Dieses Buch steht außerhalb der Zeit. Es will sich nicht auf die herrschenden Bedingungen einlassen. Auf den ersten hundert, zweihundert Seiten glaubt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, in ein behagliches, zurückgezogenes, deutsches bürgerliches Erzählen. Da werden Kindheitssehnsüchte und Naturbilder wachgerufen, wie man sie zuletzt wohl bei Adalbert Stifter oder Hermann Hesse gelesen hat – die stille Landschaft, die dunklen Bäume, die großen Wohnungen mit ihren Schatten spendenden Gärten und den fein ziselierten Intarsien der Möbel. Das soll das Buch sein, das vom Literaturbetrieb seit geraumer Zeit so heftig umraunt wird?

Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren und zur Zeit des Mauerfalls Panzerkommandant bei der Nationalen Volksarmee, hat 2004 den Klagenfurter Lesewettbewerb mit einem furiosen Ausschnitt aus diesem Roman gewonnen. Aber es war noch nicht abzusehen, wann er das Buch abschließen würde. Autor und Verlag (damals Rowohlt) legten deshalb, im Sog des Bachmann-Preises, mit Der Eisvogel zunächst ein ganz anderes Buch vor. Es wurde sehr zwiespältig aufgenommen: Tellkamp ging auf aktuelle Strömungen im Osten ein, beschrieb die Sogwirkung rechter, elitärer, militanter Intellektuellenzirkel, die mit Ernst Jüngerschem Waldgängerpathos die Pöbelherrschaft der DDR wie die kapitalistische Massendemokratie verachteten. Auffällig und in einzelnen Szenen sehr suggestiv war der Stil, der an die avancierte Ostmoderne eines Wolfgang Hilbig oder Reinhard Jirgl anzuknüpfen schien, seine glühende, aufgeladene Sprache.

Nun endlich erscheint Der Turm, das seit 2004 erwartete Opus magnum Tellkamps. Es geht chronologisch um einige Jahre zurück, endet 1989 und liefert nebenbei auch eine Vorgeschichte des Eisvogels, denn eine sehr deutsche, sehr abgeschlossene Welt tritt uns auch hier entgegen. Noch aber ist sie vornehmlich nach innen gewendet. Zu Beginn fährt der jugendliche Christian, der etliche biografische Daten mit dem Autor Tellkamp zu teilen scheint, Anfang der achtziger Jahre von seinem Internat übers Wochenende nach Hause. Er benutzt die Standseilbahn hinauf in ein altes, bürgerliches Dresdener Villenviertel und liest dabei einen Band mit »Alten deutschen Dichtungen«, zum Beispiel die Geschichte vom Goldsporenritter, der mit zweiundsiebzig Schiffen ausgezogen ist, um Königin Bride zu freien – darin findet sich Christian selbst wieder.

Die stillgelegte Zeit, die hier beschrieben wird, hat konkrete Daten. Es geht um ein Bildungsbürgertum, das in der DDR, speziell in Dresden im Stadtteil Weißer Hirsch, zu überwintern versuchte und eine deutsche Kulturtradition aufrechterhielt, die in der Bundesrepublik währenddessen verschwand. Der schillernde DDR-Wissenschaftler Manfred von Ardenne residierte hier mit seinem Privatinstitut (er taucht im Turm in der Figur des Barons Arbogast auf), und Schriftsteller wie Durs Grünbein oder Ingo Schulze, die nach 1989 auf irritierende Weise gleichermaßen zeitgenössisch und gebildet auftraten, waren in diesem Milieu groß geworden.

Tellkamps Figur Christian kommt aus dem Internat, um den fünfzigsten Geburtstag seines Vaters zu feiern. Dies ist ein klassischer bürgerlicher Höhepunkt und ein klassischer Romaneinstieg: Er zeigt Größe und bereitet den anschließenden Verfall vor. Christian spielt Cello, in einem Quartett aus Familienmitgliedern, er geht in diesem Cellospiel auf wie weiland Thomas Mann im Wälsungenblut.