Intersexualität Aus der Rolle gefallenAus der Rolle gefallen
Eines von 5000 Kindern kommt nicht als Junge oder Mädchen zur Welt. Es sind Intersexuelle. Früher wurden sie oft vorschnell operiert und auf ein Geschlecht festgelegt. Heute lassen Eltern und Ärzte ihnen Zeit
Die jungen Männer drücken Alex in den Sand. »Wir tun dir nichts, wir wollen es nur sehen«, flüstert einer und fummelt am Reißverschluss ihrer Hose. Das Mädchen schreit und schlägt um sich, doch die Jungen machen weiter, bis sie »es« entdeckt haben. Ihr Geheimnis, dessentwegen ihre Eltern nach ihrer Geburt auf eine verlassene Insel gezogen sind – in der Hoffnung, den Nachfragen zu entgehen.
15 Jahre lang haben sie es geschafft. Niemand weiß, dass ihr Kind Mädchen und Junge zugleich ist. Doch jetzt hat die pubertierende Alex das Versteckspiel satt. »Wenn ich etwas so Besonderes bin, warum darf ich es niemand sagen«, fragt sie ihren Vater und bekommt in den Dünen die Antwort. Weil die Leute aggressiv auf Menschen wie sie reagieren, auf Zwitter, wie man sie früher nannte, oder Intersexuelle, wie sie heute heißen. Alex’ Eltern haben sich damals den Ärzten widersetzt, per Skalpell der Natur nachzuhelfen, die sich nicht entschieden hatte. »Sie hat beides«, rufen ihre Peiniger.
Das Drama auf der Leinwand ist der Höhepunkt des mehrfach ausgezeichneten argentinischen Spielfilms mit dem Titel XXY, der in diesem Sommer ins Kino kam. In der norddeutschen Kleinstadt, in der Lisa Evers* mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Kindern lebt, wurde er nicht gezeigt. Dabei hätte die 44-Jährige ihn mit besonderem Interesse gesehen: Auch ihre Tochter ist intersexuell, und wie die Filmeltern entschieden sich die Evers gegen eine »geschlechtsangleichende« Operation.
»Ich bin auch ein Junge«, sagt das Mädchen – und darf mit Fußball spielen
Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Denn Lisa und Hans Evers haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Friederike nicht ganz dem entspricht, was man sich unter einem Mädchen vorstellt – und mit dieser Strategie bislang erstaunlich gute Erfahrungen gesammelt. Was für die Filmfigur ein Hindernis ist, weiß Friederike zuweilen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Als Nachbarjungen das Mädchen vom Fußballspielen ausschlossen, zog sie ihre Trumpfkarte: ihre »männlichen« XY-Chromosomen. »Ätsch, ich bin auch ein Junge!«, erklärte sie den Jungen – und war dabei. Damit ihr nie jemand entgegnet, so etwas gebe es nicht, weihen ihre Eltern alle ein, die mit den Kindern Kontakt haben. Nicht über jedes körperliche Detail, für die meisten reiche »Hormonstörung« als Erklärung, sagt Lisa Evers.
Die heute achtjährige Friederike ist für die Entwicklungsneurologin Ute Thyen ein Beispiel dafür, wie »enorm« sich der Umgang mit Intersexualität in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. Die stellvertretende Leiterin der Kinderklinik Lübeck ist Sprecherin des Netzwerks Intersexualität, eines Zusammenschlusses von Betroffenen, Wissenschaftlern, Ärzten und Psychologen, das diesen Wandel dokumentiert – und vorantreibt. In einem im März in der Zeitschrift Kinderheilkunde veröffentlichten Grundsatzpapier erklärt das Netzwerk, nicht alle »Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung« seien »per se korrekturbedürftig«. Zudem sollen die Kinder altersgerecht an allen Entscheidungen beteiligt werden, die ihren Körper betreffen.
