Bayern »Auch unter Kühen gibt es Zicken«

Früh aufstehen, melken, Stall ausmisten – wer den Sommer als Sennerin auf der Alm verbringt, hat mehr von der Natur

DIE ZEIT: Frau Michalke, Sie verbringen seit vier Jahren jeden Sommer auf einer Alm. Drei Monate lang Kühe hüten, melken, Stall ausmisten. Mögen Sie keinen Urlaub?

Karin Michalke: Das ist für mich besser als Urlaub. Ich will nicht einfach nur Landschaft konsumieren. In der Sennersaison wird man sehr vertraut mit der Gegend, man wächst zusammen. Und das Leben in den Bergen hat mich schon immer fasziniert. Je höher ich bin, desto besser fühle ich mich. Dann interessiert mich nichts mehr im Tal.

ZEIT: Und Ihnen wird nicht langweilig allein mit fünfzehn Kühen?

Michalke: Im Gegenteil. Die Tiere geben mir einen Rhythmus vor, den ich als Drehbuchautorin sonst nicht habe. Das Sennerinnenleben wurzelt mich, hier trage ich Verantwortung.

ZEIT: Woher können Sie denn Butter machen und Kühe pflegen?

Michalke: In meinem ersten Sommer hatte ich einen guten Lehrmeister. Ein Bauer aus dem Chiemgau hat mir alles gezeigt. Auch wie man Erste Hilfe leistet, wenn die Kühe sich was stauchen oder die Euter entzünden. Gerade habe ich Arnika-Pflanzen in Schnaps eingelegt, die sind für viele Kuhkrankheiten gut.

ZEIT: Sie sind in Oberbayern auf dem Land groß geworden und waren schon vorher mit Tieren vertraut. Kann denn auch ein Großstädter auf der Alm arbeiten?

Michalke: Im Prinzip schon. Aber beim ersten Mal geht man besser auf eine große Alm, wo der Bauer dabei ist und bei allen Fragen helfen kann.

ZEIT: Verdient man als Saisonsennerin auch etwas?

Michalke: Ja, aber nur ein besseres Praktikantengehalt. Wegen des Geldes macht das keiner.

ZEIT: Senner war lange ein Männerberuf. Man glaubte sogar, Frauen auf der Alm brächten Unglück.

Michalke: Das muss schon lange her sein. Inzwischen gibt es mehr Frauen als Männer, die den Job machen. Besonders viel Kraft braucht man nicht. Viele Sennerinnen sind zierlich und schaffen es trotzdem. Sie sollten nur nicht empfindlich sein. Auch lange Fingernägel eignen sich schlecht zum Melken oder Stall ausmisten.

ZEIT: Wie fängt Ihr Tag auf der Alm an?

Michalke: Ich gehe um 5.30 Uhr raus auf die Wiese und hole die vier Milchkühe zum Melken in den Stall. Es ist wichtig, immer pünktlich zu sein, sonst werden sie unruhig. Danach füttere ich die Kälber und Ochsen und miste den Stall aus. Alle zwei bis drei Tage mache ich Butter und Quark. Dann habe ich vor dem zweiten Melkgang am Nachmittag etwas Zeit für mich. Aber häufig kommen Wanderer auf die Alm, denen serviere ich Getränke oder eine Brotzeit.

ZEIT: Geht das Melken noch so, wie wir Städter es aus Heimatfilmen kennen: Sie mit Schemel und Holzeimer neben der Kuh?

Michalke: Nein. Hier gibt es eine Melkmaschine, die mit einem Stromaggregat läuft, die muss ich nur unten an die Kuh anschließen. Ich hocke dann neben oder unter der Kuh und mache die Melkbecher an den Zitzen vom Euter fest, das war’s. Einen Schemel brauche ich nicht. Ich kann mich noch ganz gut bücken.

ZEIT: Schmeckt die frische Milch besser als die aus der Packung?

Michalke: Ja mei, was ist das für eine Welt, in der manche Leute noch nie frische Milch getrunken haben? Die schmeckt ganz anders, viel mehr nach Kuh.

ZEIT: Was haben Sie bei Ihrer Arbeit über das Wesen der Kühe gelernt?

Michalke: Jede Kuh hat einen eigenen Charakter, da gibt es Zicken, Mimosen, Geradlinige und ganz Sanfte. Meine Lieblingskuh ist die Sari. Die ist ein komisches Geschöpf: total stur, aber in ihrer Sturheit zuverlässig. Am Anfang hat sie mich abgelehnt, die hätte mich fast mit den Hörnern aufgespießt! Inzwischen mögen wir uns sehr, und wenn ich eine Kuh nach Hause mitnehmen könnte, dann würde ich die Sari wählen.

ZEIT: Sprechen Sie mit den Kühen?

Michalke: Sie meinen, ob man hier oben wunderlich wird? Nein, natürlich nicht. Ich kommuniziere schon mit den Tieren, das geht aber meistens durch Körpersprache und Blicke. Die Kühe muhen sich ja auch nicht die ganze Zeit an, wenn sie sich unterhalten. Außerdem habe ich zum Reden ja regelmäßig Wandersleute auf der Alm. Auch der Bauer kommt mal aus dem Tal hoch, um mir Verpflegung zu bringen.

ZEIT: Welcher Teil Ihrer Arbeit macht am meisten Spaß?

Michalke: Am liebsten gehe ich Kälber suchen. Die grasen tagsüber draußen auf der Alm, und zuerst höre ich nur ihre Glöckchen bimmeln, bevor ich sie dann zwischen Hügeln und Bäumen finde. Kälber sind einfach nett, die laufen mir nach. Das ist wie ein Spaziergang mit kleinen Kindern, da gehst du einen Schritt, dann musst du wieder stehen bleiben und warten.

ZEIT: Und nach einem anstrengenden Tag an der frischen Luft schlafen Sie sicher gut in der Stille der Bergwelt?

Michalke: Es ist hier nicht so ruhig, wie man denkt. Meine Kühe grasen vor allem nachts und laufen ganz in der Nähe der Hütte herum, weil es da die beste Weide gibt. Ich werde fast jede Nacht vom Scheppern der Kuhglocken geweckt.

Interview: Ulrike Linzer

Einen Platz als Senner für eine Saison vermittelt der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern . Auch die Österreichische Almwirtschaft und die Schweizer Älplerinnen und Älpler helfen Hobbysennern, einen Job auf der Alm zu finden

 
Leser-Kommentare
  1. Also ich kann nur bestätigen, dass man als Städter und ohne Vorerfahrung sehr wohl auf einer Alm arbeiten kann und ich möchte nur jeden, der mit dem Gedanken spielt dazu ermutigen, denn die Erfahrung der Natur ist eine andere als bei gelegentlichen Bergwanderungen! Meine Berichte als Sennerin aus der Stadt gibts unter www.almsommer.wordpress.com

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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