Wonders Konzerttournee Mama sei Dank

Jahrelang hat Stevie Wonder sich rar gemacht. Nun schickt seine verstorbene Mutter den Soulman mit dem 1000-Watt-Lachen zurück auf die Bühne

Angeblich ist es seine Mutter gewesen, die Stevie wieder auf die Bühne schickte. So erzählt er es jedenfalls selbst: »Sie hat mich vom Jenseits aus angeschoben. Mir gesagt, ich soll es für sie tun.« Und so hat die 2006 verstorbene Lula Mae Hardaway einmal mehr segensreich gewirkt. Einst hatte sie den blinden Jungen aus mütterlicher Sorge daheim behalten, bei sich und einem Ray Charles, Bobby Bland und Tony Bennett spielenden Kofferradio. Später kaufte sie ihm Piano und Schlagzeug. Als ihr Stevie zehn war, ermutigte sie ihn, bei der Plattenfirma Motown vorzuspielen.

Und nun die Hilfe aus dem Himmel, gerade noch rechtzeitig. Lief doch Mama Lulas Sohn Gefahr, als Soul-Fossil zu enden. Als der Gute-Laune-Mann von gestern, dessen Andenken vor allem von nervend-fröhlichen Frühstücksradio-Evergreens wie I Just Called To Say I Love You lebt. Denn seien wir mal ehrlich: Wollte man Stevie Wonder allein nach seinem spärlichen Spätwerk der letzten zwanzig Jahre beurteilen, müsste man den Superstar der Siebziger für einen Saccharin-Junkie halten. Den süßlichen Billigheimer des Synthie-Rhythm-’n’-Blues. Oder den Beweis dafür, dass allzu viel Familiensinn den Funk verprellt. Seine nachlassenden musikalischen Kräfte erklärte der in zweiter Ehe verheiratete Entertainer jedenfalls stets mit der Zeit, die seine sieben Kinder in Anspruch nähmen.

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Doch zwischen dem Studio-Esoteriker Wonder, der ein ganzes Jahrzehnt an seinen letzten, 2005 veröffentlichten Songs herumschraubt, und dem Entertainer, der hinter dem Klavier die Rastazöpfchen fliegen lässt, liegen zum Glück Welten. Vor allem energetische. Auch wenn er inzwischen ein bisschen füllig geworden ist und – verglichen mit dem Afro-Hippie aus den siebziger Jahren – bürgerliche Züge angenommen hat: Wenn Stevie Wonder auf der Bühne sein berüchtigtes 1000-Watt-Lächeln anknipst, dann ist Higher Ground nicht bloß ein Song, sondern etwas, das einen Konzertsaal immer noch mühelos auf ein höheres Bewusstseinsniveau hebt.

In großem Stil bewies der Mann sein wundersames Können zum letzten Mal 1996. Damals tourte der blinde Sänger rund um die Welt, um sein Album Conversation Peace zu bewerben. Bei der jetzigen Tour muss er auf keine aktuellen Singles Rücksicht nehmen und kann sich nach Herzenslust im Gesamtwerk bedienen. Allein 32 Nummer-eins-Hits hat er da zur Auswahl. Und wollte Stevie Wonder auch nur all seine Top-Ten-Erfolge spielen, brauchte er wohl eine ganze Konzertwoche.

Wobei Zahlen allein – etwa die rekordverdächtigen 25 Grammies sowie über 100 Millionen verkaufter Alben – kaum die Bedeutung des Multiinstrumentalisten, Sängers und Komponisten für die Popwelt ausdrücken können. 45 Jahre nach seinem ersten Nummer-eins-Hit Fingertips Part 2 scheint Wonders Einfluss omnipräsenter denn je: Musiker von den Red Hot Chili Peppers bis zu Phish covern seine Songs, Rapper wie Busta Rhymes bitten ihn um Gesangseinlagen, und sein vokaler Stil hat zuletzt in India.Arie, John Legend und Alicia Keys prominente Schüler gefunden.

