MartensteinDer Gurkensozialismus

Unser Kolumnist ereifert sich über den EU-Bürokratismus und verneigt sich vor Wolfram Siebeck von 

Seit einigen Jahren lese ich in den Zeitungen auch den Wirtschaftsteil, durchaus mit Gewinn. Im Wirtschaftsteil stand der Name Stoiber. Dieser Mann, Stoiber, leite die Antibürokratiegruppe der Europäischen Kommission. Er stehe jetzt möglicherweise vor seinem ersten großen politischen Erfolg im Kampf gegen Bürokratie. Die Vermarktungsnorm für Gurken soll ersatzlos gestrichen werden.

Bisher war vorgeschrieben, dass als Gurke im Sinne der europäischen Rechtsprechung nur ein Gewächs gilt, welches auf zehn Zentimetern Länge eine Krümmung von maximal zehn Millimetern aufweist. Nur so etwas darf in Europa als Gurke verkauft, als Gurke angepriesen oder als Gurke bezeichnet werden. Interessanterweise haben seit vielen Jahren Kabarettisten, Kommentatoren und Humoristen, die den Bürokratismus geißeln wollten, behauptet, in der EU sei der Krümmungsgrad der Bananen vorgeschrieben. Das stimmt aber nicht. Das ist ein Mythos.

Anzeige

Bei den Bananen ist nur die Länge vorgeschrieben. Eine wirklich bananige Banane muss mindestens 14 Zentimeter lang sein. Ein Bananenbüschel, ein sogenannter Cluster, muss mindestens vier Bananen aufweisen. Es gibt freilich Regionen, in denen Gott, die Natur oder die Gesellschaft dafür gesorgt hat, dass Bananen niemals so lang werden, zum Beispiel die Kanarischen Inseln. Dort gelten Sonderbestimmungen.

Jedenfalls hat Edmund Stoiber einen historischen Satz gesagt: "Jeder weiß, was eine Gurke ist." Es sei deshalb nicht nötig, das Gurkenhafte oder Gurkige einer Gurke amtlich zu definieren, man solle den Gurken gestatten, so zu wachsen, wie sie wollen. Die EU-Kommission hat angekündigt, dass sie, gleichzeitig mit dem Gurkengesetz, auch die Normen für andere Lebensmittel abschaffen wolle, zum Beispiel für Haselnüsse und Knoblauch. Im Moment gilt noch die Europäische Haselnussverordnung, die zehn Seiten umfasst und in der folgender Satz steht: "Die Haselnüsse in der Schale dürfen nicht leer sein." Die Europäische Knoblauchverordnung hat nur sieben Seiten. Dort steht, dass in einer Knoblauchpackung die Durchmesser der größten und der kleinsten Knoblauchknolle sich um maximal 15 Millimeter unterscheiden dürfen.

Gegen die Liberalisierung des Gurkenhandels tobt, zu meinem nicht geringen Erstaunen, ein Sturm der Entrüstung. Alle Agrarstaaten der EU sind gegen die Abschaffung der Gurkennorm – sogar Deutschland hat dagegen gestimmt, gegen Stoiber! Der für Gurken zuständige Minister Seehofer, der in derselben Partei ist wie Stoiber, hat daraufhin einen Beamten strafversetzt.

Beim Bauernverband gibt es einen Sprecher für Obst- und Gemüsefragen, der Hans-Dieter Stallknecht heißt. Dieser Sprecher wird in der FAZ mit der Aussage zitiert, er befürchte, dass die Gemüsestände überall in Europa zu Wühlkisten würden. Weil es plötzlich so große Unterschiede zwischen den Gurken gebe, werde jeder Gurkenesser versuchen, die schönste, größte und geradeste Gurke für sich zu ergattern. Dies liege in der menschlichen Natur.

Der Bauernverband ist also für Gleichheit, für Gurkensozialismus, während Edmund Stoiber, vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben, für Anarchie und Respekt vor unangepassten Lebensformen kämpft. Diese Kolumne aber verneigt sich vor einem der größten Liberalen der Küchenphilosophie, vor Wolfram Siebeck, der die politische Frage "Was ist eine Gurke?" wie folgt beantwortet hat: "Gurken haben außer ihrer Wässerigkeit nicht viel zu bieten und weigern sich, Geschmack anzunehmen."

