Intellektuelle sind unverwechselbare Einzelne, Frauen und Männer, die sich jenseits ihrer eigentlichen Berufe als Künstler, Politiker oder Wissenschaftler eine Zuständigkeit fürs gesellschaftliche Ganze zutrauen und dies mit dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit öffentlich vertreten. Gerade weil Intellektuelle, um in der Öffentlichkeit Gehör zu finden, ihre fachlichen Kompetenzen weit überschreiten müssen, sind sie stets umstritten. Umstritten zu sein ist zwar keine hinreichende Bedingung, um als Intellektueller zu gelten, allein: Wer nicht umstritten ist, gehört mit Sicherheit nicht dazu.

Doch Intellektuelle sind stets auch typische Repräsentanten einer nationalen Kultur und ihrer Geschichte. Wenn es also so etwas wie den Idealtyp des bundesdeutschen Intellektuellen gäbe, dann könnte es sich nur um Alexander Mitscherlich handeln, der am 20. September 1908, in den letzten Jahren des wilhelminischen Kaiserreiches, als Sohn eines bildungsbürgerlich geprägten Fabrikanten geboren wurde.

Beim Erwähnen Mitscherlichs hört man stets die Klage, dass er vergessen und unterschätzt sei. Doch das ist ein Irrtum. Es dürfte kaum eine Persönlichkeit der Bundesrepublik Deutschland geben, der inzwischen sage und schreibe fünf Biografien gewidmet sind. Ihr Reigen beginnt mit dem von Mitscherlich selbst verfassten autobiografischen Versuch unter dem Titel Ein Leben für die Psychoanalyse (Suhrkamp) aus dem Jahre 1980. Er setzt sich fort mit der Pionierarbeit von Hans Martin Lohmann, die 1987, fünf Jahre nach Mitscherlichs Tod erschien, um zwanzig Jahre später, 2007, mit den profunden Arbeiten der jungen Historiker Martin Dehli und Tobias Freimüller fortgesetzt zu werden.

Das vorläufige Ende dieses Reigens wird durch das soeben erschienene, an Umfang und Quellenkenntnis kaum noch zu überbietende »biographische Porträt« Timo Hoyers, eines Mitarbeiters am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, markiert. Mit diesen Biografien sind Leben und Werk jenes Mannes, dem die Wiederbeheimatung der von den Nationalsozialisten verjagten Psychoanalyse in Deutschland zu verdanken ist, unwiderruflich Geschichte geworden, mehr noch: Mitscherlich und sein Werk lassen sich inzwischen nur noch wirkungsgeschichtlich betrachten.

Wie brisant Mitscherlichs Wirkungsgeschichte ist, offenbart schon die Merkwürdigkeit, dass die Studien von Martin Dehli und Tobias Freimüller trotz großer Überschneidungen im selben Jahr im selben Verlag erschienen sind. Tatsächlich kann man den Göttinger Wallstein Verlag gar nicht genug dafür loben, nach der Arbeit von Tobias Freimüller auch noch Dehlis Arbeit verlegt zu haben. Dessen Manuskript lag dem Vernehmen nach zunächst einem Frankfurter Traditionsverlag vor, konnte aber dort nach Intervention von Freunden und Angehörigen Mitscherlichs nicht erscheinen; ein Umstand, der dem zuständigen Lektor seine Stellung kostete und den jungen Autor der exzellenten Promotion sein Heil jenseits der Wissenschaft suchen ließ.

Seine erste Hochzeit fand im trauten Familienkreis von Ernst Jünger statt

Dieser skandalöse, viel zu wenig beachtete Vorgang lässt sich kaum anders denn als Symptom eines tiefer liegenden kulturellen Konflikts deuten, nämlich des Kampfs um die postfaschistische Legitimität der Bundesrepublik und ihrer emanzipatorischen Bedeutung. Doch woran entzündete sich der Konflikt? Gewiss nicht an dem Nachweis, dass Mitscherlich, Autor der 1963 erschienenen Studie über die »vaterlose Gesellschaft«, mit seinen drei Ehen und sechs Kindern kein besonders guter Vater war. Gewiss auch nicht an dem Umstand, dass sich der Wiederbegründer der Psychoanalyse in Deutschland erst im vergleichsweise hohen Alter von fünfzig Jahren – und zwar durchaus widerwillig – einer eher kurzen Lehranalyse von knapp einem Jahr unterzog.