SPD Der Kanzlermacher
Franz Müntefering setzt im Wahlkampf 2009 auf Steinmeier, Seelenmassage und ziemlich linke Politik

© Jochen Schievink für DIE ZEIT
Vor dem Fight gegen Merkel: Müntefering wird im Wahlkampf 2009 den Angreifer geben, Steinmeier den Staatsmann
Als der neue Franz Müntefering aus der Haut des alten schlüpft, bekommen es nur jene mit, die seinen Sinn für Symbolik kennen. Nach Wochen, ja Monaten, trägt Müntefering an diesem Tag wieder seinen roten Schal. Jenen Schal, den er einst, als SPD-Vorsitzender, selbst im Sommer kaum ablegte. Er betritt den Plenarsaal des Bundestages, eilt zur Regierungsbank, stellt sich hinter seinen Stuhl, den zweiten von rechts in der ersten Reihe, nimmt den Schal ab – und legt ihn, mit einem Zwinkern in Richtung der SPD-Abgeordneten, auf den leeren Stuhl der Kanzlerin. Nicht jeder, aber doch mancher hat verstanden: Von jetzt an bin ich, Müntefering – der Vizekanzler und oberste Disziplinator der Großen Koalition –, wieder Parteimensch. Von jetzt an geht es mir nicht mehr in erster Linie um das Wohl der Regierung, sondern um das der SPD. Die Kanzlerin hat beim Post-Mindestlohn nicht Wort gehalten – und dafür werfe ich ihr den Fehdeschal hin. Der alte Müntefering ist weg, ein neuer da.
Rund elf Monate sind seit dieser Szene vergangen. Der neue Müntefering ist kaum in Erscheinung getreten, weil zunächst ein Machtkampf mit dem damaligen SPD-Chef Kurt Beck die Sicht auf ihn verdeckte. Weil anschließend, auf dem Hamburger Parteitag Ende Oktober 2007, mehr der Stil seiner umjubelten Rede beschrieben wurde als deren Inhalt. Und weil er schließlich, am 13. November 2007, aus privaten Gründen als Vizekanzler zurücktrat. Jetzt ist er wieder da, 68 Jahre jung, und viele glauben, er sei immer noch der alte. Der unerbittlichste Agenda-Verteidiger, der Mann, der selbst dann noch Schröderianer blieb, als Schröder selbst schon von seiner Lehre abgefallen war. Vertreter vom linken SPD-Flügel fürchten gar, dass mit dem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, dem Architekten der Agenda 2010, vor allem aber mit dem Vorsitzenden Müntefering, dem Erfinder der Rente mit 67, jene Politik zurückkehrt, die sie für die große Misere der SPD verantwortlich machen. Und dass mit dieser Politik Gerhard Schröder selbst zurückkehrt. Nur: Diesen Müntefering hat Müntefering längst abgeschafft. Und der Agenda-Architekt werkelt bereits an Neuem. Doch woran genau? Was planen Steinmeier und Müntefering? Wie wollen sie einerseits die SPD hinter sich zusammenschließen – und andererseits die Union vor sich herjagen? Und was tun, wenn all die schöne Planung hinfällig wird, weil sich die Finanzkrise der USA zu einer weltweiten Rezession ausweitet und plötzlich ganz andere Themen die Menschen interessieren als die von ihnen vorhergesagten?
Politik ist Organisation. Diesem Leitsatz ist Müntefering stets gefolgt, ob alt oder neu. Und deshalb muss, bevor man sich über Inhalte Gedanken macht, zuerst einmal eine Struktur geschaffen werden, die hält, auf die man sich verlassen kann. Und deshalb muss Wasserhövel her.
Am ersten Tag als designierter Parteichef hat Müntefering seinen langjährigen Vertrauten Kajo Wasserhövel kurzerhand vom Arbeitsministerium ins Willy-Brandt-Haus versetzt, seinen früheren Staatssekretär in den Bundesgeschäftsführer der SPD verwandelt. Die Personalie ist gleich unter mehreren Gesichtspunkten symbolträchtig. Zum Ersten markiert sie den Auftakt einer Aktion, die Kurt Beck zweieinhalb Jahre lang gemieden hat wie der Pfälzer das Saarland: den personellen Umbau der intern heillos zerstrittenen SPD-Zentrale. Nach dem 18. Oktober, nach Münteferings geplanterWahl zum Vorsitzenden auf einem Sonderparteitag, werden im Willy-Brandt-Haus kräftig Möbel gerückt. Müntefering holt die Band wieder zusammen, seine alten Vertrauten.
