Jugend Die neuen Internationalisten

Viele junge Deutsche helfen in der Dritten Welt: Dient es dem Guten – oder bloß der Karriere?

Als das Gespräch im Szene-Café schon zu Ende ist, hält Marett Klahn einen Augenblick inne, lächelt, und sagt: »Geld ist eben nicht alles. Für mich. Und eigentlich für alle.« Marett Klahn ist Teil einer neuen Jugendbewegung. Einer, die ganz anders ist als ihre Vorgänger. Die nicht gegen die Regierenden auf die Barrikaden geht, sondern sich massenweise für ein Regierungsprogramm begeistert. Die 68er hatten Sit-ins, die 80er Friedendemonstrationen, die 90er die Love-Parade. Die Jugendbewegung des neuen Jahrtausends in Deutschland hat »Weltwärts«.

»Weltwärts« schickt Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren in die Welt, zu einem unbezahlten, aber zumindest kostenlosen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Private Hilfsorganisationen stellen die Plätze in ihren Projekten, die Bundesregierung übernimmt die Kosten. Gestartet wurde das Programm vor einem Jahr vom Entwicklungshilfeministerium. Kurz darauf brach die Internetseite des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) wegen des Ansturms interessierter Jugendlicher zusammen. Drei Monate später hatten sich allein dort 700 von ihnen ins Blaue auf noch nicht existierende Praktikumsplätze beworben. Bis heute sind mehr als 10.000 Bewerbungen eingegangen.

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Es sind Zahlen, die andeuten, dass »Weltwärts« mehr ist als ein erfolgreiches Behördenkonzept. Dass es das Lebensgefühl einer neuen Jugendbewegung widerspiegelt: pragmatisch bis zum Opportunismus, unideologisch, global, aber auch mit dem vielleicht etwas naiven Glauben an eine bessere Welt. Einer Jugend, die sich einerseits weltweit engagiert, deren kreativer Elan aber offensichtlich nur bis zum Ausfüllen der Bewerbung für ein Regierungsprogramm reicht.

Doch was treibt so viele junge Deutsche dazu, ein Jahr lang in Problemgebiete der Welt zu gehen? Wer den Erfolg von »Weltwärts« begreifen will, muss das Lebensgefühl dieser Jugend verstehen. Den Versuch, Karriere und Helfen zu vereinen.

Wie zum Beispiel Lucas Rosenthal. Rosenthal wohnt in Birkenwerder, im Norden Berlins, im Einfamilienhaus bei den Eltern mit Erker und kleinem Teich. Der 18-Jährige geht nach Rio de Janeiro, Straßenkinderprojekte koordinieren. Der Abiturient ist ein höflicher junger Mann, holt den Besuch am Bahnhof ab und fragt, ob duzen okay sei. Zu trinken gebe es leider nur Apfelsaftschorle. Er könne sich vorstellen, später in einer Nichtregierungsorganisation zu arbeiten, sagt Lucas, und dass er die Ellenbogengesellschaften ablehnt. Würde er sich politisch als links einordnen? Lucas überlegt, dann sagt er: »Nicht links, ich würde mich als liberal-sozialdemokratisch bezeichnen.« Er habe »generell Probleme mit Extremen. Außerdem hat man in der Geschichte gesehen, dass es nicht funktioniert.«

Für Erwin Wilde von Wildemann, Leiter der Entsendegruppe »Weltwärts mit dem DED«, sind Leute wie Lucas der Grund, warum diese Generation mich sehr stark an meine eigene erinnert«. Wildemann, seit 33 Jahren in der Entwicklungshilfe, hatte in den Jahren vor »Weltwärts« Nachwuchsprobleme, als die Generationen »Was geht mich das an?« und »Wie viel Geld gibt’s?« den Ton bestimmten. Und jetzt? Es sei wie damals, »der Gedanke, einfach mal loszuziehen und Solidarität zu üben«.