Leserkommentare
    • diehac
    • 18. September 2008 19:07 Uhr

    Verehrter Herr Martenstein,

    die Welt ächst unter der Finanzkrise, und Sie, veehrter Herr Martenstein, verbreiten sich über die Gurke. Sie wollen ablenken, Sie gehören zu den Stones, oder Sie müssen sowas schreiben, weil Ihr Herausgeber, der Altbundeskanzler, das so will.

    Dabei wird es Zeit, dass Sie Ihr Talent den aktuelle Problemen unserer Zeit widmen. Bedenken Sie: Geldsachen sind für die meisten Menschen immer aktuell.

    Nun meine Anregung: Es geht um die wahren Ursachen der Finanzkrise. Gut, Herr Greenspan ist nicht ganz unschuldig. Bedenken Sie die Zinsentwicklung in den USA nach nineeleven herab zu den sagenumwobenen 1 %. Jeder halbwegs vernünftige Mensch hatte seinerzeit davon ausgehen müssen, dass Herr Greenspan negative Zinsen oder Boni (für Schulden) angeordnet hätte, wenn seine Amis sich weiter beharrlich geweigert hätten, endlich mehr Schulden zu machen und kräftig zu konsumieren. Da wollte niemand abseits stehen, insbesondere nicht der arme Mensch draussen im Lande.

    Schon meine Schwiegermutter sagte immer, so könne es nicht weitergehen.
    Nicht so die Banker. Die gaben Kredite, dass die Gelddruckmaschinen heiß liefen. Und sie verdienten Geld damit, sehr viel Geld.

    Das ist die wahre Ursache der Finanzkrise. Die Banker, insbesondere die Topbanker verdienten mehr und mehr, je mehr Unsinn sie zu verantworten hatten. Ist ja logisch: Wenn ich vernünftig handle, dann geht nichts schief. Folglich ist das Risiko gering und ebenso klein ist die Verantwortung. Wenn ich aber Quatsch mache, muss ich mehr Verantwortung übernehmen und dementsprechend besser finanziell entschädigt werden. Riesenquatsch führte zur Explosion der Zuwendungen für die Banker.

    Ein Beispiel: Josef Ackermann verdient nicht wenig, aber die größere Absahne machen seine Vorstandskollegen vom Investmentbanking. Letztere sind die, die u. a. mit den Lehmann-Brüdern zu tun haben. Ich bin mir sicher: Die Lehmann-Brüder haben mehr abgezockt als die Investmentbanker der DB, weil letztere von JA gebremst wurden (Schweizer sind bekanntlich langsam) und weniger Unsinn zu verantworten hatten.

    Josef Ackermann selbst wird sich nicht wundern, dass er weniger verdient. Seine Bank macht ja auch vernünftige Sachen. Wenn nicht, wäre eine Gehaltserhöhung fällig.

    Nein, lieber nicht. Besser wäre es, wenn alle gleich verdienten. Der kleine Mann am Bankschalter genauso viel wie die große Frau von der Investment-Abteilung. Wer nachgewiesenermaßen über viele Jahre keinen Quatsch, macht, wird befördert und kriegt die hübschere Sekretärin bzw. den hübscheren Sekretär. Mit der bzw. dem passiert auch kein Quatsch wegen der vielen Jahre.

    Mein Vorschlag riecht nach Kommunismus. Den Geruch müssen Sie, verehrter Herr Martenstein, herausbringen. Sie finden schon die richtigen Worte. Vielleicht "Finanzsozialismus statt Rumgegurke".

    Übrigens: Herr Siebeck scheint viel Geld zu verdienen, denn seine These zu den Gurken ist Quatsch. Gurken haben einen wundervollen Geschmack. Ich liebe gefüllte Schmorgurken. Muss die immer selbst schmoren, weil arme Sau.

