E.T.A. Hoffmann »Damit das Feuer lustiger brenne«
Vor zweihundert Jahren kam der Romantiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann nach Bamberg, wo er zum Dichter wurde – und zum Narren. Jetzt feiert ihn die Stadt zwölf Monate lang
Mathilde kommt aus Frankreich, vielleicht zwanzig, fantasievoll schwarz gekleidet im Gothic Style, den auch Hoffmann in den Elixieren des Teufels einsetzte. »Er ist mein Lieblingsdeutscherdichter! Ich bin extra wegen des Sandmanns nach Bamberg gekommen. Ich kann mich so hineinfühlen in Nathanael.« Auf den Flügeln der Hoffmann-Begeisterung sind Studenten und Deutschlehrer aus zwanzig Ländern zu einem Ferienkurs der Universität Bamberg in die Stadt gekommen, die mit einem Veranstaltungsreigen das Eintreffen des Dichters vor zweihundert Jahren feiert.
Sie wundern sich über die hässlichen Hoffmann-Denkmale, aber auch über die erhaltenen Spuren seiner Existenz. Sein Wohnhaus am Schillerplatz beispielsweise, schmalbrüstig, sehr hoch, mit einer kuriosen Klappe zwischen zwei Stockwerken, durch die Hoffmann sich mit seiner Frau – auch nonverbal durch herabfliegende Gegenstände – verständigen konnte. Nicht nur bei Nebel kann man in den Gassen eine schwarz gekleidete, leicht gebeugte Gestalt treffen, die schwarzen Locken dicht um den Kopf verbreitet, mit weiten, schnellen Schritten wie in Trance, unentwegt vor sich hin murmelnd. Das ist der seltsame Theaterdirektor Martin Neubauer, der seine Texte lernt, denn er ist sein eigener Hauptdarsteller. Er trabte schon Tausende Kilometer durch sein hiesiges Reich. Wer ihm näher kommt, lernt einen streitbaren, doch bescheidenen Kunstenthusiasten kennen, der als Prinzipal eines Wohnzimmertheaters am Teufelsgraben exquisite Programme präsentiert. Kleiner ist sein Zuschauerraum noch als der des Marionettentheaters in der Sandstraße. Der Qualität tut das keinen Abbruch, leicht überspringt der Funke die ein, zwei Meter Abstand zwischen Bühne und Publikum.
Nicht nur Neubauer könnte einer Hoffmann-Erzählung entsprungen sein. Da wäre noch eine Friseurin mit Sangesleidenschaft und guten Verbindungen ins Metaphysische, die uralte, resolut-freundliche Wirtin der Künstlerkneipe oder ein Schauspieler, der sich als Betreiber einer Teestube verselbstständigt hat, dann und wann aber mit Fortüne den Hoffmann gibt. Sogar einer der städtischen Organisatoren des Hoffmann-Jubeljahres führt ein Doppelleben als Sänger einer Cover-Band. In Berlin oder Köln fiele so etwas nicht weiter auf, doch Bamberg bleibt Bürgerstadt, klein, eng in gewisser Weise. Man kennt sich. Das ist auch eine Drohung.
Jetzt gibt es Hoffmann-Plunder, Hoffmann-T-Shirts, Hoffmann-Wein
Leicht wäre es, über das Feiergebaren der Stadt eine Satire zu schreiben. Eine Bäckerei hat ihren Plunder in neue Form gebracht, aus dem Vanillekringel wird ein gebackener Schmetterling. Der stand in Hoffmanns Tagebuch als Zeichen für die angehimmelte Gesangsschülerin Julia Mark. Allerdings war sie erst fünfzehn und einem anderen versprochen, er zwanzig Jahre älter, dazu verheiratet. Das bis zu Wahnsinn und Selbstmordgedanken hinaufdestillierte Liebesgeschick wusste Hoffmann dank der »göttlichen Ironie« in poetische Energien umzuwandeln, wie er seinem Tagebuch anvertraute. Und nun Plundergebäck, das eher gekreuzten Bischofsstäben ähnlich sieht! Die Idee, gerade Kanaldeckel als Wegmarken hinaus zum beliebten Spazierweg Hoffmanns zu benutzen, berührt ebenfalls seltsam. Unvermeidbar sind heute wohl Hoffmann-T-Shirts und Hoffmann-Wein. Die nach ihm benannten Silvaner und Domina hätte der Autor sicher mit Zucker, Rum und Arrak aufgemöbelt, liebte er es doch stark und illuminierend, nicht so nett und wacker. Trinkend erfüllte Hoffmann die Erwartungen der Freunde mit Esprit, bis der Alkohol die Reste der Selbstdisziplin auflöste, die Galle den Esprit vertrieb und er schamlos beschimpfte, wessen Nase ihm nicht passte.