Als Abiturientin und Frau repräsentiert Marett Klahn etwa 70 Prozent der »Weltwärts«-Teilnehmer. Sie sitzt in einem Café im alternativen Hamburger Schanzenviertel und erzählt aus ihrem Leben. Von Anti-Nazi-Demos, Kraftwerksbesetzungen und unbezahlten Gasrechnungen ihrer Eltern, beide Freie in der Filmbranche. Es hört sich an wie der linksalternative Gegenentwurf zur gediegenen Bürgerlichkeit von Lucas Rosenthal, wie Schanzenviertel gegen Birkenwerder. Aber auch Klahn sagt: »Ich bin Mitte-links, linksliberal. Aber nicht im wirtschaftlichen Sinne, sondern kulturell und gesellschaftlich.« Wieso nicht links? »Kein Extrem ist gut.« Marett Klahn nippt an ihrer Cola light.

Wahrscheinlich ist der wirkliche Unterschied zwischen Marett und Lucas nicht der zwischen bürgerlich und alternativ, sondern eher der zwischen Cola light und Apfelsaftschorle. Ein Unterschied nur in der äußeren Form. Der Unterschied in einer Generation, die sich »in der Mitte zusammenkuschelt«, wie es Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler und Mitautor der Shell-Jugendstudie, formuliert. Einer Generation, die, so sagt Ulrich Heise, bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) für Nachwuchsförderung zuständig, »keinen ideologischen Überbau mehr hat«. In den Achtzigern geboren, nach dem 11. September 2001 politisiert, hat sie keine Erinnerung an Kommunismus und Sozialismus. Sie war auch zu jung für die Jubelfeier der Marktliberalen in den Neunzigern. Die »Weltwärts«-Jugend ist gerade alt genug, um zu sehen, wie Finanzspekulanten die Weltwirtschaft als Selbstbedienungsladen benutzen. Nur die Unsicherheit der Globalisierung scheint sicher. »Diese Jugend hat keine Garantien mehr«, sagt Hurrelmann, »das prägt die Mentalität.« Immer später träten die Jugendlichen in die Erwachsenenphase ein. Unentschiedenheit sei die vorherrschende Haltung, ein »Tasten, Fühlen und wenig Bindungsbereitschaft«.

Diese Suchbewegung unterscheidet die »Weltwärts«-Jugend von vorherigen Generationen. Die 68er wollten, so viel war klar, eine andere Gesellschaft. Die 90er wollten Spaß. Die neue Jugend hält sich am Pragmatismus fest. Er hat die Ideologie ersetzt, findet sich in der Sprache, den Zielen der Bewegung.

»Es ist wichtig, mir bewusst zu machen, dass ich nicht die ganze Welt verändere, aber trotzdem etwas im kleinen Rahmen bewege«, sagt Marett, die in einem Kinderdorf in Südindien arbeiten wird. Sie nennt das »Ansprüche nicht aufgeben, aber realistisch bleiben«. Andere drücken es drastischer aus. Daniel Erk, Student aus Berlin, selbst kein »Weltwärts«-Teilnehmer, hat für die GTZ in Malawi ein Projekt betreut. »Früher war Entwicklungshilfe ein Abenteuer«, sagt Erk, »heute vereint sie drei reizvolle Aspekte: Sinnstiftung, Weltgewandtheit und die Sicherheit einer bürgerlichen Karriere«.

Unpolitisch und inkonsequent sei das, kritisieren Altvordere, für die Engagement und Rebellion eins waren. Forscher Hurrelmann warnt: »Dieser starke Pragmatismus kann auch zu Prinzipienlosigkeit führen.« Zwar sei das soziale Engagement so hoch wie fast nie zuvor, dabei sei aber auch immer der Gedanke: »Wenn ich mich sozial engagiere, dann will ich auch etwas davon haben.«

Hans-Peter Baur ficht das nicht an. Er mag die Jugendlichen, ist begeistert von dem Programm. Kein Wunder: Baur ist Referatsleiter im Entwicklungshilfeministerium, sein Referat hat »Weltwärts« aufgebaut. Vor allem in Deutschland soll das Programm helfen, so Baur, der Entwicklungshilfepolitik eine breitere Unterstützung zu sichern. Über die Teilnehmer sagt er: »Das sind richtig gute Leute. Du denkst, die könnten auch in einer Bank arbeiten – aber sie wollen Armutsbekämpfung machen.« Geld ist nicht alles – zumindest nicht am Anfang der Karriere.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Ist es denn so essentiell, dass jedes soziale Engagement ausschließlich altruistischen Trieben entspringt? Ist es nicht legitim, zum einen Gutes zu tun, oder es zumindest ernsthaft zu versuchen, aber gleichzeitig auch zu wissen, dieses Jahr oder auch halbe Jahr bringt mir Erfahrungen und dann auch noch zertifizierte Erfahrungen im Ausland ein? Umgang mit anderen Kulturen etc. Ist doch nichts schlimmes!?
    Wenn die Deutschen Jugendlichen in Südamerika Straßenkinderprojekte machen und dabei zwangsläufig Sprachkenntnisse erwerben, die ihnen später weiterhelfen ist doch jedem gedient. win-win-Situation nennt man so etwas in der Wirtschaft...
    Wo liegt das Problem?

