Architektur Häuser, die zum Himmel fliegen

Die Architekten Delugan Meissl haben den sozialen Wohnungsbau neu erfunden. Jetzt bauen sie ein Prestige-Projekt: Das Porsche Museum in Stuttgart

Nur drei Stützen tragen die gesamte Last des neuen Automuseums

Nur drei Stützen tragen die gesamte Last des neuen Automuseums

In Wien war die Architektur der Moderne schon immer etwas anders. Die Ernsthaftigkeit eines Walter Gropius oder Le Corbusier war Wiener Architekten wie Adolf Loos oder Otto Wagner äußerst fremd. Letzten Wahrheiten misstrauten sie ebenso wie einfachen Tabula-rasa-Lösungen. Stattdessen: fröhlicher Stilpluralismus.

Auch Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan lieben das Mehrdeutige und Widersprüchliche, das Hintersinnige und Ironische. Dabei sind sie gar keine Wiener, sondern gründeten hier nur ihr gemeinsames Architekturbüro, 1993 war das. Sie wurde in Linz geboren und studierte in Innsbruck; er stammt aus Meran in Südtirol und kam erst zum Studium nach Wien. Aber wie alle großen Baumeister der Stadt hadern sie mit der Behäbigkeit und Selbstbezogenheit Wiens und seiner beständigen Suche nach dem Kompromiss als der bequemsten Lösung.

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Das beeindruckende architektonische Erbe der Stadt, sagen sie, hemme oft ein neues Denken und führe in die Stagnation. Um den Blick zu erweitern, drängte es die beiden deshalb früh nach draußen. Belohnt wurde diese Neugier rasch mit bedeutenden Aufträgen: Sie bauten das Winterfestspielhaus in Erl (Tirol) und das Filmmuseum in Amsterdam. Binnen Kurzem wurden sie berühmt, rasch verglich man sie mit Dekonstruktivisten wie Zaha Hadid.

Doch statt über Einordnungen und Ismen nachzudenken, suchen Meissl Delugan lieber Antworten auf schwierige Fragen. Zum Beispiel diese: Wie sieht zeitgemäßer und doch erschwinglicher Wohnungsbau heute aus? Schon ihre ersten Projekte, überwiegend in Wien entstanden, waren sozialer Wohnungsbau. Der »Balken«, ihr Erstling in der Donaucity, erinnert in seinen Ausmaßen und dem Hang zum Monumentalen an die Wiener Großwohnanlagen der zwanziger Jahre. Doch im Gegensatz zu deren Blockstruktur ist der Balken ein Wohnriegel, der das Fliegen gelernt hat. Unter ihm öffnet sich ein großer Luftraum, der nicht nur Durchblicke auf Stadt und Landschaft zulässt, sondern auch mit zusätzlichen Nutzungen gefüllt werden soll.

Vor allem die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft ist für Delugan Meissl ein wichtiger Gestaltungsimpuls. Sie haben den Ehrgeiz, selbst im engen Rahmen des geförderten Wohnungsbaus zahlreiche Raumvarianten für die verschiedenen Lebensgewohnheiten der Bewohner zu schaffen. Simple Additionen von immergleichen Räumen sind ihnen zuwider. Ein Beispiel ist das »City Loft« in der Wienerberg City. Ein mäandrierendes schwarzes Band an der Südfassade und Fenster wie Tetris-Spielbausteine auf der Nordseite verdeutlichen die innere Struktur des Hauses: Durch unterschiedliche Raumhöhen und -breiten entsteht eine Vielzahl ineinander geschachtelter unterschiedlicher Wohnungstypen. Durch die Niveauversprünge haben die Wohnräume beeindruckende 3,30 Meter Deckenhöhe, die Schlafräume auf der anderen Seite sind hingegen einen Meter niedriger. Offenheit und Weite in den repräsentativeren Bereichen, Geschlossenheit in den privaten Zonen: Mit solch einfachen und zugleich komplexen Ideen schaffen sie es – dem starren Kosten- und Vorschriftenkorsett zum Trotz –, dem sozialen Wohnungsbau neue Qualitäten zu verleihen.

