Der Ritter von Gigantikow und seine struppige Katze machen einen ehrlichen Eindruck, beinahe zu ehrlich für zwei letzte tapfere Verteidiger der Fantasie. Wie normale Dorfbewohner stehen sie vor der Tür ihres Schlosses Kunterbunt im entlegensten Brandenburg. Als lebten sie schon ewig hier, als wären sie ein urwüchsiger Teil dieser platten Landschaft, so gütig blicken sie dem Besucher entgegen. Über der Tür der Schriftzug lautet »Lügenmuseum«. Rechter Hand zwischen den Fenstern das Fresko zeigt eine gewisse Tussinelda; links tummeln sich eine Nixe, ein Narr, ein Ikarus sowie demonstrierende Schweine. Es ist Spätsommer in der Prignitz, die Rasenmäher brummen, und die Windparks rauschen, und der dadaistische Traum vom Weltkunstwerk scheint in 16866 Gantikow verwirklicht: Über den Dächern des Dorfes rotieren riesige Mühlenflügel, sodass unten auf der Wiese der kleine Ritter in seinem ausgeleierten Pullover wie Don Quichotte wirkt, ein Museumsdirektor von der traurigen Gestalt, der der Wahrheit des wissenschaftlich-technischen Fortschritts trotzt. »Kommen Sie«, sagt er, »ich mache Ihnen einen schönen Lügentee.«

Der Tee erweist sich als schnöder Kräuterbeutelaufguss. Wir bekommen ihn im Salon serviert, der als Museumsempfang dient, erfüllt von seltsamen Lampen, geheimnisvollen Kisten, undefinierbaren Geräuschen. Neben der Kasse stehen chinesische Teeschälchen und eine Glaskanne. Das ist also die erste Lüge und zugleich die Wahrheit: Lügentee. Jeder Besucher bekommt diese Kostprobe vom Humor des Ritters Gigantikow, der bürgerlich Reinhard Zabka heißt, 1950 in Erfurt geboren wurde und auf Umwegen über die Prenzlauer-Berg-Szene der DDR hierher gelangte. Ein Überlebender des Klamaukwiderstands, kämpft er immer noch für die absurde Sache jenseits des offiziösen Kunstbetriebs. Vor der Wende hatte Zabka den »Klub ohne Raum« gegründet und mit dem Lyriker Bert Papenfuß-Gorek eine illegale Zeitung produziert. Er verblüffte die ostdeutsche Boheme mit Fantasiemaschinen und zählt heute zu den wenigen renitent Gebliebenen, die ihre Methode spielerisch auf den Westen anzuwenden wissen. Doch darüber später.

Zuerst sollen wir teeschlürfend unsere Schwellenangst überwinden. Zabka erklärt, dass er sich das ausführliche Begrüßen bei den großen Museen abgeschaut habe. Typische Behauptung eines Tiefstaplers – sie passt zu dem labbrigen Wandzettel, auf dem eins der zahlreichen Motti des Hauses steht, eine Selbstermunterung in der Tradition von Karl Kraus: »Es reicht nicht, keine Ideen zu haben, man muss auch unfähig sein, sie zu realisieren.« In Wahrheit hat Zabka viel zu viele Ideen. Allein hier im Vorraum: Gespenstisch bewegt eine Pleuelstange, die an einer umgedrehten Nähmaschine befestigt ist, ein Fuchsfell – wie um uns zu demonstrieren, dass es die Fähigkeit zum kreativen Lügen ist, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Ein Karpfen auf einer Spieldose kreist um sich selbst. Ein Stuhl schwebt in einem leeren Bilderrahmen auf einer Staffelei.

Meine Damen und Herren, spricht der Lügenbaron zum arglosen Gast, indem er ein laminiertes Papier überreicht, bitte lesen Sie zunächst diese kurze Museumsgeschichte und beachten über der Eingangstür das Porträt unserer Gründerin Emma von Hohenbüssow, zweite von links. Die sammelwütige Dame habe von 1884 an hier Kuriositäten angehäuft, derentwegen später Dadaisten herbeiströmten, deren Hinterlassenschaften wiederum auf dem Dachboden des Gantikower Gutshauses verstaubten, bis in den Achtzigern ein gewisser Wanderkünstler aus Thüringen sie entdeckte und wiederaufbaute. Zabkas Lächeln und der ungekämmte Zopf wecken Vertrauen. Aber wahr ist eigentlich nur, dass das Museum früher ein Gutshaus war.

Emma von B., so vertraut der Künstler uns an, war ein Huhn. Er engagierte es als Aufsichtskraft, weil ihn das tumbe Wach- und Schließpersonal staatlicher Sammlungen seit je deprimierte. Auf Emma von Hohenbüssows Grabstein im Garten ist der Ehrentitel Buttermilchterroristin eingemeißelt. Ein Steinmetz aus der Region stiftete den Stein, nachdem die Lokalzeitung vermeldet hatte: Museumsdirektorin von Hund totgebissen. Da sich der Schützenverein der nahen Stadt Kyritz an der Knatter leider weigerte, ein letztes Salut zu schießen, besorgte Zabka Blitzknaller, welche während der Bestattungszeremonie (»brandenburgisch-preußisch-balinesisch«) von Künstlerfreunden in die offene Grube geworfen wurden. Es muss lustiger gewesen sein als 1927 bei der Beerdigung von Hugo Ball.

Die Aufgabe des Künstlers ist es, Gesetze zu brechen und Raum für die Begegnung mit den Musen zu schaffen. Im Raum der Wunder – auch »Wundertagesstätte« genannt, welches das erste von neun Themenzimmern zu Zabkas Lebensphilosophie ist – dominiert ein getrockneter Kuhfladen in einem verglasten Schrein der Tränenmadonna von Syrakus. Aber was heißt dominieren in diesem Durcheinandermuseum? Man weiß ja nicht, wo zuerst hinschauen. Katzenköpfe mit Badekappe und Geweih. Fischköpfe mit gebogenen Widderhörnern. Hirschköpfe mit Gasmaske. Zabka hat unsere Welt, wie sie ist, auseinandergeschraubt und falsch zusammengesetzt. Bezaubert steht man inmitten doppelt und dreifach zweckentfremdeter Dinge. Soll man sich intensiverer Betrachtung des satirischen Kuhfladens widmen? Oder lieber dem Reliquiar mit dem Wunder der nicht verwesten Maus?

Eingeweihte sehen darin eine Anspielung auf die Mumie des Ritters Kahlbutz, die nahebei in einem anderen Prignitzdorf ernsthaft ausgestellt ist. Wer das nicht weiß, interpretiert die Maus als kritischen Kommentar zum Wunderglauben der großen Religionen. Der Fortschrittsglaube wird übrigens im nächsten Zimmer abgehandelt. Dem Kunstfetischismus hinwiederum ist das angeblich teuerste Exponat des Hauses gewidmet, das Ohr des Vincent van Gogh, es befindet sich in einem Tresor mit einer Kinderrassel obendrauf.