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    Ich möchte dem Kommentar voll zustimmen.

    Als ich den Artikel las, hatte ich schon gedacht, dass es sich wieder um eine 68-Gutmensch-Selbstdarstellung des unsäglichen Jens Jessen handelt, der seine alt und grau gewordenen pseudo-idealistischen Träumereien in der ZEIT viel öfter als erträglich zur Schau stellt.

    Aber es gibt anscheinend noch mehr Autoren, die an einer wohltuend unideologischen und dabei trotzdem positiv denkenden Jugend herummäkeln möchten.

    Insofern ist man für jede Gegenstimme dankbar ;-)

    Falk Kuebler

    • Cara33
    • 21.09.2008 um 17:09 Uhr

    Ich denke, dass der Untertitel des Artikels irreführend ist. „Aber dient es wirklich dem Guten?“ geht für mich in Richtung der Frage, ob gut gemeint tatsächlich auch immer gut ist. Diese Frage ist jedoch nicht primär verbunden mit dem Engagement der beschriebenen (auch meiner) Generation, sondern mit Entwicklungszusammenarbeit generell.

    Es ist genau diese Frage, die man sich, wie bei allen anderen Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit, auch bei „Weltwärts“ stellen sollte. Die Frage, die der Artikel eigentlich behandelt, ist jedoch eine andere, nämlich die der Notwendigkeit von Idealismus und Altruismus beim freiwilligen Engagement. Hier kann ich mich Kommentar Nr. 1 nur anschließen. Ergänzen möchte ich noch, dass diese Frage sowohl bei internationalem Engagement als auch bei Projekten im eigenen Kiez relevant ist. Wie „gut“ eine bestimmte Arbeit ist, lässt sich, meiner Meinung nach, mitnichten am Grad des Altruismus bis hin zur Selbstzerstörung messen. Der Wert der Projekte liegt in der geleisteten Arbeit und nicht darin, wie sehr sich die Beteiligten dabei selbst das Leben schwer machen. Davon hat niemand etwas. Im Gegenteil, in genau dieser Einstellung, die soziales Engagement mit Altruismus gleichsetzt, liegt doch die Wurzel des Problems. Die Aussicht, selber auf der Strecke zu bleiben, schreckt viele Menschen davon ab, ihre Kräfte für andere einzusetzen. Wobei ich Zukunftsangst nicht zwangsläufig und immer mit Egoismus und Ellbogengesellschaft gleichsetzen würde. Nun, wo scheinbar Wege gefunden werden, soziales Engagement und eigenes Vorankommen kompatibel zu machen, wird auch das schlecht geredet. Dabei sind wir noch nicht einmal zum Kern des Problems vorgedrungen, der miserablen Entlohnung sozialer und pflegender Berufe, sondern die Aufregung fängt bereits bei rein ideellen Gewinnen wie Spracherwerb und neuen Erfahrungen im Rahmen von unentgeltlichem (!!) Engagement an.

    Ich möchte dem Kommentar voll zustimmen.

    Als ich den Artikel las, hatte ich schon gedacht, dass es sich wieder um eine 68-Gutmensch-Selbstdarstellung des unsäglichen Jens Jessen handelt, der seine alt und grau gewordenen pseudo-idealistischen Träumereien in der ZEIT viel öfter als erträglich zur Schau stellt.

    Aber es gibt anscheinend noch mehr Autoren, die an einer wohltuend unideologischen und dabei trotzdem positiv denkenden Jugend herummäkeln möchten.

