Theater Affären mit Geistern
Vom wilden Kampf zwischen Angst und Freiheit, Kino und Schauspiel: Ein Ausblick auf die neue Theatersaison
Kürzlich, im voll besetzten Kino, der Hauptfilm lief noch nicht, ist etwas Verrücktes passiert: Da zischte eine junge Frau in der 7. Reihe ihren Nebenmann an: »Mensch, es geht los! Bring mich ins Krankenhaus!« Die beiden standen auf, pflügten durchs Volk, schleppten sich zum Ausgang, und alle sahen: Die Frau war hochschwanger. Kaum hatte das Paar den Saal verlassen, da erschien auf der Leinwand folgender Werbespot: »Zwillinge in Hamburger Kino geboren! Stern.de: So schnell waren Nachrichten noch nie.«
Die angehenden Eltern waren Schauspieler, und die Frau hatte sich ihren Bauch unters Kleid geschnallt. So bewährte sich das Theater mitten im Kino als unverwüstliches Urding, als Ursprung aller Filmkultur. Die Hamburger Werbeagentur hat für ihr geniales Kippspiel (Schauspiel springt auf Leinwand über) einen Goldenen Löwen beim Werbefilmfest in Cannes gewonnen, aber was sie da treibt, fährt geisterhaft dem Verkehr entgegen, der sonst zwischen Theater und Kino herrscht: Das Kino schert sich allgemein nicht ums Theater. Üblich ist, dass das Theater die Funken fängt, die von der Leinwand sprühen. Theaterleute setzen ganze Filme auf knarrenden Bühnen in Szene, und selbst wenn sie Klassiker spielen, machen sie’s gern mit »filmischen« Schnitten, Spielweisen, Musiken.
So ist das auch in der neuen Saison. Wir sind im Kino. Es läuft beispielsweise Der Fall der Götter nach Visconti in Düsseldorf (Regie Karin Henkel, Premiere am 19. September). Happiness nach dem Film von Todd Solondz am Thalia Theater Hamburg (20. September, Regie Alize Zandwijk). Nach der Probe nach Ingmar Bergman in Hannover (Januar, es inszeniert Luk Perceval). Stalker nach Andrej Tarkowskij, Februar 2009 in Stuttgart (Regie Hasko Weber). Drei Farben: Blau, Weiß, Rot nach Krzyzstof Kieslowski, im Frühjahr an den Kammerspielen München (es inszeniert Johan Simons). Die 39 Stufen nach Alfred Hitchcock in Kassel, Wiesbaden und Oldenburg. Harold und Maude in Essen. Außerdem Fassbinder: Die Ehe der Maria Braun in Göttingen und Die bitteren Tränen der Petra von Kant in Bremen und Angst essen Seele auf in Heilbronn…
Interessant kann es dann werden, wenn das Theater nicht Lichtspiel ohne Kamera macht, sondern wenn es den Regeln des Kamerazeitalters eigenschöpferisch auf die Spur kommt, wenn es zeigt, welche Folgen die Allgegenwart der Kamera für uns hat. »You are on a video camera an average of ten times a day – are you dressed for it?«, so heißt es im Programmheft der Münchner Kammerspiele über ein Stück, das dort im nächsten Frühjahr herauskommen soll, Lass mich Dein Leben leben von Jörg Albrecht.
Und weiter: »Der Stadt sind Augen gewachsen, aus ungezählten Kameras blickt sie uns an und dokumentiert unser Leben… Planlos herumlaufende Passanten werden zu zufälligen Protagonisten, deren Gesichter im Kontrollzentrum der Stadt in 400-facher Vergrößerung zum starverdächtigen Close Up gezoomt werden können.«
Albrecht will das Material, das solche Überwachungskameras liefern, so bearbeiten, als stünde ein Drehbuch dahinter. Inspiriert haben ihn die Regisseure Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die in ihrer Performance Grindhouse zwei Horrorfilme aufeinander losließen wie feindliche Heere: Die Münchner Dramaturgie träumt von »zwei Überwachungs-Stücken, die sich gegenseitig beäugen und misstrauen zum Preis von einem«.
Der Bühnentrend geht zum gespielten Hörbuch
So viel zum Film im Theater. Aber jede Bühne, die auf sich hält, hat nicht nur einen gespielten Film, sondern auch einen dramatisierten Roman (oder eine Novelle oder Erzählung) im Programm. Als die »Kathedrale« unter den literarischen Gattungen hat schon vor Jahren Frank Castorf, der Leiter der Berliner Volksbühne, den großen Roman gerühmt. So findet man auch in dieser Saison auf nahezu allen Bühnen die Welterzählung, das ozeanische Gebilde, den gespielten Roman, dessen Möglichkeiten von den Theaterleuten gierig aufgegriffen und gern verschenkt werden. Als Zuschauer und Leser empfindet man bisweilen das Glück des Wiedererkennens, häufiger aber die Enttäuschung, in Sperrholz oder auf leerer Bühne, umgeben von hustendem Publikum, zu sehen, was im eigenen Kopf so viel leuchtender und intimer stattfand. Was man dann in aller Regel sieht, ist nämlich dies: ein gespieltes Hörbuch.
Was wird da gespielt? Eine Auswahl: Das Jagdgewehr nach Yasushi Inoue in Stuttgart; die Buddenbrooks nach Thomas Mann, bearbeitet von John von Düffel, in Frankfurt und Braunschweig; Joseph und seine Brüder nach Thomas Mann, bearbeitet von John von Düffel in Düsseldorf; Der Zauberberg von Thomas Mann, nicht bearbeitet von John von Düffel, aber von Stefan Bachmann, am Gorki Theater Berlin; Die Palette nach Hubert Fichte und Momo nach Michael Ende am Hamburger Thalia Theater; Lolita nach Nabokov und Malina nach Bachmann in Graz; Kafkas Prozess an den Kammerspielen München und Kafkas Verwandlung in Schwerin; Camus’ Der Fremde in Frankfurt und Basel; und ganz aktuell Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt in Braunschweig (am 26. September) und Charlotte Roches Feuchtgebiete in Halle (27. September).
Man macht einen Romans aus der Sünde wie einen Tisch aus Holz, das hat der Schriftsteller Julien Green gesagt, und im deutschen Theater ist Greens Satz leicht abgewandelt zum Gesetz geworden: Wir machen Theater aus den Hölzern des Romans.
Der Siegeszug des inszenierten Roman erinnert an den Sieg des vorgelesenen über den selbst gelesenen Roman, ans Hörbuch. Was bedeutet die Konjunktur dieser Unterhaltungsformen? In beiden Fällen werden wir geführt und müssen nicht alleine los. Wir folgen Scouts durch ein Werk, in dem wir sonst womöglich verloren gingen. Das Hörbuch und der »gespielte« Roman erinnern an jene Bildungserlebnisse, welche uns bei Reisen in europäische Hauptstädte die Entdeckungen auf eigene Faust ersparen: an schonende Führungen durch gerühmte Großausstellungen.
Aber vielleicht irren wir, und es wird auf den Bühnen viele Überraschungen geben, die »neue Sichtweise«, die »ungeahnte Lesart«. In Bonn spielt man im Herbst beispielsweise Wolfgang Koeppen – mit seinem Roman Das Treibhaus (1953) stimmt man sich ein auf den 60. Geburtstag der Bundesrepublik, der 2009 gefeiert werden wird.
Das Treibhaus diente Koeppen als Metapher für die deutsche Hauptstadt und für den Mief eines Landes, welchem der Romanprotagonist, der mit den Fähigkeiten der Verdrängung und des Stumpfsinns nicht gesegnete Politiker Keetenheuve, am Ende nur mit einem Sprung in den Rhein entgeht. Wir hören den Text nun im durch Bedeutungsverlust verwandelten Bonn, durch das trübe Glas eines verwilderten Treibhauses hindurch. Am 15. Oktober wird das Stück um den Pazifisten Keetenheuve uraufgeführt, dem auch nach dem Krieg nicht zu helfen war und über den es heißt:
»Er war allein. Er kämpfte allein gegen den Tod. Er kämpfte allein gegen die älteste Sünde, das älteste Übel der Menschheit, gegen die Urtorheit, den Urwahn, daß durch das Schwert das Recht verfochten, daß durch Gewalt irgend etwas gebessert werden könne…«
Wahnsinn und Gewalt gegen Menschenrecht: Dies ist das oberste Theaterthema, es wird uns auch in diesem Jahr in zahlreichen Stücken begegnen. Die Münchner Kammerspiele stellen ihre Saison unter das Motto »Geschieht Dir Recht!«. Damit soll wohl angedeutet werden, dass das Unglück, das Unrecht uns dann zu Recht trifft, wenn wir es zulassen und nicht dagegen kämpfen. Man lese den Saisonkommentar des Intendanten Frank Baumbauer, darin stehen Fragen, an denen sich Hunderte von Bundestagsgrundsatzreden hochranken ließen:
»Wie sieht unser Zusammenleben in der heutigen Einwanderungsgesellschaft aus, und wie wollen wir in Zukunft leben? Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Wie steht es um die Dialektik von Recht und Freiheit? Welche Regeln des Zusammenlebens gibt es? Gelten die bisherigen Verabredungen noch, oder müssen wir uns neue schaffen? Wie gehen wir mit unserer Freiheit um? Wie lassen sich in einem Klima fortschreitender Entsolidarisierung Mitgefühl und Solidarität, Gerechtigkeit und Chancengleichheit installieren und schützen? Wie halten wir es mit Verbrechen und Strafen, mit Schuld und Sühne? Wie viel Lust steckt in Regelverletzungen, wie viel Last in unseren Freiheiten?«
»Wir ängstigen uns, und das Publikum bezahlt dafür«
Im Programmheft der Kammerspiele wird das Foto abgebildet, das diese ZEIT- Seite ziert: Eine junge Dame ist mit ihrem Auto lustig gegen eine Wand gerast, die aus Grundgesetzbänden besteht. Die Mauer hält stand, die Frisur der Dame aber auch. So ist Theater, das lehrt uns dieses Foto, ein Schutzraum, in welchem sich Gedankenabenteuer probehalber bestehen lassen, und man muss, um diesem Raum gerecht zu werden, stets aufs Neue zu weit gehen.
Aber auch künstlerische Freiheit hat Grenzen. Das hat der 36-jährige französische Dramatiker Fabrice Melquiot erfahren beim Versuch, sein Stück Tasmanien an einem französischen Theater unterzubringen. Tasmanien ist eine Satire auf den französischen Präsidenten. Sarkozy heißt hier Conrad Cyning, und Carla Bruni hat den Bühnennamen Marie Santa-Vulva. Der Teufel geht ein und aus in Cynings Haus, und der Präsident hat seine innigsten Anhänger nicht unter den Menschen, sondern unter den Hunden. Den Menschen aber sagt er: »Im Ersten Weltkrieg war die Jugend Frankreichs heldenhaft. Von 1,3 Millionen Toten war ein Drittel unter 30. Großartig! So jung für ihr Land zu sterben, die Chance hatten sie kein zweites Mal! Nutzt eure Chance, meine jungen Freunde! Lasst euch mit 17 erschießen! Seid groß! Seid tot!«
Da in Frankreich kein Theater dieses Stück zeigen will, wird es in Deutschland uraufgeführt, unter Treibhausbedingungen, nämlich in Bonn; es inszeniert Klaus Weise (26. September).
Tasmanien erscheint wie der Höllentraum eines Satirikers, die Angstfieberfantasie eines enttäuschten Demokraten. Wenn man die Spielpläne dieser Saison liest, so hat man den Eindruck, dass Angst die wahre Antriebskraft des großen Spiels ist, das nun auf Hunderten Bühnen wieder anhebt. Alvis Hermanis wird nächstes Frühjahr in Köln ein Stück uraufführen, Affäre mit Geistern, das ganz der Angst gehört. Es dreht sich darin um Schauergeschichten, und im Kölner Programmheft steht: »So oder so ähnlich beginnen Geschichten, die wir uns nachts erzählen. Geschichten, die uns helfen, die Nacht zu verkürzen. Wir suchen nach Gruselgeschichten, nach Horror, nach Ereignissen abseits des Normalen, ob gehört, selbsterlebt oder ausgedacht, die wir uns immer und immer wieder erzählen, um sie gegenseitig abzuschleifen, sie wie Edelsteine zu mugeln, um ihren Kern freizulegen, ihre soziale Kraft zu entdecken, die in uns den warmen Schauder der Angst auslöst. Vielleicht. Wenn das Theater da noch mithalten kann. Damit die Angst nicht die Macht übernimmt, ängstigen wir uns selbst, und das Publikum bezahlt dafür.«
Wir ängstigen uns, damit die Angst uns nicht lähmt. Ein schönes Spielzeitmotto. In diesem Zusammenhang noch eine gute Nachricht: Christoph Schlingensief ist wieder da. Der Regisseur hat sich von einer schweren Krankheit erholt und meldet sich auf der Bühne zurück. Bei der Ruhrtriennale (Landschaftspark Duisburg-Nord) öffnet er am 21. September seine Kirche der Angst. Solange wir singen, ist die Kirche nicht aus. Und solange wir spielen, hat die Angst einen Sinn.
- Datum 13.11.2008 - 15:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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