Manche Bewunderer wie Bonnie Raitt gehen sogar so weit, den Rhythm’n’Blues in zwei grobe Zeitalter aufzuteilen: »Vor Stevie und nach Stevie«. Wobei der Nullpunkt wohl bei seinen magischen Mittsiebziger-Meisterwerken wie Innervisions oder Songs In The Key Of Life anzusetzen ist: Alben, die sich sowohl musikalisch als auch politisch revolutionär gebärden und ihren Schöpfer zum Popheiligen beförderten. Wer hatte sich vorher schon solche Freiheiten genommen? Wo anders fand sich genug Vorstellungskraft, die übliche Sammlung von Drei-Minuten-Singles zum genresprengenden Konzeptalbum aufzublasen? Wer wagte, Reggae, Jazz, Funk und Prog-Rock in einen Mixer zu werfen?

Leser-Kommentare
  1. "32 Nummer-eins-Hits" - klingt ja sensationell, ist aber natürlich lächerlich. Bitte mal aufzählen. In welchen Charts bitte schön?

  2. Freier Autor

    Gemeint waren wohl eher die 34 Top 10-Hits, die von 1963 bis 1985 in die amerikanischen und englischen Billboard Hot 100 einstiegen:

    * 1963: "Fingertips - Part 2" (U.S. #1)
    * 1965: "Uptight (Everything's Alright)" (U.S. #2)
    * 1966: "Blowin' in the Wind" (U.S. #9)
    * 1966: "A Place in the Sun" (U.S. #9)
    * 1967: "I Was Made to Love Her"(U.S. #2, UK #5)
    * 1968: "For Once in My Life" (U.S. #2, UK #3)
    * 1968: "Shoo-Be-Doo-Be-Doo-Da-Day" (U.S. #7)
    * 1969: "My Cherie Amour" (U.S. #4, UK #4)
    * 1969: "Yester-Me, Yester-You, Yesterday" (U.S. #7, UK #2)
    * 1970: "Never Had A Dream Come True" (UK #5)
    * 1970: "Signed, Sealed, Delivered I'm Yours" (U.S. #3)
    * 1970: "Heaven Help Us All" (U.S. #8)
    * 1971: "We Can Work It Out" (U.S. #13)
    * 1971: "If You Really Love Me" (U.S. #8)
    * 1972: "Superstition" (U.S. #1)
    * 1973: "You Are the Sunshine of My Life" (U.S. #1, UK #3)
    * 1973: "Higher Ground" (U.S. #4)
    * 1973: "Living for the City" (U.S. #8)
    * 1974: "He's Misstra Know It All" (UK #8)
    * 1974: "You Haven't Done Nothin'" (with The Jackson 5) (U.S. #1)
    * 1974: "Boogie On Reggae Woman" (U.S. #3)
    * 1977: "I Wish" (U.S. #1, UK #4)
    * 1977: "Sir Duke" (U.S. #1, UK #2)
    * 1979: "Send One Your Love" (U.S. #4)
    * 1980: "Master Blaster (Jammin)" (U.S. #3, UK #2)
    * 1980: "I Ain't Gonna Stand For It" (UK #7)
    * 1981: "Lately" (UK #3)
    * 1981: "Happy Birthday" (U.S. #7, UK #2)
    * 1982: "That Girl" (U.S. #3)
    * 1982: "Do I Do" (U.S. #7, UK #5)
    * 1982: "Ebony and Ivory" (with Paul McCartney) (U.S. #1, UK #1)
    * 1982: "Ribbon in the Sky" (U.S. #47 pop, #9 R&B)
    * 1984: "I Just Called to Say I Love You" (U.S. #1, UK #1)
    * 1985: "Part-Time Lover" (U.S. #1, UK #2)
    * 1985: "That's What Friends Are For" (U.S. #1)
    * 1985: "Go Home" (U.S. #9)

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