Finanzkrise : Immer auf die anderen

Europa streitet über Auswege aus der Krise. Deutschland gerät wegen seiner niedrigen Lohnkosten unter Druck.

Die Statik im weltweiten Finanzsystem beschreiben wenige Experten so anschaulich wie Axel Weber. Der Bundesbankpräsident bemüht gern das Bild vom einstürzenden Hochhaus, wenn er über die Folgen einer Bankenpleite spricht: Kracht das Haus in sich zusammen – mit geringen Auswirkungen auf die umstehenden Gebäude? Oder kippt das Hochhaus zur Seite – und zerstört so viele andere? Am vergangenen Wochenende, beim Treffen der europäischen Finanzminister und Notenbankchefs in Nizza, war Weber voller Hoffnung, dass es in nächster Zeit überhaupt keine Einstürze geben würde; dass ein marodes Haus wie die US-Investmentbank Lehman Brothers gestützt werden könne. Jetzt aber ist Lehman gefallen – und der Schaden unabsehbar.

Bedroht Amerikas Finanzkrise auch Europas Wirtschaft? Führt Deutschlands Weg nun tief in die Rezession? Kein Notenbanker diskutiert solche Fragen öffentlich. Zu groß ist die Gefahr, die Märkte noch mehr zu beunruhigen. Ruhe ausstrahlen: Das ist die erste Aufgabe eines Bundesbankchefs. Und so hat Weber für sich eine ganz neue Definition von Rezession gefunden. Zwei Quartale schrumpfende Wirtschaftsleistung, wie sie Deutschland gerade erlebt, sind für ihn »nur« ein Abschwung; von Rezession spricht er erst dann, wenn die Arbeitslosenzahlen steigen.

Das Problem an dieser Sicht ist nur: Für gemeinsame Maßnahmen der Europäer gegen die Krise wäre es dann schon viel zu spät.

Überall in Europa nehmen die Turbulenzen zu. Erstmals seit der Einführung des Euro ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone in diesem Frühjahr geschrumpft; vor allem Spanien, Italien und Frankreich leiden. In Spanien und Italien stagniert die Wirtschaft, in Frankreich schrumpft sie. Für alle drei Länder rechnen Experten fürs kommende Jahr mit einem deutlichen Rückgang des BIP. »Die konjunkturelle Talfahrt beschleunigt sich«, heißt es in einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Und die Deutschen bleiben da nicht außen vor: Weil auch Großbritannien immer tiefer in die Krise rutscht, fallen die vier wichtigsten europäischen Exportmärkte Deutschlands gleichzeitig aus.

Der Abschwung in Folge der US-Finanzkrise trifft auf ein Europa, das wirtschaftlich so verflochten ist wie nie zuvor – aber zugleich völlig uneins ist, wie man auf diesen Abschwung reagieren sollte. Es gibt keine einheitliche Politik, keine gemeinsamen Lösungsideen. Und so stellt sich die Frage, wie viel Gegensatz ein gemeinsamer Währungsraum verträgt. Und welche Verantwortung Deutschland als größte Volkswirtschaft der Eurozone dafür hat, dass Europa einigermaßen glimpflich durch die Krise kommt.

Ungleichheit innerhalb eines Währungsraumes ist nicht per se schlecht: Je größer zum Beispiel die Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit sind, desto größer ist auch der Druck, mit wirtschaftlichen und politischen Reformen zu den Besten aufzuschließen. So war es im vergangenen Abschwung, als Deutschland den anderen Ländern hinterherhinkte – bis die rot-grüne Bundesregierung den Arbeitsmarkt reformierte, die Unternehmen sich sanierten und die Beschäftigten dank zurückhaltender Lohnforderungen für ein kleines Lohnstückkostenwunder sorgten. Auch im Aufschwung profitierten die Deutschen von der Ungleichheit innerhalb der Eurozone: Die deutschen Exportfirmen erholten sich dank der starken Nachfrage aus Frankreich, Italien oder Spanien.

