»Was ist denn eigentlich so ein Katastrophal?« Solche Fragen kann nur Karl Valentin stellen, der größte Volksphilosoph, den Bayern je hervorgebracht hat, und nur er kann sie beantworten: »Ein Katastrophal ist eine Art Energie, und wenn die exeplidiert, dann geht’s los, dann is dö ganze Welt hi.« Es geht in diesem Fall um die politische Welt des Wirtes von Rieden, einem winzigen Dorf mitten in Oberbayern. Er sitzt in seinem Biergarten unter den Kastanienbäumen, die vom goldenen Herbstlicht durchglüht werden, und schimpft auf die Partei. »Über dreißig Jahr’ war i Mitglied bei der CSU, jetzt bin i austretn.« Und warum? »Weil’s Feigling san. De traun si nur noch in da Nacht Plakate klebn. Und weil’s mir zu rechtsradikal san, jedenfalls bei uns do.«

Es ist ein eher ungewöhnlicher Grund, den der Wirt für seinen Austritt nennt, aber mit seinem Ärger steht er nicht alleine da. Obwohl es den meisten Bayern so gut geht wie nie zuvor, sind viele nicht mehr zufrieden mit ihrer CSU. »Früher hättn’s an Besen aufstelln kenna, der wär’ auch g’wählt woan«, sagt der Wirt. Aber nach den Kommunalwahlen im März dieses Jahres steht fest, dass nicht mehr jeder Besen gewinnt: Die Wähler haben den Christsozialen die schmerzhafteste Watschn gegeben, seit sie im Freistaat allein herrschen, und das ist immerhin schon fast ein halbes Jahrhundert. In schier uneinnehmbaren Hochburgen wie Passau, Landshut oder Garmisch-Partenkirchen und erstmals auch in vielen Landgemeinden verloren sie die absolute Mehrheit. In Bodenmais, tief drinnen im Bayerwald, wurde sogar ein Schwuso, ein schwuler Juso, zum Bürgermeister gekürt. Es war ein flächendeckendes Fiasko für die CSU, ein Katastrophal eben. Und wenn die Demoskopen zur Abwechslung einmal richtig liegen sollten, dann droht das nächste bei der Landtagswahl am 28. September.

Die Jugend geht lieber zu »Sport Schweinsteiger« als in die Kirche

Kaum fällst hin, liegst schon da, sagt der bayerische Volksmund. Aber wie konnte das der CSU passieren? Der abtrünnige Gastwirt aus Rieden gibt gleich am Anfang unserer spätsommerlichen Rundreise durchs Voralpenland den entscheidenden Hinweis: »Weil’s koane Echten mehr san.« Er spricht aus, was wir noch öfter hören werden: Dass es zu viele aalglatte Karrieristen in der CSU gebe, zu viele Dampfplauderer, denen es an Leidenschaft und Volksnähe fehle. Das ist der härteste Vorwurf, den ein Einheimischer gegen die Partei erheben kann, die das Monopol auf die wahre Bajuwarizität beansprucht: Bislang war die CSU Bayern, und Bayern war die CSU – eine allmächtige Volkspartei, so fest verankert in der weiß-blauen Identität, dass sie sich einbilden durfte, das schöne Bayernland und seine barocke Lebensart erfunden zu haben.

Das Urrezept für diese Erfindung kann man derzeit in Rosenheim studieren, in der Ausstellung Adel in Bayern: Die CSU regiert wie einst die Königsdynastie der Wittelsbacher, sie stellt die Bezirksfürsten, Landräte und Bürgermeister, und es schien für ewig und drei Tage zu gelten, was der vergessene Schriftsteller Ludwig Steub schon vor 150 Jahren in seinen Kulturbildern konstatierte: Man brauche in Bayern glücklicherweise so wenig denken, weil dies die Mächtigen aus Gefälligkeit für alle besorgten; am Ende könne man diese Gewohnheit ganz einstellen.

Weil der CSU neuerdings ein ungewohnt scharfer Wind entgegenbläst, trommelt Parteichef Erwin Huber seine Parteiministranten zum »Kreuzzug« gegen die Sozis, Grünen und Freien Wähler, vor allem aber gegen die Linken. Den Glaubenszweiflern, die versucht sind, ihr Kreuzl an der falschen Stelle zu machen, wird wieder die Höllenangst eingejagt – ein urkatholischer Abwehrreflex aus der Denkschule des Tuntenhausener Männervereins, der den klerikalen Flügel der CSU bis heute beeinflusst. Der Reflex hilft ja auch, so wie die anno 1561 zwischen Tuntenhausen und Beyharting gebaute Dankkapelle gegen den Ansturm des falschen Lutherglaubens geholfen hat. Aber die Basilika von Tuntenhausen lassen wir diesmal links liegen, es geht weiter nach Berbling, wo wir mit Josef Obermeier verabredet sind, einem Landtagskandidaten der Linken. Ausgerechnet in Berbling, einem Dörflein hinter Bad Aibling, das noch nicht verschandelt wurde und stolz ist auf seine Rokokokirche mit den drei betenden Frauen, dem grandiosen Ölgemälde von Wilhelm Leibl. Obermeier trägt ein Polohemd, das so rot leuchtet wie die Geranien auf den Balkonen. Der Name, die Sprache und der Vollbart weisen ihn als Urbayern aus, verheiratet ist er mit einer Chinesin. Obermeier kandidiert für die Linken. »Die Leut’ halten mich meistens für einen CSUler. Aber die kommen heutzutag im Boss-Anzug daher. Denen fehlt die Aura der alten CSU, es sind oft Anpassler ohne Ecken und Kanten.« Obermeiers Programm sind ein paar Flugblätter mit diffusen Maximalforderungen, fürchten muss sich davor keiner. Aber zum Schluss gibt er uns noch einen interessanten Gedanken mit auf den Weg: »Die CSU ruht nicht mehr im Bayerntum.«

Um zu verstehen, was die unerschütterliche CSU-Ordnung so durcheinandergebracht hat, fahren wir weiter nach Oberaudorf am Inn. Das wohlhabende Gebirgsdorf ist ein Mikrokosmos der bayerischen Verhältnisse – und der tektonischen Verschiebungen in der politischen Landschaft. Edmund Stoiber erblickte hier das Licht der Welt, er ist Ehrenbürger, und solange die Menschen zurückdenken können, herrscht die CSU, in ihren besten Jahren fuhr sie regelrechte DDR-Ergebnisse ein. Seit der denkwürdigen Kommunalwahl aber stellt sie nur noch die Hälfte der Gemeinderäte. Das lag, oberflächlich betrachtet, an einem der segensreichen Projekte der CSU-Granden, das aber die überwältigende Mehrheit der Bürger nicht wollte. Ein pfundiger Campingplatz sollte her, und an der Vorplanung waren die bekannten Amigos beteiligt, der Architekt, der Immobilienmakler, der Gastronom, der Bauunternehmer und so weiter. »Vor dreißig Jahr’ war die Mafia nur unten, z’Italien, jetz hammas do, bei uns, in der CSU!«, wettert ein Bergbauer, der anonym bleiben will. »Die große Politik, dass i ned lach’… da Trog bleibt da gleiche, nur de Säu’ ändern si!«