Zum Zweiten klärt die Wasserhövel-Berufung die quälende Debatte, wer denn nun den Wahlkampf der SPD managt. Generalsekretär Hubertus Heil, der sich qua Amt und Selbsteinschätzung berufen fühlte? Oder ein »Wahlkampfmanager«, wie es ein Plan von Kurt Beck vorsah. Antwort: Wasserhövel – und Heil darf bleiben. Was, drittens, als ein Zeichen innerparteilicher Versöhnung verstanden werden soll. Als Sprecher der Netzwerker hatte Heil einst, bei der Nominierung des Generalsekretärs, Stimmen für Andrea Nahles und gegen Wasserhövel organisiert. Das Manöver endete mit Münteferings Rücktritt als SPD-Chef. Heil bleibt jetzt trotzdem. Unter Müntefering – und unter Wasserhövel.
Wenn Politik Organisation ist, muss auch klarsein, wer Star ist und wer Diener. Diesem Zweck diente der Auftritt von Steinmeier und Müntefering vor der Fraktion. Steinmeier war der Star – weil Müntefering ihn in sauerländischer Schnellschuss-Logik dazu erklärte. Laut Verfassung, so Müntefering, sei nur der Kanzler, nicht aber die Partei, dem ganzen Volke verpflichtet. Und da der SPD-Kandidat ja nichts anderes sei als ein Kanzler vor seiner Ernennung, müsse alles auf ihn ausgerichtet sein; er stehe im Zentrum. Ihm habe auch der Vorsitzende zu dienen. Steinmeier kämpferisch, angriffslustig, Müntefering analytisch, auf den Punkt, klar in der Sache. So fielen hinterher die Urteile aus: »Wir wissen jetzt, was wir vermisst haben, wenn hier Beck auftrat«, urteilte eine Abgeordneter.
- Datum 30.07.2009 - 09:36 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
- Kommentare 15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Müntefering steht für Rentenlüge, für Mehrwertsteuerlüge, für ein Misstrauensvotum, in dem das Misstrauen erwünscht wurde. Das sollte sich jeder in Erinnerung rufen, der die SPD wählt. Steinmeier stand im Hintergrund und hat die Fäden gezogen.
fühlt, sollte sich jetzt mehr denn je klar machen, dass schwere Zeiten anstehen, die mit einem Klassensprecher-Politik-Niveau nicht zu meistern sind. Es verlangt einen fähigen Kopf, der die deutschen Interessen besonders im Innland und freilich mit diplomatischem Feingefühl auch im Ausland vertritt. Und er (bzw. sie) soll auch nicht wie ein Hund (bzw. Hündin) augenfreundlich kriechen, sondern achtgeben, was die Mehrheit der Bevölkerung will, ohne wortbrüchig zu werden.
Ob ein roter Schal mehr sein kann als eine Erinnerung für Müntefering daran, wo seine inzwischen wohl längere Reise durch die politische Landschaft einst begonnen hatte.
Die Wähler kennen inzwischen die Konsequenzen der Agenda und anderer bisher gut verkaufter Versprechungen und sie zeigen kein großes Interesse an Weiterungen. Die Verdrossenheit greift um sich, weil die "Alternativen" sich nur mit neuen Gesichtern und neuen Stimmungsszenarions vorgstellt haben. Die politische Arbeit findet am Rande statt mit wenig beeindruckenden Ergebnissen und umso grelleren Darbietungen.
Bald kann die politische Klasse, die inzwischen kaum mehr als Teil des Volkes wahrgenommen wird, vor der Aufgabe stehen, ihre Existenz und ihre Notwendigkeit unter Beweis zu stellen.
Jede Partei, die jetzt sichtbar Ernst macht mit der präsentierten Aufgabenstellung, wird es nicht bereuen, das Risiko der Nachprüfbarkeit ihrer Behauptungen eingegangen zu sein.
In welcher Welt lebt der Müntefering und der Steinmeier? Die alten Wähler werden so schnell Müntefering und Schröder Günstlinge nicht verzeihen, dass er sie in der Wüste hat dürsten lassen ohne Grund. Heute liegt das deutsche Lohnniveau ca. 12-14 Prozent niedriger als das der Franzosen und Engländer. Nach dem Motte gibt den Starken immer mehr und die Schwachen verheizen wir in den Feuerofen der Konzerne. Diese beiden Herren mit Anhang sind doch keine Sozialdemokraten. Sie lassen sich feiern als Sanierer der deutschen Wirtschaft und vergessen dabei, dass sie in der falschen Partei sind.
hat schon meine Oma nicht mehr geglaubt.
Warum also sollte ich diesen SPD-Funktionären, die ja alle aus der Riege derer stammen, die dem Genossen der Bosse in seine Funktion gehievt haben, in der er sich mit der Hilfe seines Knappen Hans Eichel daran gemacht hatte, die von Kohl und Genscher ausgedachte Zerstörung der deutschen Bundes-, Länder- und Kommunalhaushalte zu Gunsten der bundesdeutschen Kapitalgesellschaften und der sogenannten Investorengesellschaften, wie private equity Unternehmen (Eigenkapitaldiebe und Unternehmenshändler mit spekulativem Geschäftsmodell), Kapitalfonds, Hatch-Fonds, Dachfonds und - siehe auch Superfond - bei dem man bitte die Nähe zwischen Gerhard Schröder und dem Initiator dieses Finanzspekulationsunternehmens beachten sollte. Übrigens, hier tun sich Parallelen zur Nähe zwischen den FDP-Größen Genscher, Lambsdorf etc und dem uns allen inzwischen bekannten Finanzbetrugsunternehmen "Göttinger Gruppe" auf.