    Mit besten Grüßen,

    DieHac

    • Colon
    • 20. September 2008 14:45 Uhr
    2. Gurk

    Gurk e hoch en

    "Wiesn", München, im September.

    "Gurk,gurk,gurk", rann es dem Bauernverbandspräsidenten* die Kehle hinab. Er schluckte, wie jedes Jahr, standesgemäß viel Untergäriges. "Zwoa Moaß und I red´ immer noch g´scheid. Da muss i´ ned acht Stund´ anhalten mit der Goschen, wie ´s derr Beckstoi´ mit soim Fuhrwerrk dua muass, damit err widerr fahrtücht´g wern´ tuat" - Reden und Schreiben geht auch ohne Führerschein, und in fast jedem Befindlichkeitszustand. - "Die fränkisch´ Kümmerla muass a Ordnung hoa´m".

    "Wusch"**.

    Gurk,Kärnten.

    Dreihundert Kilometer südlich Münchens lauschten derweil fünfzehn tapfere Mitglieder der "High Level Group of Independent Stakeholders on Administrative Burden"(1) und etliche weitere höherrangige geladene Gäste dem Jahresabschlussgottesdienst, gehalten in drei Amts- und siebzehn weiteren europäischen Verkehrssprachen. Ein erstes, ereignisreiches bürokratisches Jahr lag hinter den hohen Beratern. Auf halbem Wege zwischen Rom und Brüssel erhoffte man sich nun heilsam segnende Worte Benedikt des XVI. Seine Mehrsprachigkeit galt als gesichert und im hohen Dom hatte man den passenden Ort für seinen Auftritt gefunden.

    Ruhe und Zufriedenheit herrschte jedoch erst, nachdem der berüchtigte Landeshauptmann seine gastfreundliche Anwesenheit kurzfristig abgesagt hatte. Man munkelte, dies sei auf eine diplomatische Intervention der Union zurück zu führen, die, jede entfernt mögliche Andreas Hofer-Analogie mutig beiseite schiebend, bis in die Morgenstunden hinein mit der Landesregierung konferiert hatte.

    Die Gurkenfrage könne, so der "High Representative for the Common Foreign and Security Policy, Secretary-General of the Council of the European Union (2), Mr Solana, assisting the Council in foreign policy matters, through contributing to the formulation, preparation and implementation of European policy decisions", nur unter außenpolitischen Gesichtspunkten völlig unbürokratisch gelöst werden.

    Die kürbisartige Gemüsefrucht stamme historisch aus Indien. Sie sei dazu, als wahrhaft weltumspannend gepflanztes Gemüse, in absteigender Reihenfolge, am beliebtesten in China, der Türkei, dem Iran, in Russland und in den USA. Hingegen wachse sie in freier, urtümlicher Form nur sehr ungern in Kärnten.

    Die Chance zur Einheit der Welt in Gegensätzen, die so unterschiedlichen Staaten hatten ihre Absicht angekündigt, über eine Assoziation in Verhandlungen zu treten, wolle man sich nicht weiter durch eher regionale Konflikte um Bezeichnungsfragen, kärntner Murken statt deutscher Gurken, oder gar einen Streit um Größen und Krümmungen, nehmen lassen. Zumal man, bei der allgemein angespannten Weltlage, froh sei über die Absicht der russischen Föderation, ihre alte, schon zur Zeit des dritten Rom nachgewiesene, frostharte Sorte "Early Russian" dem gemeinsamen Markt wieder zur Verfügung zu stellen.

    Die fünfzehn hochrangigen Mitglieder beschlossen in einem seltenen Moment diplomatischer Hochstimmung, die Aufnahmeanträge aller Länder dieser Erde anzunehmen und auf einer Steinbank im Gotteshaus abzulegen. Eine weitere Bearbeitung der Anträge erfolge, so die hohen Vertreter, zunächst durch regelmäßige Konsultationen, mittels des Instrumentes der aktuellen Vertagung, sowie durch den vertrauensbildenden Austausch weiterer hochrankiger und schmackhafter Sorten. Man dürfe den geschlossenen "Vertrag von Gurk" allenfalls als Absichtserklärung verstehen und müsse daher in weiteren Verhandlungen auf eine Änderung der Wortwahl dringen. Zunächst bleibe es aber bei dem Wort "Vertrag", wobei die hohen verhandelnden Parteien gegenseitig und einmütig den Wunsch bekundeten, dieses Wort als fiktive "Formel" aufzufassen.

