Seit einigen Jahren lese ich in den Zeitungen auch den Wirtschaftsteil, durchaus mit Gewinn. Im Wirtschaftsteil stand der Name Stoiber. Dieser Mann, Stoiber, leite die Antibürokratiegruppe der Europäischen Kommission. Er stehe jetzt möglicherweise vor seinem ersten großen politischen Erfolg im Kampf gegen Bürokratie. Die Vermarktungsnorm für Gurken soll ersatzlos gestrichen werden.

Bisher war vorgeschrieben, dass als Gurke im Sinne der europäischen Rechtsprechung nur ein Gewächs gilt, welches auf zehn Zentimetern Länge eine Krümmung von maximal zehn Millimetern aufweist. Nur so etwas darf in Europa als Gurke verkauft, als Gurke angepriesen oder als Gurke bezeichnet werden. Interessanterweise haben seit vielen Jahren Kabarettisten, Kommentatoren und Humoristen, die den Bürokratismus geißeln wollten, behauptet, in der EU sei der Krümmungsgrad der Bananen vorgeschrieben. Das stimmt aber nicht. Das ist ein Mythos.

Bei den Bananen ist nur die Länge vorgeschrieben. Eine wirklich bananige Banane muss mindestens 14 Zentimeter lang sein. Ein Bananenbüschel, ein sogenannter Cluster, muss mindestens vier Bananen aufweisen. Es gibt freilich Regionen, in denen Gott, die Natur oder die Gesellschaft dafür gesorgt hat, dass Bananen niemals so lang werden, zum Beispiel die Kanarischen Inseln. Dort gelten Sonderbestimmungen.

Jedenfalls hat Edmund Stoiber einen historischen Satz gesagt: "Jeder weiß, was eine Gurke ist." Es sei deshalb nicht nötig, das Gurkenhafte oder Gurkige einer Gurke amtlich zu definieren, man solle den Gurken gestatten, so zu wachsen, wie sie wollen. Die EU-Kommission hat angekündigt, dass sie, gleichzeitig mit dem Gurkengesetz, auch die Normen für andere Lebensmittel abschaffen wolle, zum Beispiel für Haselnüsse und Knoblauch. Im Moment gilt noch die Europäische Haselnussverordnung, die zehn Seiten umfasst und in der folgender Satz steht: "Die Haselnüsse in der Schale dürfen nicht leer sein." Die Europäische Knoblauchverordnung hat nur sieben Seiten. Dort steht, dass in einer Knoblauchpackung die Durchmesser der größten und der kleinsten Knoblauchknolle sich um maximal 15 Millimeter unterscheiden dürfen.

Gegen die Liberalisierung des Gurkenhandels tobt, zu meinem nicht geringen Erstaunen, ein Sturm der Entrüstung. Alle Agrarstaaten der EU sind gegen die Abschaffung der Gurkennorm – sogar Deutschland hat dagegen gestimmt, gegen Stoiber! Der für Gurken zuständige Minister Seehofer, der in derselben Partei ist wie Stoiber, hat daraufhin einen Beamten strafversetzt.

Beim Bauernverband gibt es einen Sprecher für Obst- und Gemüsefragen, der Hans-Dieter Stallknecht heißt. Dieser Sprecher wird in der FAZ mit der Aussage zitiert, er befürchte, dass die Gemüsestände überall in Europa zu Wühlkisten würden. Weil es plötzlich so große Unterschiede zwischen den Gurken gebe, werde jeder Gurkenesser versuchen, die schönste, größte und geradeste Gurke für sich zu ergattern. Dies liege in der menschlichen Natur.

Der Bauernverband ist also für Gleichheit, für Gurkensozialismus, während Edmund Stoiber, vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben, für Anarchie und Respekt vor unangepassten Lebensformen kämpft. Diese Kolumne aber verneigt sich vor einem der größten Liberalen der Küchenphilosophie, vor Wolfram Siebeck, der die politische Frage "Was ist eine Gurke?" wie folgt beantwortet hat: "Gurken haben außer ihrer Wässerigkeit nicht viel zu bieten und weigern sich, Geschmack anzunehmen."