Wie denn bitte sehr, will denn in Anbetracht der real-praktizierten Lobby- und Seilschaftspolitik, die unter Führung der Gruppe Schröder in Deutschland seit 1998 betrieben wurde, heute noch ein SPD-Mitglied mir als gewöhnlichem Wähler glaubhaft machen, dass diese Partei keine auf sich selbst konzentrierte Funktionärsorganisation ist, die das Instrument des parlamentarischen Mandats nicht zur Selbstversorgung, Selbstabsicherung und Selbstinszenierung benutzt?
Das dürfte in Anbetracht der Erfahrungen fast unmöglich sein, wenn ich mir die Debatten zwischen meinen IG Baulern und den SPDisten im Jahre 2008 anhöre.
Da ist so gar nichts mehr von realer Interessenvertretung der Interessen der im abhängigen Erwerbsleben auf halbwegs lebensermöglichende Löhne und Gehälter mehr zu vernehmen.
Sogar in der sonst so moderaten IG Bau und IGBCE werden in immer stärkerem Umfang die Skalpelle der Lohnverzichtsoperationen in den Schrank zurück gelegt und die Keulen, mit denen unsere Erwerbstätigeninteressen bei den kommenden Tarifverhandlungen durchgesetzt werden müssen, auf die Tische der Tarifkommissionen gelegt.
Dabei sollte sich keiner von den gegenwärtigen Funktionären der SPD in die Parade fahren lassen sondern sie schlicht bitten, sich aus dem Staube zu machen und sich auch künftig verkneifen, dieser Agitproptruppe des spekulativen Finanzfeudalismus auch nur ein Ohr zu leihen, geschweige denn eine Stimme bei einer Wahl zu geben. Dass können diese "Genossen" doch selbst viel besser, denn bei denen wählt ja auch immer der eine den anderen, ganz nach dem bekannten Muster "Können muss nicht sein, kennen ist entscheidend".
Nein Danke.
LaFontaine steht für eine gerechtere Steuerpolitik. Die Linkspartei plädiert für eine Steuerlast die dem OECD -Mittel enspricht, so würde man, laut Parteiprogramm alle Forderungen der Linken finanzieren können.
Von einer Neuverschuldung war bei Herrn LaFontaine mitnichten die Rede.
__________________________________________________________________
Bürger, sei wachsam!
gegen Kredite, die in die Zukunft investiert werden (z.B. in die Bildung) ist nichts einzuwenden, weil sie sich irgendwann auszahlen. Aber gegen Kredite für den Krieg in Afghanistan, der schon verloren war, als er begonnen wurde (man hätte nur die Russen befragen können), ist schon etwas einzuwenden.
Es kommt also darauf an, wofür man Kredite aufnimmt.
Das stammt übrigens nicht von mir, sondern von dem Herrn (oder der Dame) mit dem Nicknamen persiana. Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken.
kann ich nicht schwören, ich bin nicht bei der Linkspartei.
Aber hier:
http://www.linksfraktion....
zur Steuerpolitik Pukt 69 -78.
Unter anderem werden genannt:
Anheben des Freibetrags für den Spitzensteuersatzes bei gleichzeitiger Erhöhung.
Das Bedeutet, der Spitzensteuersatz würde erst bei höheren Einkommen greifen, wäre aber dann deutlich höher.
Koalitionsfähig:
Naja, die anderen Parteien haben eben finanzstarke Geldgeber und Parteispender, die absolut gegen die Entlastung von Kleinverdienern und die Belastung von Reichen sind.
Deshalb wehren sich die beiden Volksparteien so vehement (schon beinahe Hysterische) gegen Linkspartei, die nicht nur sozial gerechter wäre, sondern außerdem die deutsche Wirtschaft beleben und aus der Konjunktur führen würde.
Noch eine kleine Anmerkung:
Die Linkspartei nimmt übrigens keine Parteispenden aus Industriekreisen an. Auch für Parteimitglieder gibt es bezüglich von Tatigkeiten in der Wirtschaft strenge Regeln. Für Mandatsträger ist eine Nebentätigkeit, soweit mir bekannt, überhaupt nicht erlaubt, und das finde ich auch sinnvoll.
Denn die Abhängigkeit von Parteispenden und die zusätzlichen und zahlreichen Nebentätigkeiten der Abgeordneten sind meines Erachtens die Ursache für den derzeitig stattfindenden Betrug am Wähler, vor allen Dingen den Menschen, die die größte Zeche für die miserable Wirtschaftspolitik zu zahlen haben (von Arbeitslosigkeit betroffene und Hartz IV -Empfänger).
___________________________________________________________________
Bürger, sei wachsam!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren