Finanzmärkte Der tägliche Crash

Die Krise hat ihren Höhepunkt erreicht: Ist der Finanzkapitalismus am Ende?

Die New Yorker Börse am Dienstag: Am Montag hatte der Crash der Lehman-Bank die Finanzwelt erschüttert, einen Tag später gingen die Kurse auf Talfahrt.

Die New Yorker Börse am Dienstag: Am Montag hatte der Crash der Lehman-Bank die Finanzwelt erschüttert, einen Tag später gingen die Kurse auf Talfahrt.

Erst platzte nur die Immobilienblase, und das war schlimm genug. Doch jetzt birst eine viel größere Blase – die des angelsächsischen Finanzkapitalismus selbst. Aufgepumpt durch die Gier der Banker, das billige Geld der US-Zentralbank und unverantwortlich handelnde Politiker, ist er zum instabilen Gebilde mutiert.

Der Finanzsektor in den USA griff sich einen unnatürlich großen Teil vom gesamten Kuchen. Man muss sich das einmal vorstellen: Zwischen 1982 und 2007 hat sich der Anteil der Gewinne der US-Finanzindustrie an der Wirtschaftsleistung in den Vereinigten Staaten versechsfacht. Am Ende rissen die Banker ein Drittel aller Unternehmensgewinne an sich. Erst standen hinter der Entwicklung echte Innovation und Leistung, sei es durch neue Finanzprodukte oder geschickte Spekulation. Doch dann schlug die Methode in Wahnsinn um. Die Banker verscherbelten unsichere Kredite als Spitzenware, wurden reich und reicher – und entzogen sich selbst den Boden.

Elf Finanzinstitute in Amerika sind in diesem Jahr schon Bankrott gegangen. Der führende Versicherungskonzern kämpft gegen die Pleite. Die großen Investmentbanken, das Herz des Finanzkapitalismus an der Wall Street wie in der Londoner City, sind eine aussterbende Art.

All das ist noch keine Weltwirtschaftskrise, aber die Welt gerät immer tiefer in die Bredouille. Diese Woche markiert das endgültige Ende der Ära Greenspan, der als Notenbankchef der USA so viel Geld in die Wirtschaft pumpte. Und es ist das – zumindest vorläufige – Ende der Weltherrschaft der angelsächsischen Finanzindustrie, der andere Länder nachstrebten und von der sie bedenkenlos Schulden übernahmen.

Auch auf diesem Gebiet verlieren die USA ihren Status als einzige Supermacht. In der multipolaren Welt werden östliche Staatsfonds ebenso mitreden wie europäische Gläubiger. Im Vergleich steht auch das deutsche Finanzsystem nun besser da. Eine Immobilienblase gibt es nicht. Die großen Banken haben gerade noch die Kraft bewiesen, durch Zusammenschlüsse das Finanzwesen selbst umzuformen. Und daneben existiert ein Sparkassensektor, der die Einlagen seiner Sparer erfolgreich an Betriebe weiterverleiht. Und doch steht Deutschland wie ein Kaninchen vor der Finanzkrisenschlange. Öffentliche Banken haben sich noch den größten Schuldenmist der Wall Street andrehen lassen, auch Privatbanken sind verstrickt in das Desaster, und die Regierung hat jede Gelegenheit ausgelassen, um der heimischen Wirtschaft mehr Schub zu verleihen und sie aus ihrer Abhängigkeit vom Rest der Welt und vor allem von den USA herauszulösen.

Ohnehin wäre es verkehrt, sich jetzt den Angelsachsen überlegen zu fühlen. Die Welt hat ja lange profitiert vom US-Boom, und ohne die Jongleure von der Wall Street wäre sie heute wohl ärmer. Auch wenn deren Welt nun zusammenbricht – einige von ihnen stehen in kleineren Instituten schon bereit für den nächsten Anlauf aufs große Geld.

Der Wohlstand in West und Ost wird nur kräftig weiterwachsen, wenn es gelingt, den Finanzkapitalismus zu zivilisieren, ohne ihn wegzuregulieren. Zwei Hoffnungen sind in dieser Hinsicht zerplatzt. Spekulative Fonds haben die Märkte nicht vor hoffnungsloser Überbewertung bewahrt, staatliche Aufpasser ebenso wenig.

Die Politik muss Distanz zur Finanzindustrie wahren, in der Krise und im Boom. Banker und Anleger brauchen Anreize, die sie in den heißen Phasen Vernunft walten lassen. Und Notenbanker dürfen sich nicht benehmen wie die Alchemisten des Geldes.