    Insofern ist man für jede Gegenstimme dankbar ;-)

    Falk Kuebler

    • Cara33
    • 21.09.2008 um 17:09 Uhr

    Ich denke, dass der Untertitel des Artikels irreführend ist. „Aber dient es wirklich dem Guten?“ geht für mich in Richtung der Frage, ob gut gemeint tatsächlich auch immer gut ist. Diese Frage ist jedoch nicht primär verbunden mit dem Engagement der beschriebenen (auch meiner) Generation, sondern mit Entwicklungszusammenarbeit generell.

    Es ist genau diese Frage, die man sich, wie bei allen anderen Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit, auch bei „Weltwärts“ stellen sollte. Die Frage, die der Artikel eigentlich behandelt, ist jedoch eine andere, nämlich die der Notwendigkeit von Idealismus und Altruismus beim freiwilligen Engagement. Hier kann ich mich Kommentar Nr. 1 nur anschließen. Ergänzen möchte ich noch, dass diese Frage sowohl bei internationalem Engagement als auch bei Projekten im eigenen Kiez relevant ist. Wie „gut“ eine bestimmte Arbeit ist, lässt sich, meiner Meinung nach, mitnichten am Grad des Altruismus bis hin zur Selbstzerstörung messen. Der Wert der Projekte liegt in der geleisteten Arbeit und nicht darin, wie sehr sich die Beteiligten dabei selbst das Leben schwer machen. Davon hat niemand etwas. Im Gegenteil, in genau dieser Einstellung, die soziales Engagement mit Altruismus gleichsetzt, liegt doch die Wurzel des Problems. Die Aussicht, selber auf der Strecke zu bleiben, schreckt viele Menschen davon ab, ihre Kräfte für andere einzusetzen. Wobei ich Zukunftsangst nicht zwangsläufig und immer mit Egoismus und Ellbogengesellschaft gleichsetzen würde. Nun, wo scheinbar Wege gefunden werden, soziales Engagement und eigenes Vorankommen kompatibel zu machen, wird auch das schlecht geredet. Dabei sind wir noch nicht einmal zum Kern des Problems vorgedrungen, der miserablen Entlohnung sozialer und pflegender Berufe, sondern die Aufregung fängt bereits bei rein ideellen Gewinnen wie Spracherwerb und neuen Erfahrungen im Rahmen von unentgeltlichem (!!) Engagement an.

    • Rahab
    • 21.09.2008 um 14:50 Uhr

    wenn das nicht wirklich dem wirklich guten dient, dann kann es nicht gut sein. - was sag ich zu solchen leuten, die anderen nur den tschainik haken wollen?

  2. Ich möchte dem Kommentar voll zustimmen.

    Als ich den Artikel las, hatte ich schon gedacht, dass es sich wieder um eine 68-Gutmensch-Selbstdarstellung des unsäglichen Jens Jessen handelt, der seine alt und grau gewordenen pseudo-idealistischen Träumereien in der ZEIT viel öfter als erträglich zur Schau stellt.

    Aber es gibt anscheinend noch mehr Autoren, die an einer wohltuend unideologischen und dabei trotzdem positiv denkenden Jugend herummäkeln möchten.

    Insofern ist man für jede Gegenstimme dankbar ;-)

    Falk Kuebler

    Antwort auf "Dient es dem Guten?"
  3. Ist schon komisch warum so viele hier weg wollen?
    Aber es gibt kaum Gestaltungsspielräume. Die Politik wird von einer Elite dominiert die mittlerweile allmächtig geworden ist. Da gehören die Konzernmedien übrigens dazu.
    Nationalismus im Sinne einer an das Land (die Landschaft) angepassten Politik und Lebensweise zB wie der Solschenyzinsche Nationalismus in Rußland ist verpönt (nur um dann in nicht allzuferner Zeit pervertiert hervorzutreten?)- immer wird betont das alle Menschen und auch Gruppen von Menschen beliebig überall leben könnten. Als sei alles gewachsene beliebig.
    So ein Schwachsinn. Europäer haben Afrikas Gesellschaft nachhaltig ruiniert. Sie sollten da einfach wegbleiben. Vor allen Dingen weiße Farmer etc haben dort nichts zu suchen. Sog. Helfer die hier nicht klar kommen ebenso. Wenn jemand die Leute dort so sehr liebt, was vorkommt, soll er sich mit jemandem dort paaren. alles andere ist mE neurotisch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Schwarz/weiß Mentalitäten werden in ihrem Kommentar offensichtlich.
    Wenn Europäer Afrika zerstört haben, haben DIE dann keine Verantwortung für das "Angetane"... liegt es nicht in unserer Verantwortung Subventionen im Agrabereich zu bekämpfen? Überhaupt die Handlungsmacht (agency) zu gewährleisten, die eine Selbsthilfe benötigt?
    Und was soll das mit der Paarung? Tut mir leid, aber ich empfinde Ihren Artikel als unqualifiziert... die Gedanken unausgegoren, eher einer Apartheidsphilosophie gleichend.

