim und Russland vereinigen. Sie erinnern sich an der Sowjetunion. Damals hatte Iwan Gawrilowitsch Vorteile. Zu Sowjetzeiten war er ein wichtiger Mann in der Militärhierarchie, jetzt schnauzen ihn kleine Beamte an. Die Abneigung gegen die Ukraine gründet sich nicht nur auf Sowjetnostalgie. Die Orischenkos verbittert am meisten, wie die Regierung versucht, den Russen die ukrainische Sprache aufzuzwingen. Kinos dürfen keine russischen Filme mehr zeigen, das russische Fernsehen wurde aus den Kabelnetzen verbannt. Aber wir konnen nicht die Meinungen der Menschen verandern.
    Krim gehort zu der Ukraine und wir mussen die ukrainischen Traditionen in diesem Teil des Landes entwickeln.

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