Uwe Tellkamp Weißer Hirsch, schwarzer SchimmelSeite 3/3

Natürlich hätten es keineswegs tausend Seiten sein müssen. Einige Kapitel wirken überflüssig, und manche scheinen einfach aus früheren Skizzenbüchern des Autors integriert worden zu sein. Sich wiederholende Passagen in Dresdner Mundart verselbstständigen sich, die Briefe des gerade einberufenen Soldaten verselbstständigen sich, die eingeschobenen Manuskripte Menos verselbstständigen sich. Ausgefeilte assoziative Passagen wie die über die letzte Dresdener Straßenbahnfahrt auf dem Weg zur Armee zeigen die Fähigkeit zur Verdichtung, zu einem elegischen, symbolischen Schreiben – aber sie deuten auch eine unangenehme Fallhöhe zu breiter angelegten, eindimensionalen Erzählperioden an.

Tellkamp hat offenkundig nach formalen Möglichkeiten gesucht, den realistischen Erzählstrom ab und zu zu stauen, Schleusen einzubauen, es gibt kurze Einschübe, die fragmentarischer, »zeitgenössischer« daherkommen. Dennoch wirkt das Buch insgesamt so, als ob es die jeweils beschriebene Bewusstseinsebene – konservierte Bürgerlichkeit, Armeedrill, Pubertätswirren – mit den ihr entsprechenden sprachlichen Mitteln einfach abbilden möchte. So entsteht zwar eine Art Kaleidoskop, aber man hat den Eindruck, eine letzte Überarbeitung – vor allem auch beim schwachen Schluss! – hätte dem Roman gutgetan.

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Der Turm ist eine gewaltige Kraftanstrengung, ein abschließender Blick auf die DDR, der groß angelegte Selbstvergewisserungsversuch eines bedeutenden Autors. Dass »deutsche« Themen, die in Westdeutschland in Zusammenhang mit der 68er-Bewegung »bewältigt« wurden, auf dem Territorium der DDR immer noch virulent sind, wird in diesem Roman sehr beredt. Es geht um Innerlichkeit, um individuelles Pathos, um Schicksal. Das Buch ragt aus der üblichen Saisonware deutscher Gegenwartsliteratur weit heraus. In der Beschreibung der kleinen DDR-Welten, der Ängste und Zerstörungen, in der Analyse einer Diktatur entwickelt es mitunter einen starken Sog.

Vielleicht aber kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem Uwe Tellkamp eine zweite Fassung dieses monumentalen Werks vorlegt – analog etwa zu Gottfried Keller, der durchaus einer seiner Gewährsmänner sein könnte und der seinen großen Bildungsroman Der grüne Heinrich nach einiger Zeit überarbeitete, den ihm unheimlich gewordenen jugendlichen Überschwang ein bisschen zurücknahm. Kenner werden dann beim Autor Tellkamp wohl ähnlich augenzwinkernd wie jetzt die Kenner Kellers auf die erste Fassung verweisen: Hier sei das Werk noch im genialischen, rauschhaften Rohzustand, hier sei noch nichts geglättet. Sie haben eine unberechenbare Eigendynamik, die Musennester.

 
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