    Am Ende erteilte der Papst den Segen, englische Chöre hoben an zu singen, von den Emporen erklang "Freude schöner Götterfunken". - Die hochrangige Kommission hatte beschlossen, auch im nächsten Jahr, auf der Basis der Gründungsvereinbarung, weiter tätig zu sein: "(...)Im Vorfeld der Arbeiten des hochrangigen Beratungsgremiums wird der Verwaltungsaufwand in den 13 vorrangigen Bereichen des Aktionsprogramms durch ein externes Unternehmenskonsortium, bestehend aus Cap Gemini, Deloitte und Ramboll Management, berechnet (IP/07/1373). Im Rahmen dieser vorbereitenden Bestandsaufnahme, die auf der Grundlage des europäischen Standardkostenmodells erfolgt, werden die Verwaltungslasten in den einzelnen Bereichen festgestellt. Diese rein rechnerische Ermittlung wird daraufhin der hochrangigen Gruppe als Arbeitsgrundlage dienen. Fachkompetenz und Erfahrung ihrer Mitglieder sind die solide Basis, auf der die Ergebnisse diskutiert sowie praktische Schlussfolgerungen gezogen und Empfehlungen für die Europäische Kommission zu Änderungen des Gemeinschaftsrechts ausgesprochen werden. Die Vorschläge des Beratungsgremiums bilden dann die Entscheidungsgrundlage der Kommission. Derzeit nimmt das Konsortium eine Bestandsaufnahme der Informationsanforderungen vor, die sich zurzeit aus EU-Rechtsvorschriften...ergeben.(...).(MEMO/07/471,Brüssel, den 19. November 2007) (3)"

    Beim anschließenden Stehempfang gab es Gurkensalate in Variation, Gurke frittiert, süß-sauer eingelegt, mit und ohne Käs´, Gurke an Schlange, Senf und Gewürz, Gurkenpâté nach Landfrauenart und eine Scharade am kalten Buffet, bei der der Leiter der High Level Group, nach dem Auffinden einer besonders festkochenden, in Mürbeteig eingebackenen Spezies, zum ehrenamtlichen Gurkenkönig ernannt wurde und ein gewisser Siebeck, fein kauend, unter dem Tisch hervorgezogen werden musste. Der Mann hatte keine Einladung und war für sein schlechtes Urteil in Gurkenfragen und seinen vorzüglichen Appetit unter den hochrangigen Experten durchaus bekannt.

    Grüße

    Christoph Leusch

    *Lebende Personen werden selbstverständlich genannt, sind aber nicht gemeint, analog diplomatischer Gepflogenheiten. Vermutete Ähnlichkeiten verdanken sich der reinen hypothetischen Konstruktion.
    **"Wusch", neudeutsch, einen filmischen und/oder szenischen Ortswechsel andeutend, aber auch übertragen, Ortswechsel. Ursprünglich Bewegung andeutende Schriftblase in Comics, sowie Geräusch aus Märchen-,Fantasy-,Science fiction- und Harry Potter-Filmen. Sehr häufig und leider semantisch wahllos, von dem Deutschen Komiker und Filmemacher "Bully" Herbig eingesetzt. Im o.g. Text allerdings, ein Hinweis auf die Relativität des Texttitels.
    (1) Offizieller Titel des Stoiber-Teams
    (2) Offizieller Titel des hohen Repräsentanten und seine knappe
    Arbeitsplatzbeschreibung
    (3) Tätigkeitsbeschreibung der Stoiber Kommission

  • Serie Audio
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Edmund Stoiber | EU-Kommission | FAZ | Bauernverband | Europa
Service