Die Tragweite der Erklärung ist nur mit einem Blick in die unmittelbare Vergangenheit zu verstehen. Noch in den neunziger Jahren galt der feste Grundsatz, die geschlechtliche Uneindeutigkeit möglichst rasch nach der Geburt chirurgisch zu beseitigen. Den Betroffenen wurde der Grund für die Operationen und die zum Teil schmerzhaften Untersuchungen meist verschwiegen – aus Scham und um den Behandlungserfolg nicht zu gefährden. Dahinter steckte die Annahme, ein Baby komme als geschlechtliches Neutrum zur Welt und werde mittels passender Kleidung und Erziehung in das zugewiesene Geschlecht hineinwachsen. »Im Zentrum stand die Frage, wie gut das chirurgische Ergebnis war«, sagt Thyen. Heute gehe es »um die Lebensqualität und die Zufriedenheit mit der Behandlung.«
Frühere Behandlungsweisen haben viele Intersexuelle traumatisiert
Diesen Wandel stießen zwei Entwicklungen an: Zum einen orientiert sich die Medizin mittlerweile stärker am Patientenwillen, zum anderen wurden die Leidensgeschichten von heute erwachsenen Intersexuellen bekannt (ZEIT Nr. 40/00). Als einer der Ersten schilderte der Intersexuelle Michel Reiter, wie Eltern und Ärzte versuchten, aus ihm das Mädchen Birgit zu machen. Mit vier Jahren schneidet man ihm das ab, was nach gängiger Definition für einen Penis zu klein und für eine Klitoris zu groß ist. Er bekommt eine künstliche Vagina, die unter Schmerzen gedehnt werden muss, damit sie nicht wieder zuwächst; hoch dosierte Hormongaben lassen Brüste wachsen.
Reiter ist keine Ausnahme, wie eine Studie des Hamburger Instituts für Sexualforschung zeigt, für die es 37 erwachsene Intersexuelle befragt hat. Das Ergebnis: Die damals gängige Therapie produzierte keine glücklichen, weil eindeutigen Männer und Frauen, sondern überdurchschnittlich viele suizidgefährdete, depressive Menschen, die ihr Leben lang unter körperlichen und seelischen Schmerzen leiden. »Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand durch eine solche Behandlung traumatisiert wurde, war sehr hoch«, sagt Thyen. Der größte Fehler der Mediziner sei gewesen, ihren Patienten das Recht zu nehmen, über ihren Körper zu verfügen.
Lisa und Hans Evers müssen für Menschen mit solchen Erfahrungen Traumeltern sein. Keine Geheimnisse, keine Ärzte. Dabei hatten sie von Intersexualität noch nie etwas gehört, als Friederike auf die Welt kam. »Ein Mädchen«, sagten die Ärzte und gleich danach »mit vergrößerter Klitoris«. Eine Klitoris, die bei der Geburt länger als einen Zentimeter ist, könne auf eine Intersexualität hindeuten, erklärten sie den Evers. Und dass sie die Chromosomen ihrer Tochter testen lassen sollten. »Nicht dass sie am Ende ein Junge ist.« Besonders verunsichert habe sie der Satz jedoch nicht, erinnert sich Lisa Evers: »Wir nehmen die Dinge, wie sie sind.« Sie erzählt Friederikes Geschichte geradeheraus, samt den anatomischen Details. Zupackend wirkt die gelernte Steuerfachgehilfin, sie trägt Strickpulli, Jeans, eine unauffällige Brille, die Haare zum Zopf gebunden, Hauptsache praktisch. Ihr Mann arbeitet als Handwerker im Schichtbetrieb.
Der Chromosomentest und eine Röntgenaufnahme des Babys bestätigten den Verdacht der Ärzte. Äußerlich ähnelte Friederike einem Mädchen, mit einer verschlossenen Scheide, einer Gebärmutter sowie der Anlage zu Eierstöcken auf der einen Körperhälfte und Hoden auf der anderen. Und XY-Chromosomen. Warum sich Friederike so entwickelt hatte, fanden die Wissenschaftler in der Lübecker Spezialklinik für intersexuelle Kinder nicht heraus. Das ist nicht ungewöhnlich. Nur die Hälfte aller Betroffenen lässt sich in eins der 20 Diagnosemuster einordnen.
In Friederikes Fall ist nur das Symptom bekannt: gemischte Gonadendysgenesie. Es bedeutet, dass sich ihre Keimdrüsen nicht vollständig entwickelt haben und Hoden- wie Eierstockgewebe vorhanden war. Weil Gonadendysgenesien verdächtigt werden, das Krebsrisiko zu erhöhen, hatten die Evers eingewilligt, das Gewebe zu entfernen. Schweren Herzens, denn Friederike verlor damit die Möglichkeit, Sexualhormone zu produzieren.