Weitere Berichte und Analysen zur Finanzkrise lesen Sie in der neuen Ausgabe der ZEIT. Ab dem 18. September am Kiosk.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich lese da so oft die Gier der Banker, oder die Gier der Industriemanager. Für mich aber sind die wahrhaft Gierigen die Aktionäre mit ihren geradezu fantastischen Renditeanforderungen denen so mancher CEO und CFO hinterher hecheln musste.... Aktionäre gibt es viele, Pensionskassen (die werden gerne erwähnt um Investitionen eine Rechtfertigung mit sozialem Hintergrund zu geben), Investoren die mal eben nicht's anders tun können mit ihren Vermögen als Aktien zu kaufen...

    Die vielen Mio. Kleinaktionäre spielen in diesem Spiel eh keine Rolle. Die Anzahl mag wohl hoch sein, die Kombinierten Stimmreche reichen aber für überhaupt nicht's aus.

    Die Ausbildung der vergangenen Manager Generation hat ja die MBA's geradezu darauf getrimmt die Renditen auf das Eigenkapital als das Mass aller Dinge für die Börsen dieser Welt zu nehmen. So ganz Nebenbei war Innovation, Produktion und Verkaufszahlen auch noch Faktoren die glauben liessen man könne ohne solide Fundamente Reich werden. Eigentlich würde ich viel lieber in ein Unternehmen investieren das einen genügend grossen Sparstrumpf vorweisen kann und zudem auch noch soziale und oekologische Produkte herstellt und es gleichzeitig schafft mit den Mitarbeitern respektvoll umzugehen...

    Da währe es doch an der Zeit mal wieder Langfristige Perspektiven zur Unternehmensführung zu verwenden anstatt diese einem 3 Monatigen Rechtfertigungszyklus zu unterwerfen... Wohlgemerkt, auch das nur wieder zu Gunsten der Aktionäre.

    Ich hoffe das diese Variation des "Finanz" -kapitalismus zu Ende ist und dies auch mit geänderten Regeln und Gesetzen untermauert wird. Es müssen ja nicht mehr werden, man kann diese auch abändern.

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Helda Camara
    a

    • Chi
    • 17.09.2008 um 21:36 Uhr

    Danke für die deutlichen Worte und die klaren Benennungen. Es tut gut, es im Klartext zu lesen. Nur: Nützt es auch was? Wird man draus lernen? WILL man überhaupt was lernen? Die schnell überwiesenen 300 Mio der KfW riechen nach so unglaublichem Dilettantismus, dass man Schüttelfrost beim Zuhören bekommt. Wer auch dafür wieder gerade steht, ist klar: Der mittelkleine Mann, der noch kein Hartz IV bekommt, aber voll in der Steuerprogression ist und weiter schwerst abgezockt wird. So, wie es immer war.

    Selbst wenn man das Spiel gedanklich weiterspielt und damit rechnet, dass es globale Schwerstauswirkkungen gibt, die dann später auch alle Versicherer, überhaupt alle Spekulanten usw. betreffen, wird die Weltwirtschaft immens mit hineingerissen und nichts wird mehr sein, wie es war.

    Und dann? Wenn all das nicht (!!!) vorhandene Geld plötzlich noch mehr miese macht? Man muss sich vorstellen, dass ja mit Finanzwerten spekuliert wird, die de facto gar nicht existieren. Das macht das Ganze doch erst zum Wahnsinn.

    Irgendwo wäre es ja nur kerngesnd und konsequent, wenn all dieser WAHN mal zusammenbrechen würde. Das Problem dabei ist dann nur:Sind wir als schwerkranker Globalpatient Menschheit anschließend überhaupt reif für eine wirkliche Gesundung?

    Ich fürchte nein. Es bestünde wohl weiterhin und noch länger die Gefahr, dass ein ähnliches System krankhafter Raffgier binnen kurzem wieder aufgebaut wird. Schuld daran sind auch all die Regierungen, die dies über Jahrzehnte und länger stützten, als sei es normal, dass in diesem schier unglaublichem Umfang abgezockt wird.

    Vielleicht gehört es zum Schicksal dieser Generation zu erleben, wie das Unmögliche tatsächlich möglich wird zu Lasten der ganzen Menschheit und das menschlich Mögliche aus Unmöglichkeitsgründen, die auf Egoismus und Gier basieren, verhindern?

    Kein politischer Robin Hood auf der ganzen Erde, der endlich mal aufräumt?

    Es scheint, es lohnt sich wohl nicht mehr?