Kein anderes Land ist so stark vom Export abhängig wie die Bundesrepublik, jeder fünfte Job hängt am Geschäft mit der Ausfuhr von Autos, Maschinen oder Chemieprodukten. Im vergangenen Jahr nahmen deutsche Unternehmen damit fast 1.000 Milliarden Euro ein, mehr als jedes andere Land der Welt. Doch dieser Erfolg hat auch eine Kehrseite: Die deutschen Exporteure drückten ihre Konkurrenz in Frankreich, Italien und Spanien an die Wand.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Götzendienst

Dass jahrzehntelange Miltiärausgaben irgendwann ihren Tribut fordern, das kann niemand der Verantwortlichen jetzt noch so überraschen, wie es uns in diesem Artikel wohl nahegelegt werden soll. Während unsere Aufmerksamkeit von dem amerikanischen "Wahlkampf" und künstlich am Leben gehaltenen Konflikten wie Georgien absorbiert wird, sind oder werden im Pentagon schon die Entscheidungen getroffen, die das Schicksal der ganzen Welt im Visier haben, bis auf ein paar uninteressante Flecken, die dann die neue "Arche Noah"- Rolle übernehmen. Wir müssen nicht gespannt sein, wer diesmal darauf Platz nimmt. Wir werden stille Zeugen sein, die weder sehen noch hören,geschweige uns noch bewegen können.

Brüning reloaded

Die Bundesregierung - allen voran Peer Steinbrück wiederholt heute den Auftritt des unseligen Reichskanzlers Brüning zum Ende der Weimarer Republik: Sparen und Sanieren in Zeiten der Wirtschaftskrise.
Unter ihm ging NRW der SPD verloren.

Nun lässt er die deutsche Wirtschaft in die Rezession rutschen.

Aber wir kennen das ja: Versager in der Politikerlandschaft fallen meist nach oben: am Ende wird er einen bestens dotierten Aufsichtsratsposten in einem Dax-Konzern haben.
So funktionieren die Dinge in der Berliner Republik nun einmal.

Steinbrück = Brüning?

Der Vergleich mit der Polititk Brünings erscheint mir ungerechtfertigt. Heinrich Brüning wollte die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland mit seiner Wirtschaftspolitik vorsätzlich verstärken, um auf diesem Wege die Reparationszahlungen abschütteln zu können, zu denen Deutschland nach dem Versailler Vertrag verpflichtet war. Da er im Bunde mit Kurt von Schleicher ohnehin einen Staatsstreich mit Errichtung eines autoritären Regimes geplant hatte (wozu es dann aber nicht mehr kommen sollte), brauchte er auf wirtschaftliche Vernunft keinerlei Rücksicht zu nehmen.

Peer Steinbrück ist sich sehr wohl bewusst, dass man sich auch "ins Koma sparen" kann. Das bedeutet aber nicht, dass sich Verschuldung beliebig ausweiten lässt. Ein Defecit Spending muss immer einhergehen mit einem Schuldenabbau in wirtschaftlich besseren Zeiten. Und ob eine Globalsteuerung in deutlich offeneren Volkswirtschaften wie zu Karl Schillers Zeiten überhaupt noch eine vergleichbare Wirkung zeigt, ist auch keinesfalls sicher. Dass es an vielen Stellen sinnvolle staatliche Ausgabemöglichkeiten gibt, kann nicht bezweifelt werden. Die Gleichung Reduzierung der Neuverschuldung = Brüning geht aber nicht auf.

Öhm...

Autos materialisieren sich leider nicht aus reiner Arbeitsleistung. Bei 14% sinkenden Lohnstückkosten sinken die Stückkosten mal mit Sicherheit nicht um 14%, also kann man auch die Autos nicht 14% günstiger verkaufen. Sollten die Lohnstückkosten bei 5% der Stückkosten liegen, käme man auf ein Kostensenkungspotential von 0,7%. Aber das scheint ein bisschen zu kompliziert zu sein...

Kompetenz

Danke, dass Sie schon korrigierend kommentiert haben.
Werden die Artikel hier denn nicht redigiert? Rechtschreib- und Tippfehler können jedem passieren. Ein solch grober Verständnispatzer nimmt aber das Vertrauen.
Erst wird man mit diesem unsägliche Hitlervergleich belästigt, der auch noch gerechtfertigt wird, und jetzt mit einer logischen Bruchlandung.
Diese Woche wird einem als Zeit Leser eine Menge zugemutet.