Soll man überhaupt Hoffmanns Ankunft am 1. September 1808 feiern, da er doch seinen ersehnten Abschied von Bamberg wie eine Lebensrettung erfuhr? »Erinnern Sie sich nur lebhaft«, schreibt er an den zurückbleibenden Freund, den Arzt Friedrich Speyer, »an mein Leben in Bamberg vom ersten Augenblicke meiner Ankunft, und Sie werden gestehen, daß alles wie eine feindliche, dämonische Kraft wirkte, mich von der Tendenz – oder besser von der Kunst, der ich nun einmal mein ganzes Dasein, mein Ich in allem Regen und Bestreben geweiht habe, gewaltsam wegzureißen. (…) Jede unverdiente harte Kränkung, die ich erleiden mußte, vermehrte meinen innern Groll, und indem ich, mich immer und immer mehr an Wein als Reizmittel gewöhnend, das Feuer nachschürte, damit es lustiger brenne, achtete ich das nicht, daß auf diese Art nur aus dem Untergange das Heil ersprießen könne.«
Was sollte er anderes schreiben, da er, um seine Anstellung als Musikdirektor am Theater und den entsprechenden Lohn betrogen, von den wohlsituierten Bürgern und Kleinadligen teils als Hofnarr, teils als Musikautomat missbraucht und nur von wenigen Freunden geistig wie materiell unterstützt worden war?
Er hätte schreiben können, dass er der fortschrittlichen Stadt unendlich viel verdankte. Hier gab es eines der bedeutendsten Museen Deutschlands, ein Naturalienkabinett, dessen klassizistischer Saal von 1793 Schönheit und Exponatfülle vereinte; übrigens noch heute. Dazu kam das Allgemeine Krankenhaus, in deutschen Landen einmalig und wegen seiner Modernität in Bau und Behandlungsformen Pilgerziel für Mediziner und Philosophen aus ganz Europa. Eine Nervenklinik war angeschlossen, in der statt Irrer Gemütskranke behandelt wurden, nicht immer sanft, aber mit mehr Vernunft als sonst wo. Der Forscher-Arzt Adalbert Friedrich Marcus leitete beide Institutionen, und Hoffmann lernte durch ihn und Besuche der Wahnsinnigen viel für seine juristische und dichterische Praxis. Selbst das von Hoffmann gehasste Theater zog Carl Maria von Weber oder Giacomo Meyerbeer an und führte als erstes in Deutschland Kleists Käthchen von Heilbronn auf. Hoffmann hatte das Bühnenbild zu verantworten und notierte im Tagebuch: »Abends im Käthchen von Heilbronn beim Burgbrand geholfen – Sehr komische Stimmung – Ironie über mich selbst – ungefähr wie im Shakespeare, wo die Menschen um ihr offenes Grab tanzen.«
Hoffmann kannte Bambergs Qualitäten, doch verdiente er wenig, gab zu viel aus, soff sich toll. Er unterrichtete Gesang, mal selig, wenn die geliebte Julia Arien trällerte, mal gefoltert, wenn Höheretöchterkehlen die Töne misshandelten. Aus seinen Erfahrungen, Leiden, Erfolgen schlug Hoffmann Kapital für seinen Kapellmeister Kreisler. Wie der verzweifelnde Musiker schrammte auch er am Wahnsinn vorbei, doch reichten seine Geisteskräfte aus, den letzten Schritt auf die andere Seite zu vermeiden. Hoffmann fing fünf Arbeiten gleichzeitig an, etablierte sich als führender, ja vielleicht als erster deutscher Musikkritiker, schrieb an Erzählungen, komponierte Tagesware fürs Theater oder Salonpublikum und Bleibendes wie das Grand Trio oder das Miserere Es-Dur, entwarf und malte Bühnenbilder, las dabei die halbe Leihbibliothek seines Freundes und Weinhändlers Kunz aus, dem er die erste Buchveröffentlichung verdankte, den Paukenschlag Fantasiestücke in Callot’s Manier. Und Kunz hatte Jean Paul für das Vorwort gewonnen!
