Gesellschaft Herrschaft und Heil

Bernhard Bueb zwingt zusammen, was zusammen nicht passt und schreibt autoritären Kitsch von Führer und Führen

Eine Faustregel besagt: Je vielschichtiger soziale Probleme, desto schlichter werden die in Büchern dargereichten Rezepte zu ihrer Lösung. Eva Herman, Peter Hahne und Frank Schirrmacher (Minimum) sind solche Spezialisten der Vereinfachung, und auch der Pädagoge Bernhard Bueb gehört dazu. Bueb war Leiter des Internats Salem, und kaum hatte er es verlassen, unterrichtete er die Welt darüber, dass in deutschen Eltern- und Schulhäusern vor allem zweierlei fehlt: Disziplin und Gehorsam. Nun hat »Deutschlands strengster Lehrer« (Bild) nachgelegt und neun Vorschläge zur Rettung des Schulwesens unterbreitet. Von der Pflicht zu führen (Ullstein Verlag) heißt das Druckwerk, und wie der Titel annonciert, kommt das Wort »Führen« darin sehr oft vor, zuweilen in jeder Zeile einmal.

Buebs Hauptgedanke erschöpft sich in der Erkenntnis, die Gleichheitsideologie sei Ursache allen Elends, weil sie den Direktor zum machtlosen Primus inter Pares herabwürdige. Drollig ist Buebs Klage, aufgrund der Gleichmacherei führe ein Schulleiter üblicherweise denselben Autotyp wie seine Untergebenen. Dass Direktoren wie Studienräte Mercedes fahren, ist in der Tat ein schlimmes Zeichen von egalitaristischem Wahn. Noch schlimmer ist für Bueb, dass dieser Wahn verhindert, eine Schule wie ein Unternehmen »in der freien Wirtschaft« zu führen und Versagerlehrer an die Luft zu setzen. Aber welchen »Unternehmensführer« hat Bueb für seinen Schuldirektor im Auge? Peter Hartz, das Vorbild der Jugend? Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel?

Das Freundlichste, was man über Buebs Elaborat sagen kann, ist die Feststellung, dass zwei Herzen in des Autors Brust schlagen. Auf der einen Seite pocht des Zuchtmeisters Sehnsucht nach Ordnung, Gefolgschaft, Strafen, Überwachen, Kontrollieren und Disziplinieren – eben der autoritäre Kitsch von Führer und Führen. Auf der anderen Seite träumt Bueb von einer Pädagogik ohne Macht, einer Erziehung, die Kinderseelen »gerecht« wird, Leidenschaften entzündet und Talente zur Blüte bringt. In erstaunlich menschenfreundlichen Sätzen gelingt Bueb ein schönes Lob des pädagogischen Eros, von Bildung und Herzensbildung. Er fordert eine klug rhythmisierte Ganztagsschule und hegt einen sympathischen Affekt gegen die Bürokratisierung des Lernens. Der Lehrer soll ernst und liebevoll sein, gütig und gerecht – er soll nicht Lehrpläne unterrichten, sondern Menschen.

Und dennoch, Buebs semantische Trickserei, sowohl Zuwendung wie Disziplinierung unter dem Herrenreiterwort »Führen« abzuhandeln, ist begrifflich disziplinlos, intellektuell unredlich und eine Täuschung des Lesers. Damit gewährt Bueb, das Idol der »Neuen Bürgerlichkeit«, ganz nebenbei einen vielsagenden Einblick in die Geisteslage dieser verunsicherten Klasse. Dem neuen Bürger wird die Demokratie suspekt; er wünscht sich den guten Herrscher, dem man einen Teil seiner Freiheit opfert, um im Gegenzug Sicherheit zu bekommen. Herrschaft und Heil: Das ist Buebs heimliches Muster. Seine Führernaturen entlasten von den Schrecken der Freiheit und schenken Schutz und Sicherheit, die sich viele verständlicherweise wünschen. Vielleicht überredet der Verlag Bueb nun bald dazu, ein neues Buch zu schreiben: »Vom Elend der Gleichheit. Zehn Vorschläge zur Überwindung der Demokratie«.

 
Leser-Kommentare
    • Rahab
    • 22.09.2008 um 15:56 Uhr

    konstruktionen von Schreber erst! ersonnen zur verhinderung der männlichen selbstbefleckung=onanie. das war noch sinn-volle wissenschaft!
    heute dagegen? da verkümmert den jungs das rückenmark und hirnschmalz ganz ohne onanie.... es ist ein jammer!

  1. Dieser Assheuer ist der erste Assheuer,der mir wirklich gefällt. Das mußte ich einfach noch anfügen, obwohl ich den Beitrag erst heute entdeckt habe. Um den Inhalt des Artikels und um den Zwiespalt des Lehrers geht es bisher überhaupt nicht. Kein einziger Forenbeitrag wird der Brisanz des angesprochenen Sachverhaltes gerecht. Wie und nach welchem Menschenbild sollen Lehrer heute erziehen und bilden? In welcher Schule? Wie buchhalterisch durchgestylt darf der Lehr- und Unterrichtsplan denn noch ausfallen?
    Ich frage mich nun, ob das an der Gedankenlosigkeit der Kommentaoren (m/f) oder an der Kürze des Beitrags von Assheuer lag.
    Hervorhebenswert erscheint mir aber besonders diese Zuspitzung, an der zu meinem Erschrecken niemand Anstoß nimmt:
    Damit gewährt Bueb, das Idol der »Neuen Bürgerlichkeit«, ganz nebenbei einen vielsagenden Einblick in die Geisteslage dieser verunsicherten Klasse. Dem neuen Bürger wird die Demokratie suspekt; er wünscht sich den guten Herrscher, dem man einen Teil seiner Freiheit opfert, um im Gegenzug Sicherheit zu bekommen. Herrschaft und Heil: Das ist Buebs heimliches Muster. Seine Führernaturen entlasten von den Schrecken der Freiheit und schenken Schutz und Sicherheit, die sich viele verständlicherweise wünschen. Vielleicht überredet der Verlag Bueb nun bald dazu, ein neues Buch zu schreiben: »Vom Elend der Gleichheit. Zehn Vorschläge zur Überwindung der Demokratie«.
    Das ist doch eine sehr reale Beobachtung zur gegenwärtigen bürgerlichen Haltung, finde ich. Da redet man (m/f) lieber von Onanie+Schrebergartenlaubenpädagogik?

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    • Rahab
    • 17.10.2008 um 18:50 Uhr

    vielleicht nur 'direkter'. denn in der schreber'schen pädagogik ist der zusammenhang von herrschaft und heil auf die spitze getrieben. auch wenn heute andere vorrichtungen zur besseren zurichtung gewünscht sein mögen.

    • Rahab
    • 17.10.2008 um 18:50 Uhr

    vielleicht nur 'direkter'. denn in der schreber'schen pädagogik ist der zusammenhang von herrschaft und heil auf die spitze getrieben. auch wenn heute andere vorrichtungen zur besseren zurichtung gewünscht sein mögen.

    • Rahab
    • 17.10.2008 um 18:50 Uhr

    vielleicht nur 'direkter'. denn in der schreber'schen pädagogik ist der zusammenhang von herrschaft und heil auf die spitze getrieben. auch wenn heute andere vorrichtungen zur besseren zurichtung gewünscht sein mögen.

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