Bei Delugan Meissl ist die Erfindung neuer Formenwelten kein Selbstzweck. Und trotz gewisser formaler Ähnlichkeiten zu den Dekonstruktivisten wollen sie nicht wie diese Instabilitäten des Raumes aufspüren, sondern untersuchen akribisch das Verhältnis des Menschen zum Raum. Welchen Einfluss haben gebaute Räume auf unsere Physis und Psyche? Was passiert, wenn der Raum hier ein wenig breiter und der Winkel dort ein wenig größer wird?

Leser-Kommentare
    • Colon
    • 25.09.2008 um 17:21 Uhr

    Klötze höher legen

    Das ist tatsächlich eine architektonische und statische Meisterleistung.
    Was passiert jedoch in der "O- Ebene", auf meiner Augenhöhe? Wie so etwas endet, kann jeder nachvollziehen, der sich zu Fuß, aus der Stadt Wolfsburg, der ebenso anspruchsvollen Baulichkeit Zaha Hadids nähert. Automuseen und pädogogische Technik-Spielparks müssen zweifellos jetzt so aussehen. Aber bei der Einbindung und Anbindung an die ganz normale Stadt hapert es gewaltig und das wird spätenstens beim Rundgang auf Ebene-0 auch deutlich. - Die wenigen schönen Durchblicke und Einblicke versöhnen nur unvollständig mit der dort dominierenden Mischung aus Andienungswegen, Verbundpflastern, Pollern, Spannbeton- und Sichtbeton Elementen und der schieren Größe der Anlage und ihrer gewaltigen Schatten. Besser, man kommt gleich mit dem Auto und gelangt über Aufzugsysteme oder lange Aufgänge und Rampen in das Kerngebäude.

    "Hintersinn" und "Ironie" sind in der Kultur (Musik, Literatur, Malerei) eher kleine Formen, die dann auch noch das Schicksal teilen, als solche vom Publikum häufig nicht erkannt zu werden. Bei architektonischen Großformen geraten Witze und Ironien, die ja eigentlich immer auch einen Selbstzweifel in sich tragen, sehr schnell ins Hintertreffen oder wirken eher als betonharte Vergewaltigung des Publikums.

    Fazit: Eine ZEIT-Rezenzion zur umbauten Welt sollte nicht daherkommen, wie die in Sprache gegossene Selbstbeschreibung des Architekturbüros. Anregungen zum Nachdenken über folgende Sätze und Vokabeln:

    "Die Ernsthaftigkeit eines Walter Gropius oder Le Corbusier war Wiener Architekten wie Adolf Loos oder Otto Wagner äußerst fremd." - Das stimmt sachlich nicht, wie Sie bitte bei Gemmel (2005), Die kritische Wiener Moderne und bei Loos selbst: "Ornament und Verbrechen", "Ins Leere gesprochen", nachlesen mögen.

    Wie passen "Hang zur Monumentalen" und "fortschreitende Individualisierung" zusammen? Hat sich der "Luftraum" unter der Großwohnungsanlage "mit zusätzlichen Nutzungen gefüllt" und wie sieht es dort vor Ort aus? - Haben Sie das recherchiert?

    Tatsächlich hat ein Bau mit Hang zu monumentaler Größe einen Einfluß auf "Physis und Psyche" von Bewohnern, Gästen und Passanten. Wurden diese Einflüsse vor Ort überprüft und was kommt bei der "akribischen Untersuchung" heraus? - Vor allem, können an den gebauten Objekten leicht Anpassungen vorgenommen werden, wenn Fehlentwicklungen zu erkennen sind?

    "Ideen in einem anderen Maßstab erproben", ist das nicht ein Euphemismus, wenn es um Wohn- und Kulturbauten geht, die länger halten als die Abschreibungsfristen? - Architektur ist eben keine Privatsache und daher keine Erweiterung des Designs.

    Grüße

    Christoph Leusch

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