Ginge es nach einigen Intersex-Aktivisten, dann dürften solche Operationen, die sie »Zwangskastrationen« nennen, nicht mehr durchgeführt werden. Vielen Intersexuellen wurden ohne ihr Wissen die Keimdrüsen entfernt. Mit Genugtuung haben sie deshalb den Prozess einer intersexuellen Kölnerin verfolgt, deren erfolgreiche Klage gegen ihren Arzt im Februar für Aufsehen sorgte. Der Mediziner hatte ihr im Alter von 18 Jahren Eierstöcke und Gebärmutter herausgeschnitten – weil sie nicht zu dem »Jungen« passten, zu dem sie als Kind erklärt worden war. Tatsächlich sei man heute bei der Gonadenentfernung sehr viel vorsichtiger, sagt die Lübecker Ärztin Thyen, doch sei die Sorge vor einer Tumorbildung in einigen Fällen nach wie vor berechtigt.
Vorbildlich aus Sicht der Aktivisten verhielten sich die Evers, als sie das Angebot der Ärzte ablehnten, Friederikes Klitoris zu verkleinern. Zwar soll dank neuer Operationstechniken die Chance relativ groß sein, die Empfindsamkeit des Schwellkörpers zu erhalten. Die Evers aber wollten das Risiko nicht eingehen – und fanden ihr Kind perfekt, wie es war. Hans Evers grummelt etwas über seine roten Haare, deretwegen er früher gehänselt wurde. »Das hat mich nur stärker gemacht!« Und bisher hat – soweit die Eltern wissen – nie ein Kind etwas zu Friederike gesagt. Nicht am Nacktbadestrand, nicht bei Doktorspielen.
Und Friederike? »Wie ist sie denn so?« Lisa Evers lächelt. »Kommen Sie mit, und sehen Sie lieber selbst.« Wenig später löst sich aus der Masse auf dem Schulhof ein Kind und geht langsam auf die Mutter zu. Es hat blondes, schulterlanges Haar, trägt eine Brille und schaut die Erwachsenen neugierig an. Es. Sie. Er. Es. Sie sieht weder aus wie ein Mädchen noch wie ein Junge, sondern vor allem wie ein Kind. »Hallo Friederike.« Die Mutter lacht. »Nein, das ist ihr Bruder Hauke.«
Dann kommt die richtige Friederike. Sie sieht ihrem Bruder sehr ähnlich, trägt ebenfalls Brille, Anorak und Hose, dazu rosa Wildlederschuhe. »Sie hat ihre Rosa-Phase«, sagt die Mutter. Wenn Mädchen nachgesagt wird, sie wollen gefallen – an Friederike scheint das vorbeigegangen zu sein. Sie ignoriert die Fremde und stürmt auf einen Freund zu. Mit Maschinengewehren, die nur die beiden sehen können, ballern sie aufeinander ein. »Tscht, ttusch, njuum-tschusch.« Ihre Stimme ist tief, das Waffenarsenal beeindruckend. Friederike wechselt zum Raketenwerfer. Sie habe auch gerade ihre Raketen-Phase, erklärt die Mutter.
Sind es die Chromosomen? Oder die Spätfolgen der geschlechtsneutralen Erziehung in den ersten drei Lebensjahren? »Ich wollte sie in keine Richtung drängen, habe versucht, sie weder wie ein Mädchen noch wie einen Jungen anzuziehen«, sagt die Mutter. Dass Friederike wilder ist als andere Mädchen, erklären sich die Evers auf ihre Weise. »Oma war auch so«, heißt es. Und für Vater Hans ist »Hauke der Theoretiker, Friederike die Praktikerin.« Recht hat er. Das Klo ist verstopft. Friederike stürmt ins Bad. »Ich mach das«, brüllt sie. Ein paar beherzte Stöße mit dem Pümpel – »geht wieder«.
Mit ihrer entspannten Haltung sind die Evers in der Minderheit. Die meisten Eltern, sagt die Ärztin Thyen, würden sich spätestens dann für kosmetische Operationen entscheiden, wenn ihr Kind in die Kita oder Schule kommt. Aus Angst vor Hänseleien. »Eltern müssen abwägen, ob ihr Kind damit selbstbewusst umgehen kann«, sagt Thyen. Haben die Eltern daran Zweifel, hält die Ärztin einen Eingriff weiterhin für vertretbar – selbst wenn dieser später nicht mehr rückgängig zu machen sei. Entscheidend sei, dass das Kind sich geborgen fühle.