    Das Versagen der Politik in Sachen ausufernder Wirtschaftswahn ist unsäglich geworden.

  2. Was wollen Sie sagen Herr Heuser? Ihr Beitrag wirkt wie das hilflose Stammeln eines überzeugten Finanzkapitalisten, der zwar sieht, dass das ganze System zusammenbricht, aber dennoch trotzig für ein "Weiter so!" plädiert. Es ist unfaßbar!

    "Der Wohlstand in West und Ost wird nur kräftig weiterwachsen, wenn es gelingt, den Finanzkapitalismus zu zivilisieren, ohne ihn wegzuregulieren."

    Welchen kräftig wachsenden Wohlstand meinen Sie denn? Etwa den, den sich die Granden der Finanzwirtschaft mehr und mehr allein unter den Nagel reißen? Wie meinen Sie denn diesen Finanzkapitalismus "zivilisieren" zu können ohne ihn kräftig und nachhaltig zu regulieren.
    Kapitalismus bedeutet systematische Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die Kapital besitzen und immer mehr akkumulieren und diejenigen, die sich mangels Kapital verschulden müssen (und sollen), um diejenigen zu alimentieren, die ihnen das Kapital zur Verfügung stellen. Will man dieses System zügeln, muss man es an die Kandarre nehmen.

    Soziale Marktwirtschaft, auf die man im Nachkriegsdeutschland zu recht stolz war, ist im Grunde ein Antagonismus. Sozial und Marktwirtschaft, das geht im Grunde gar nicht. Marktwirtschaft wirkt in letzter Konsequenz wie "das Recht des Stärkeren", d.h. populär ausgedrückt, die Verteilung von unten nach oben. Will man dieses Prinzip abfedern, braucht man eine starke Instanz, die diese Tendenz korrigiert, durch eine "angemessene" Rückverteilung. Dass man diesen Ausgleich politisch schaffen muss, war bis Ende der siebziger Jahre noch Konsens. Dieser ist nachhaltig zusammengebrochen!

    Leider ist heute eine unsägliche Ideologie am Werk, die meint sozialen Ausgleich schon allein durch maximalen Wettbewerb herbei führen zu können, nach der Devise: Wenn sich jeder nur "eigenverantwortlich" gegen den anderen aufstellt, um seinen eigenen Vorteil zu maximieren; dann wird schon alles zum Wohle der Gesellschaft laufen. Der Staat hat nur noch die Aufgabe, diesen freien Lauf zu flankieren. Treibende Kraft dieser zerstörerischen Ideologie ist die Finanzwelt mit ihrer schier maßlosen Gier nach Maximierung der Rendite.

    Freilich ist diese Finanzwelt keine äußere Gewalt und schon gar keine höhere, der man nichts entgegen setzen kann und darf, so wie es die Hohepriester dieses Systems gerne darstellen, in dem sie sozialistische Untergangsszenarien an die Wand malen. Man muss nur den Mut haben, etwas zu tun. Dies wird natürlich nicht mit dem Schröderschen Opportunismus möglich sein, der in aktiven Zeiten, stets die nachpolitische Ära im Establishment des Kapitalismus im Auge hat. So wird jede politische Entscheidung einem "Sachzwang" untergeordnet, der die Änderung des Status Quo kategorisch ablehnen muss....
    ....natürlich alles zum Wohle des Volkes!!!

    Weiter so Deutschland, weiter so globale Welt!!!??