    *Friedensabkommen mit dem Fehlerteufel. Ab und zu muss man ihm Zugeständnisse machen.*

    Schwarz/weiß Mentalitäten werden in ihrem Kommentar offensichtlich.
    Wenn Europäer Afrika zerstört haben, haben DIE dann keine Verantwortung für das "Angetane"... liegt es nicht in unserer Verantwortung Subventionen im Agrabereich zu bekämpfen? Überhaupt die Handlungsmacht (agency) zu gewährleisten, die eine Selbsthilfe benötigt?
    Und was soll das mit der Paarung? Tut mir leid, aber ich empfinde Ihren Artikel als unqualifiziert... die Gedanken unausgegoren, eher einer Apartheidsphilosophie gleichend.

    *Friedensabkommen mit dem Fehlerteufel. Ab und zu muss man ihm Zugeständnisse machen.*

    • Cara33
    • 21.09.2008 um 17:09 Uhr

    Ich denke, dass der Untertitel des Artikels irreführend ist. „Aber dient es wirklich dem Guten?“ geht für mich in Richtung der Frage, ob gut gemeint tatsächlich auch immer gut ist. Diese Frage ist jedoch nicht primär verbunden mit dem Engagement der beschriebenen (auch meiner) Generation, sondern mit Entwicklungszusammenarbeit generell.

    Es ist genau diese Frage, die man sich, wie bei allen anderen Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit, auch bei „Weltwärts“ stellen sollte. Die Frage, die der Artikel eigentlich behandelt, ist jedoch eine andere, nämlich die der Notwendigkeit von Idealismus und Altruismus beim freiwilligen Engagement. Hier kann ich mich Kommentar Nr. 1 nur anschließen. Ergänzen möchte ich noch, dass diese Frage sowohl bei internationalem Engagement als auch bei Projekten im eigenen Kiez relevant ist. Wie „gut“ eine bestimmte Arbeit ist, lässt sich, meiner Meinung nach, mitnichten am Grad des Altruismus bis hin zur Selbstzerstörung messen. Der Wert der Projekte liegt in der geleisteten Arbeit und nicht darin, wie sehr sich die Beteiligten dabei selbst das Leben schwer machen. Davon hat niemand etwas. Im Gegenteil, in genau dieser Einstellung, die soziales Engagement mit Altruismus gleichsetzt, liegt doch die Wurzel des Problems. Die Aussicht, selber auf der Strecke zu bleiben, schreckt viele Menschen davon ab, ihre Kräfte für andere einzusetzen. Wobei ich Zukunftsangst nicht zwangsläufig und immer mit Egoismus und Ellbogengesellschaft gleichsetzen würde. Nun, wo scheinbar Wege gefunden werden, soziales Engagement und eigenes Vorankommen kompatibel zu machen, wird auch das schlecht geredet. Dabei sind wir noch nicht einmal zum Kern des Problems vorgedrungen, der miserablen Entlohnung sozialer und pflegender Berufe, sondern die Aufregung fängt bereits bei rein ideellen Gewinnen wie Spracherwerb und neuen Erfahrungen im Rahmen von unentgeltlichem (!!) Engagement an.

    Antwort auf "Dient es dem Guten?"
  4. Was soll diese Andeutung bedeuten? Ist durch die wage Hoffnung, dass ein potenzieller Arbeitgeber das Engagement belohnt automatisch bewiesen, dass man nach der Anstellung zum Egozentriker wird. Der notwendige und hinreichende Beweis in einer Zeile? Die Voraussage, dass ich in einigen Jahren ein Riesen***** sein werde? (Habe mich gar nur in BRD, nicht im Ausland engagiert.)