So sieht es auch Knut Werner-Rosen, der als führender Experte in der psychotherapeutischen Begleitung von Intersexuellen und ihren Angehörigen gilt. »Es geht nicht um Operationen, es geht um die Eltern-Kind-Beziehung«, sagt er. Niemand dürfe den Familien die »richtige« Behandlung vorschreiben, weder Aktivisten noch Ärzte. Doch längst nicht alle Mediziner halten sich an die Zurückhaltung. »Die Behandlung ist noch weitgehend an den Erfahrungen und Einstellungen der Experten orientiert«, heißt es auf der Homepage des Netzwerks Intersexualität.
Dass die meisten Eltern Operationen verlangen, wundert Werner-Rosen nicht. »Intersexualität ist ein Klopper«, sagt er. Ein Phänomen, das Menschen verwirrt, die eigene Geschlechtsidentität infrage stellt. Eltern intersexueller Kinder müssten deshalb zumindest vorläufig entscheiden, ob sie ihr Kind als Mädchen oder Jungen aufziehen. Denn bei aller Offenheit der Gesellschaft für andere Lebensmodelle und sexuelle Orientierungen: Die Vorstellung eines dritten Geschlechts überfordere die meisten Menschen. Auch plädiert er für eine psychologische Betreuung der Familien.
Friederikes Eltern haben eine solche bisher nicht gebraucht. Vielleicht wird sie später nötig, wenn die Jahre der Pubertät kommen. Niemand kann voraussagen, wie sich Friederikes Körper entwickeln wird – und was sie dann sein möchte. Junge, Mädchen, etwas dazwischen? Kann sein, dass sie ihren Eltern dankbar ist, dass sie so viele Optionen offengelassen haben. Kann sein, dass sie sie verflucht, weil sie sich eine richtige Scheide wünscht und das Gewebe bei einem Teenager nicht mehr so anpassungsfähig ist wie bei einem Kleinkind. Möglich, dass ihr die Vorstellung einer durch Hormonpillen gesteuerten Pubertät so unheimlich ist wie heute ihren Eltern. »Aber warum sollen wir uns jetzt schon Sorgen machen?«, fragt Lisa Evers. Am Ende zähle allein, was Friederike wolle.
* Namen von der Redaktion geändert
Das «Netzwerk Intersexualität» befasst sich mit angeborenen Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung. Es ist eines von zehn bundesweiten Netzwerken für seltene Erkrankungen und wird seit 2003 vom BMBF finanziell gefördert.
- Datum 06.02.2009 - 13:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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dass sich hier noch keiner mit den allerneuesten und allerbesten ratschlägen gemeldet hat.
eine literaturempfehlung mehr am rande: Batya Gur, so habe ich es mir nicht vorgestellt.
Bruce wurde nicht als Frau geboren, Bruce wurde dazu gemacht.
Bruce Reimer sollte einem gewissen Dr. Money als Exempel dienen und veranschaulichen, dass geschlechtstypisches Verhalten nur gelernt ist.
Das traurige Schicksal des Probanden hat aber letzthin nur das Gegenteil bewiesen.
am ende ist alles - brunch
weil hinter allem unweigerlich ein verdammt kluger hinter(n)kopf steckt
Wie im Text beschreiben können die Experten der UNI-Klinik in LÜBECK keine Zuordnung in "20 Fächer" für 50% der Fälle machen. Über 500 Chromosomendefekte die selbst wieder Unterdefekte haben und die Hormone verstärken oder behindern zeigt die fast unendliche Vielfalt der Körperbildung.
Und die Gehirne bekommen noch soziale Muster während dem Leben einprogrammiert und bauendarauf mit Handeln und tun auf.
Grundsätzlich gibt es wenig Forschungsergebnisse und vor allem auch keine psychologischen Richtlinien oder Hilfen von den Medizinern. Nur im Bereich des Leistungssport bewegt man sich ganz vorsichtig aber auch hier fehlen die
Fachinformationen. Intersexuelle Menschen leben im Verborgenen und werden als solche fast nicht erkannt.
Die Zahl der Intersexuellen Menschen ist übrigens weitaus geringer als Umfragen vermuten lassen: Transsexuelle versuchen mit einem outing als intersexuelle Menschen Vorteile zu erreichen aber die Labormedizin verhindert schlussendlich den scheinbar leichteren Weg durch die Ämter. Übrigens Intersexuelle Menschen leben fast wie in einer Parallel-Welt denn sie sind körperlich werder männlich noch weiblich. Die Gehirne liegen irgendwo zwischen männlich und weiblich. Nicht einmal Wahrscheinlichkeiten gibt es. Und es lebt doch. MfG
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