Deon Meyers Helden, ob schwarz wie Thobela "Tiny" Mpayipheli oder weiß wie Lemmer, der Bodyguard, und Bennie Griessel, der trunksüchtige Cop, gleichen ihrem Land. Sie sind "Menschen, geprägt durch Gewalt, die sie weitertrugen wie einen Gospel". Und zu Tode erschöpft von der Anstrengung, das in ihnen tobende Chaos zu unterdrücken. In Weißer Schatten (aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann; Rütten & Loening, Berlin 2008; 424 S., 19,95 €) lässt Deon Meyer, in Afrikaans schreibender Weltautor, sich tiefer und intensiver auf die Konflikte des neuen Südafrika ein als zuvor.

Emma le Roux, reich, weiß und verwöhnt, hat ein Signal aus der Vergangenheit erhalten. Sie glaubt im Fahndungsbild eines Mannes, der vier Schwarze im Lowveld am Rande des Kruger-Nationalparks erschossen hat, ihren verschollenen Bruder zu erkennen. 2000 Kilometer entfernt vom europäisch gleißenden Kapstadt. Ein mysteriöser Anruf scheint ihre Vermutung zu bestätigen, ein brutaler Überfall, dem sie mit Not entkommt, zeugt von elementarer Gefahr. Trotzdem macht sie sich auf, im Eden europäischer Safarireisender den Bruder zu suchen. Der Marketingexpertin und ihrem Bodyguard begegnet weder Löwe noch Elefant. In den Augen der schwarzen Stämme sind das "Spielzeuge des weißen Mannes". Sie wollen das Land zurück, von dem sie einst vertrieben wurden, um burischen Rindern und afrikanischen Wildtieren Platz zu schaffen. Dagegen verschanzen sich weiße Tierschützer mit Wachleuten und Stacheldraht in Naturreservaten. Und schießen auf die Zauberdoktoren, die seltene Geier mit vergifteten Kadavern umbringen.

Jacobus, der vielleicht Emmas Bruder ist, hat vier solche Geiermörder getötet. Im Laufe der langen gefahrvollen Suche nach ihm wird klar, dass er Teil eines verschwörerischen Netzwerks war, das radikal mit allen Menschen aufräumt, die Mutter Naturs Gleichgewicht stören. "Die einzige Möglichkeit, heutzutage eine vernünftige ökologische Balance zu erhalten, besteht darin, die Menschen zu verbannen – vollständig", räsoniert Millionär Stef Moller in seinem Privatreservat – keineswegs die Meinung eines isolierten Spinners.

Deon Meyer hat Südafrika auf langen Reisen erforscht. Die Stimmen der Naturschützer und ihrer ebenso entschlossenen schwarzen Kontrahenten sind Originalton, kaum gefiltert. Doch Meyers Weißer Schatten ist nicht mit info dump zugemüllt, es sind lebendige Figuren, die sich durch die soziale Wildnis schlagen. Selten ist es einem Autor so elegant und authentisch gelungen, eine plausible Thrillerhandlung aus realen Konflikten zu entwickeln. Obwohl Lemmer kein Detektiv, sondern eben nur Bodyguard ist, ein Unsichtbarer (so der Titel in Afrikaans) und Weißer Schatten, deckt er Schicht um Schicht eine Kette von Gewalttaten auf, von der Erschießung eines Wilderers bis zum politischen Attentat. Deon Meyer ist ein überragend spannender Chronist einer schuldbeladenen Gesellschaft im Aufbruch.