    Überhaupt: Der Arbeitgeber belohnt ein Jahr lang nicht produktiv gewesen zu sein?? Wie kann das in einer absolut pragmatischen Welt sein. Zeitverschwendung wird belohnt.

    Wenn es schon allein ums Geld geht, dann mache man bitte die Rechnung auch ganz auf. Das Jahr im Ausland kostet Geld. Die Opportunitätskosten sind kein Geld zu verdienen. Keine Einzahlung in Rentenkassen oder Bausparveträge. Ein ganzes Jahr für die Progression der Löhne verloren, die sich bekanntlich mit höherer Anzahl von Arbeitsjahren auszahlt. Damit man das ausgleicht, muss das Einstiegsgehalt

    Es sei mir noch gestattet etwas polemisch zu fragen, was die 68er heute den so machen? Sie hatten damals einen ideologischen Mantel und waren ein wenig auf der Straße, schön. Sind sie sozial engagiert, lokal muss ja nicht im Ausland sein. Altenheimbetreuung, Kinderaufsicht, reinigen von öffentlichen Parkanlagen oder Nachhilfe für Nicht-Muttersprachler wären auch Entwicklungshilfe. Wie viele der vielen tausend sind heute noch aktiv und sitzen nicht auf der Coach und träumen von alten Zeiten?

    Schlussendlich die Frage, ob man die Position eines Spitzen-68er, kolumnenschreibend oder filmeveröffentlichend, als ein Individualist in Lateinamerika überhaupt erreichen kann. Im Wald gibt es keine Aufmerksamkeit und Kameras, die auf einen gerichtet werden. Vielleicht war ja eben diese Mediengeilheit die Hauptmotivation für die 68er - alle möglichst in die erste Reihe mit der lautesten Parole. q.e.d.

    PS: Die "Internationalisten" haben gesagt, sie seien bürgerlich/gesellschaftlich liberal. Das war mal ein Ideal, auch in der ZEIT, und ist mit keinem Wort angemerkt worden. mmhh...

  5. "Als Abiturientin und Frau repräsentiert Marett Klahn etwa 70 Prozent der »Weltwärts«-Teilnehmer." - Schade, das dann außer ihr keine anderen weiblichen Teilnehmer zu Wort kamen. Übliche Realitätsverzerrung halt.

    Ich bin mir sicher: hätte es ein solches Programm schon vor 10 (oder mehr) Jahren gegeben, die "Spaß-Generation" hätte sich ebenfalls begeistert beteiligt!

    Mein Vorredner hat in Sachen Kosten zwar recht, aber er vergisst leider völllig den persönlichen sowie auch Gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Falls es da an Phantasie mangeln sollte helfe ich gerne weiter.

    So ein Artikel sollte mal "Meistgelesen" sein, endlich mal Stolz und Freude Dank der jungen Generation!

    Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!

    • Mkuu
    • 22.09.2008 um 0:18 Uhr

    und da ist der Autor selber in die staatlich aufgestellt Falle getappt... "weltwärts" als das neue, große und noch nie da gewesene Programm. Etwas Recherche hätte dazu geführt, das bereits in den Jahren vor weltwärts jedes Jahr viele tausend deutsche Jugendliche in die Entwicklungsländer gezogen sind um einen Freiwilligendienst zu machen - ich zähle mich selber dazu - vor dem 11. September und ohne jegliche staatlichen Programme und finanziellen Unterstützungen.

    War dies moralisch nun besser? Freiwilligendienst auf eigene Kosten = wirklicher Einsatz und echter Altruismus? Neu ist an weltwärts eigentlich nur die Staatsknete, die etablierte und lange erprobte Programm nun nicht nur für finanziell gut gestellt und sehr engagierte Teilnehmer mit breiten Spenderkreisen öffnet, sondern für Jedermann der teilhaben möchte. Die Überlegung, ob nun weitere Teilnehmer nur aus "Spaß an der Sache" und aus reinem Eigenutzen daran teilnehmen und wieweit es sich um einen Urlaub handelt stellt sich zwar, aber die ersten Beobachtungen in diesem Jahr zeigen, dass die Freiwilligendienste weder in Deutschland noch in den Europäischen Ländern geringere Nachfragen aufweisen. Eine so tiefgreifende Veränderung scheint es wohl doch nicht zu geben denn viele denken sich - "Entwicklungsländer? nee, das ist nix für mich. Lieber Engagement in Dänemark oder Deutschland". Recherche wäre also durchaus angebracht...