Den fünf Jahren Bamberg wollte Hoffmann entkommen, in denen kurze Ruhemomente wechselten mit wilden Ausbrüchen, Glücksaugenblicke mit Pechsträhnen. In seinem Tagebuch prangt ein Kelch, zuweilen sogar beflügelt, was »Rausch« und »großer Rausch« bedeutet. Einem Pennäler gleich notierte er Verfängliches in griechischen Buchstaben und führte Buch über »geistigen Ehebruch«. Seine Frau Mischa durchschaute ihn ohnehin, ob er sich mit Schauspielerinnen einließ oder seine Gesangsschülerinnen pflegte. Sie muss ihn immer wieder gehasst haben, wie auch seine Freunde. Sein Spott überschritt oft die Grenze zu ätzender Infamie.
Ein Wunder, wie er sich trotzdem so lange halten konnte! Ein Wunder, das nicht wenige Bamberger Bürger möglich machten. Anderswo wurden die Theater geschlossen. Auch in Bamberg. Doch fanden sich regelmäßig Wagemutige, die wieder Geld investierten, sodass es bis heute – als E.T.A.-Hoffmann-Theater – existiert. Mit einem Intendanten übrigens, der Dramen schreibt, die auch anderswo gespielt werden. Ein Punkt, der bei der Anstellung Rainer Lewandowskis wichtig war, vor Kurzem jedoch gegen ihn verwendet wurde. Man warf ihm Bereicherung vor, mangelnde Ideen, Erfolglosigkeit. Der Intendant konnte mit Glück und guten Gründen die missgünstigen Angreifer zurückschlagen. Das Künstlerleben bleibt auch hier kompliziert.
Gastspiele aus Posen erinnern an die polnische Frau des Dichters
Die Vielfalt des Jubiläumsangebots empfände Hoffmann als angemessen, der ja ein Selbstvervielfältigungskünstler war, herausragender Jurist, überdurchschnittlicher Komponist, guter Theatermann und Musiker, unvergleichlicher Autor. Die Kooperation mit Polen läge ihm ebenso, schließlich verbrachte er dort viele Jahre und war sein halbes Leben mit einer Polin verheiratet. Nur durch die Übernahme von Produktionen des Teatr Wielki aus Posen kommen Aufführungen seiner Opern Aurora und Undine zustande.
Ob die Filme, Lesungen, Ausstellungen, Konzerte neue Touristen nach Bamberg bringen werden? Nötig hätte die Stadt das nicht. Auf dem Titel des sechzig Seiten dicken Programms steht »200 Jahre E.T.A. Hoffmann in Bamberg. 1808–1813«. Das wirkt wie ein Versprechen, dem Autor nicht bloß ein, sondern fünf Jahre zu weihen. Darüber schaut ein halber Hoffmann den Betrachter provozierend uneindeutig an. Mir sagen seine Augen immer den einen wundervoll schrecklichen Satz: »Ich denke mir mein Ich durch ein VervielfältigungsGlas.«
Alle Termine unter www.Bamberg.de
- Datum 24.09.2008 - 10:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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Der Artikel streift interessante Zusammenhänge aus Hoffmanns Begegnung mit Bamberg, drollig geschrieben.
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