  3. Endlich wird die Welt, hoffentlich, begreifen, dass nicht alles, was aus den Staaten kommt und dank der Weltsprache Englisch von sprachgewandten Blendern als der Weisheit letzter Schluß verkauft wird, auch vernünftig und nachahmenswert ist.
    Die USA haben das Leben auf Pump, Schulden statt Ersparnisse, das Alles- und-Sofort haben, als Maßstab aller Dinge propagiert. Es leuchtet mir nicht ein, wieso wir ohne die Finanzjongleure Amerikas ärmer wären. Vielleicht hat der Autor des Artikels den Satz nicht zu Ende formuliert, da er sagen wollte "vorübergehend", aber die Anschläge haben nicht gereicht.
    Selbst die (wenigen) kultivierten Amerikaner, darunter Joseph Stiglitz, haben bereits seit 3-4 Jahren verstanden, dass Greenspan mit seinen Mikrozinsen auf dem Holzweg war (s. Japan).
    Hierzulande haben dagegen die Herren Schröder, Berlusconi und Sarkozy die wundersame Vermehrung des Geldes durch unseriöse Finanzierungen angepriesen und die Bedürftigen zum unfreiwilligen Sparen verdonnert. Überflüssig zu sagen, dass die unfreiwilligen Sparer mit der Zeit immer mehr wurden.
    Ich hoffe, man wird endlich einsehen, dass Europa eine Abkopplung, eine Abschottung von der hirnrissigen Schuldenpolitik der USA dringend braucht. Es kann übrigens nicht angehen, dass öffentliche Gelder "aus Versehen" an eine in Konkurs geratene US-Firma überwiesen wurden. Wer da mit Konsequenzen droht, der meint nur viel zu milde Konsequenzen. Die Überweiser sollten entweder das Gels sofort ausfindig machen, ohne das Konkursverfahren in den USA abzuwarten (man weiß, wer und wie in Amerika die Prozesse gewinnt), oder sich erst selbst verschulden, um das Geld aus eigener Tasche zu bezahlen. Es war doch nie so leicht, zum Eigenheim ohne Vorleistung zu kommen, wa? Solche Verbrecher sollten erst mal lernen, wie man mit 50 dasteht, wenn man auf Leben oder Tod auf ein Einkommen angewiesen ist! Probieren geht über Studieren.

  4. Der InterAction Council ehemaliger Staats- und Regierungschefs mahnte im Juni 2008 ebenfalls die Regulierung der Monster - Finanzmärkte an:

    www.interactioncouncil.org dort unter "Expert-Meetings" Stockholm Juni/2008

  5. Money for nothing... Von wegen. Alle Monoployspieler sind pleite...

    Hoffentlich wird sich Deutschland endlich von diesen Raeuberbaronen emanzipieren. Wichtig ist es jetzt, den Zahlungsverkehr der deutschen und europaeischen Realwirtschaft aufrecht zu erhalten. Davon haengen die Arbeitsplaetze ab.

    Den angelsaechsischen Raeubern braucht man keine Traene nachzuweinen. Soll mir jetzt keiner anfangen wie Frau Merkel von einer transatlantischen Wirtschaftgemeinschaft zu schwafeln. Diese Leute haben gegen Deutschland zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. Niemand hat Deutschland im 20. Jahrhundert mehr Schaden zugefuegt.

    Schulterschluss mit Russland ist darueber hinaus schnellstens von Noeten. Die deutsche Zukunft liegt im Osten! Dort sind die Maerkte der Zukunft. Dort befinden sich 60 Prozent der weltweiten Energievorraete.

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    Diese Leute haben gegen Deutschland zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. Niemand hat Deutschland im 20. Jahrhundert mehr Schaden zugefuegt.

    abgesehen, vielleicht, von den deutschen selber.

    Im Osten war damals auch Krieg. Ziemlich viel sogar. Und dass der Krieg von Amerika "gegen D vom Zaun gebrochen" wurde hab ich so auch noch nie gehört. Lesen Sie doch mal ein Geschichtsbuch!

    AJ

    • cs
    • 18.09.2008 um 7:22 Uhr

    "Diese Leute haben gegen Deutschland zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. "

    In welchem Paralleluniversum leben Sie denn?

    Diese Leute haben gegen Deutschland zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. Niemand hat Deutschland im 20. Jahrhundert mehr Schaden zugefuegt.

    abgesehen, vielleicht, von den deutschen selber.

    Im Osten war damals auch Krieg. Ziemlich viel sogar. Und dass der Krieg von Amerika "gegen D vom Zaun gebrochen" wurde hab ich so auch noch nie gehört. Lesen Sie doch mal ein Geschichtsbuch!

    AJ

    • cs
    • 18.09.2008 um 7:22 Uhr

    "Diese Leute haben gegen Deutschland zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. "

    In welchem Paralleluniversum leben Sie denn?

  6. Wenn nach Frank Schirrmacher jetzt alle deutschen Kolumnisten der anfangen, das Finanzsystem, das sie doch 20 Jahre lang publizistisch wohlwollend begleitet haben, anzugreifen, wenn Sie jetzt plötzlich so daherreden wie die abgewickelten Ossis von der Linkspartei... dann muß ja wirklich was im Schwange sein.
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    Wie gut, daß alle deutschen Qualitätsmedien ihre Abonenntenzahlen, ihr Anzeigenvolumen und ihre Werbeeinnahmen auch in Krisenzeiten permanent vergrößern und zumindest Ihre Arbeitsplätze allesamt unzweifelhaft sicher sind.
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    There is no free lunch / Das alles regelt der Markt / In God we trust
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  • Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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