    Etwas Recherche hätte auch zutage gebracht, das weder der Server des DED in den ersten Tagen zusammen gebrochen ist (in den ersten Tagen gab es kaum Inhalte zu weltwärts beim DED, sondern eigentlich nur die offizielle Weltwärtsseite selber) und auch die Zahl von 10.000 ist extrem grob geschätzt und nimmt alle Bewerbungen auf die überhaupt eingegangen sind. Doppelte Bewerbungen auch doppelt gezäht. Und da sich die meisten Freiwilligen auch mehrfach bewerben, wird wohl eine Gruppe von 3.000 bis maximal 4.000 übrig bleiben, die zurzeit Interesse an weltwärts hat. Alles staatliche Quellen, die auch für Alt 68 ach so bequem zu recherchieren sind. Infos bei den vielen kleinen NGOs einhohlen? Besser nicht....

    Und dann gleich der nächste Schnitzer: Nur der DED, also der einzige in rein staatlicher Hand befindliche Anbieter von weltwärts wird befragt als sei er der einzige den es gäbe - die rund 200 Vereine die sich um weltwärts bewerben oder als Organisation anerkannt sind und weltwärts als einen Freiwilligendienst aus einer langen Tradition internationaler Freiwilligendienste anbieten stehen außen vor - wer lässt sich hier also vor den Karren staatlicher Informationsquellen spannen? Macht es sich einfach und recherchiert dort wo die Infos leicht zu bekommen sind?

    Übrigens ist der DED gänzlich neu in diesem Feld, hat keine Erfahrungen mit Freiwilligen und ist zurzeit besonders damit beschäftig die etablierten Organisationen zu befragen, wie man sowas, also Freiwilligendienst, eigentlich macht. Alle nur möglichen Patzer einer vorschnellen Durchführung inbegriffen. Repräsentativ ist er also nicht gerade.

    Was die Menge an Ansturm und die Dimension des Programm angeh noch der Hinweis: Der DED hat durchaus "strenge" Auswahlkriterien: von den 700 Bewerbern sind bis jetzt 300 genommen worden. Einziges Kriterium: Die Bewerber müssen unter 23 sein (was u.a auch ein Verstoß gegen die Richtlinie ist). Von diesen Bewrber wurden bis jetzt 100% genommen, denn sonst würde man dort die anvisierten Platzzahlen garnicht voll bekommen - so viel zum Thema Andrang: Man hat Probleme das Programm überhaupt voll zu bekommen!

    Natürlich ist es viel netter darüber zu sinnieren wie verdorben die Jugend in ihren Beweggründen mal wieder ist (ein uraltes und sehr erfolgversprechendes Motiv...), als sich darüber Gedanken zu machen, warum eine Behörde auf die Idee kommt ein solches Programm aufzusetzen und welche Probleme dies in einer globalisierten Welt mit sich bringt, bzw. an welchen Stellen insbesondere die administrative Durchführung viele Selbstverständlichkeiten offen lässt - hier gäbe es noch einiges mehr zu berichten, wenn man den recherchieren würde...

    Eine Leser-Empfehlung
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    Endlich mal ein Beitrag mit Substanz.
    Das einzige was mir bei den Beiträgen einfällt, ist schlicht und einfach der Generationsbegriff. Junge Generation gegen ihre Elterngeneration. Idealismus (gesunder Portion in Angesichts der Lage) vs. Resignation.
    Endlich kommt die Regierung den jungen Menschen entgegen und es wird schlecht gemacht.

    Endlich mal ein Beitrag mit Substanz.
    Das einzige was mir bei den Beiträgen einfällt, ist schlicht und einfach der Generationsbegriff. Junge Generation gegen ihre Elterngeneration. Idealismus (gesunder Portion in Angesichts der Lage) vs. Resignation.
    Endlich kommt die Regierung den jungen Menschen entgegen und es wird schlecht gemacht.

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