Um es gleich vorwegzusagen: Evolution ist keine Theorie, sondern eine Gegebenheit. Als solche kann sie ebenso wenig infrage gestellt werden wie die Kugelgestalt der Erde. Evolution ist weit weniger geheimnisvoll als die Schwerkraft oder der elektrische Strom. Die allermeisten Menschen können »Strom« nicht erklären und benutzen ihn dennoch ganz selbstverständlich.

Die Ablehnung entspringt dem uralten Konflikt zwischen Glauben und Wissen, zwischen Erschaffen und Werden, zwischen Religio und Ratio. Evolution wird als Kränkung empfunden, weil sie das Wunder Mensch einer Natur zuteilt, die alles andere als paradiesisch ist. Kräfte, die nicht zu bannen sind, toben im Innern der Erde, Vulkane brechen mit zerstörerischer Gewalt aus. Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen richten schreckliche Verheerungen an, Dürren bringen Verwüstung, Insektenstiche den Tod. Was sich in der Natur abspielt, ist so schaurig wie schön.

Wer an eine Natur im Gleichgewicht glaubt, muss die Evolution ablehnen

Allein der Gedanke, ohne Sonderstellung einfach ein Teil zu sein von dieser Welt, ruft heftige emotionale Widerstände hervor. Ein Leben voller Mühsal und Ängste muss einen Sinn haben. Wozu sollte es sonst gelebt werden?

Dabei geht der Streit meistens gar nicht um die Evolution als solche, sondern darum, wie sie zu verstehen ist. Es geht um die Theorie der Evolution. Charles Darwin hat nicht »die Evolution« entdeckt, sondern eine umfassende Theorie entwickelt, die deren Verlauf erklärt. Sie beruht auf drei Hauptvorgängen. Jede Generation bringt etwas unterschiedliche Nachkommen hervor. Diese Variationen bilden die Basis für den zweiten Schritt, die (natürliche) Auslese oder Selektion. Ihr fallen eher solche Nachkommen zum Opfer, die nicht so gut zu ihrer Umwelt passen wie die anderen. Aber bei Weitem nicht alle Überlebenden sind damit automatisch die »Besseren« oder »Fittesten«. Denn sowohl bei der Entstehung von Variation als auch bei der Selektion ist immer Zufall mit im Spiel.

Ihm ist zu verdanken, dass weiter Spielraum bleibt, durchaus im wörtlichen Sinn. Neue Variation geht daraus hervor und ein weiterer Schritt von Selektion. Dabei ändert sich allerdings so gut wie nichts. Ohne den dritten Schritt könnte sich auch gar nichts wesentlich verändern, weil die Selektion nur dazu führt, dass die Variation nicht zu groß wird. Evolution kommt erst durch Änderungen in der Umwelt, in den Lebensbedingungen zustande. Ändert sich die Umwelt nicht, bleibt alles wie gehabt.

Darwin zog daraus den Schluss, dass sich die Lebewesen an die Umwelt anpassen. In seiner Theorie ist Anpassung das Hauptergebnis natürlicher Selektion. Sie wirkt umso stärker, je weiter sich die Umwelt vom bisherigen Gleichgewicht entfernt. Erreicht die Natur einen Gleichgewichtszustand, hört Evolution auf. Wer an die Beständigkeit der Schöpfung glaubt oder eine Natur im Gleichgewicht für den richtigen Zustand hält, muss Evolution ablehnen. Allenfalls wird sie als unbedeutende Randerscheinung akzeptiert, die an Äußerlichkeiten der Lebewesen mitunter ein wenig herumfeilt.