Russland Die Dascha-Avantgarde

Alte Utopien und neues Geld: In Moskau eröffnet ein spektakuläres Zentrum für Gegenwartskunst

Daria Zhukova ist 27, sie ist Russin, und sie kennt sich nicht aus. Die vielen Künstlernamen, die könne sie sich einfach nicht merken, sagt sie. Aber sie wolle ja auch keine große Sammlerin werden, erst recht keine Galeristin. Und sie muss es auch nicht, sie ist schon jetzt der neue Fixstern am Kunstbetriebshimmel.

Wenn Daria Zhukova ruft, dann kommen Museumsdirektoren wie Nicolas Serota von der Tate Modern, Galeristen wie Larry Gagosian, Künstler wie Jeff Koons und Richard Prince. Sie reisen an, weil ihre Dasha zwar keine Ahnung von der Kunst hat, dafür aber ein Zentrum für Gegenwartskunst gründet, Moskaus größtes. Es wird eröffnet mit einem gewaltigen Fest, das Buffet wurde eigens aus London eingeflogen, ebenso Amy Winehouse, die ein schönes, schrilles Konzert gibt. Einzig nach Kunst muss man auf diesem Kunstfest lange suchen. Bis auf eine Lichtskulptur bleiben die Hallen leer. Oder besser: Die Bedeutung der vielen Direktoren, Kuratoren, Sammler reicht aus, sie zu füllen.

Damit treibt Zhukova auf die Spitze, was im Kunstbetrieb ohnehin üblich ist: Auf den meisten Vernissagen wollen die Gäste reden und Wein trinken, und die Kunst stört dabei nur. Zhukova nimmt auf ihre Art darauf Rücksicht. Außerdem will sie zunächst einmal die Architektur ihres neuen Zentrums wirken lassen. Einst waren die Hallen eine Busgarage, 1927 von Wladimir Schuchow und Konstantin Melnikow geplant, zwei Meistern des Konstruktivismus. Sie bauten nicht einfach nur Garagen oder Funktürme, sie wollten eine andere Gesellschaft errichten, sie waren Avantgarde. Und nie hätten sie sich träumen lassen, dass einst eine neue Avantgarde in ihre Garage ziehen würde, die Dasha-Avantgarde.

Daria Zhukova stammt aus einer sehr wohlhabenden Familie und ist liiert mit dem zweitreichsten Mann Russlands, mit Roman Abramowitsch. Gemeinsam haben die beiden in jüngster Zeit einige sehr teure Bilder gekauft, gemeinsam haben sie auch die (recht dilletantische) Renovierung der heruntergekommenen Garage bezahlt und wollen nun für den Betrieb des Kunstzentrums aufkommen. Den Hauptteil trägt allerdings Zhukova, eigens hat sie dafür eine Stiftung gegründet. Erstaunlich viele solcher Stiftungen gibt es in Moskau mittlerweile, und fast immer sind es die reichen Ehefrauen der reichen Ehemänner, die das Kunstkaufen und Kunstzeigen für sich entdecken. Die meisten sammelten zunächst klassische Moderne, vor allem die eigenen Traditionen, die russischen Meister. Nun aber richten sich viele Augen auch gen Westen und auf die Gegenwartskunst. Bislang ist aber nur Zhukova auf die Idee gekommen, beides zu verbinden: In der Architektur ihrer Garage scheint sich etwas von der Aura der Revolution bewahrt zu haben, von der Geschichte. Und mitten hinein in diese Aura stellt sie nun die aktuelle Kunst. Alte Utopie trifft auf neues Geld – und alles könnte gut sein.

Wäre da nicht Ilja Kabakov, der von beidem nichts hält. Er darf nun, nachdem die große Einstandsparty verrauscht ist, als erster Künstler die Hallen füllen – und das ist mindestens so verwunderlich wie der Aufstieg der Zhukova. Kabakov hat vor 20 Jahren Russland verlassen, ist seither nie wieder in Moskau gewesen, und jetzt soll ausgerechnet er, der so lange Unterdrückte, zum Helden der Stunde werden? Nicht nur in der Garage eröffnet er jetzt zusammen mit seiner Frau Emilia zwei Installationen, auch im Galerienquartier Winzavod hat er einige Werke aufgebaut. Und selbst das Puschkin-Museum, sonst nur toten Künstlern vorbehalten, zeigt seine Kunst. Manche in Moskau wispern schon, das sei eine jüdische Verschwörung. Der Künstler mit jüdischer Abstammung, die beiden Finanziers ebenfalls und auch der Kurator Joseph Backstein, außerdem gehört die Garage der jüdischen Gemeinde – das müsse doch ein Komplott sein.

Doch ist das natürlich Unsinn. Die Kabakov-Ausstellung war lange verabredet, bevor Zhukova ihr Herz für die Kunst entdeckte. Und vermutlich hätte sie sich auch einen anderen Premierenkünstler ausgesucht. Kabakov ist zwar unter den russischen Künstlern einer der bekanntesten, seine Werke werden im Westen teuer bezahlt. Aber seine Kunst ist alles andere als glamourös und medientauglich. Auch diesmal tut Kabakov, was er immer getan hat: Er vergräbt sich, baut sich Schlupfwinkel, seine Welt in der Welt.

Offiziell war er lange Kinderbuchzeichner, mehr als 150 Bücher hat er in der Sowjetunion illustriert. Sein inoffizielles Leben aber verbrachte er als Konzeptkünstler im Atelier unterm Dach, mit knurrigem Humor und großer Lust an Rollenprosa. Oft traf er sich mit anderen Künstlern, gemeinsam zeigten sie sich ihre Werke oder lasen sich daraus vor – und wenn überhaupt, dann ist es diese Verschwörung, die in Kabakovs Werken bis heute fortwirkt und viele fasziniert.

Dass es damals nicht ums große Geld ging und nicht allein um die Egos, dass sich in der Kunst nicht alles ums Verkaufen und Ausstellen drehte, es vielmehr auf Zusammenhalt ankam, auf Gemeinschaft, das löst in manchen heute fast schon nostalgische Gefühle aus. Und auch Kabakovs düster gestimmte Räume, seine gedeckten Farben, die patinierten Materialien scheinen von einer Sehnsucht nach der guten alten schlechten Zeit zu erzählen, von geteilten Ängsten, verlorener Nähe.

Von der schlechten neuen Zeit jedenfalls wollen seine Werke offenbar nichts wissen. Kabakov behelligt die internationale Kunstschar nicht mit Fragen nach Georgien oder den Übergriffen des Staats auf die Kunstfreiheit. Und das ist Daria Zhukova nur recht, die keinen Skandal will, nichts Politisches, das wäre ja geschäftsschädigend, und außerdem hat der Rabbi schon verlauten lassen, dass ihm nichts Obszönes und Lästerliches ins Kunsthaus komme.

Doch sollte niemand Kabakov unterschätzen. Nicht zufällig hat er die weite Halle mit einem monströsen Einbau geradezu verbarrikadiert. Soll sich der neue Geldadel doch auf die alten Arbeiterpaläste stürzen – er baut sich im Museum sein eigenes Museum und erzählt dort seine Kunstgeschichte der Vergeblichkeit, in der es um die Utopien von damals geht, um die Enttäuschung von gestern, um die Nostalgie von heute. Für Kabakov gibt es keine neue Zeit, kein neues Moskau. Mögen die Oberflächen auch poliert sein, dahinter leben die alten Schrecken fort.

So spricht es aus seinen Installationen, und vermutlich zöge man deprimiert von dannen, wäre da nicht sein Sinn fürs Absurde, ein Sinn auch für kleine Gesten. Einmal zum Beispiel lässt er ein klappriges Gestell aus lauter Leitern hinaufwachsen ins Dach der großen Garagenhalle, als wollte er vielleicht doch noch einmal hinaufsteigen ins Gebälk der Utopie, wohl wissend, dass er dabei nur abstürzen kann.

Und wirklich, schon in vier Wochen wird alles vorbei sein, dann wird Kabakovs Museum im Museum abgerissen, und wie es weitergeht mit der Garage, ist äußerst vage. Daria Zhukova kennt sich nicht aus mit der Kunst. Kann gut sein, dass sie schon morgen nichts mehr von ihr wissen will.

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