Kinder Gefährdete Existenzen

Im 15. Jahrhundert entstand in Florenz ein Findelhaus. In ihm kämpft heute Unicef um die Rechte der Kinder

Am Anfang sind alle Kind. Alle Kinder werden, mit Glück, Erwachsene. So einfach, und doch tun sich so viele Rätsel auf, wenn wir über Kindheit nachdenken! Zum Beispiel dieses: Wie lange dauert Kindheit? Wie fühlt sie sich an? Was könnte Marcel Proust gemeint haben, als er auf der Suche nach der verlorenen Zeit schrieb: »Zärtlich drückte ich meine Wange an die schönen Wangen des Kopfkissens, die in ihrer Fülle und Kühle wie die Wangen unserer Kindheit sind«?

Der Mensch vergisst seine ersten Jahre. Er wird hilflos geboren, kaum ein Wesen auf der Welt, das länger des Schutzes, der Hilfe, mehr der Liebe bedürfte als das Kind, um groß zu werden. Und doch ist es von einzigartiger Lernfähigkeit und darin dem Erwachsenen überlegen. Das Kind lernt Bengali, Arabisch oder Finnisch, es kann sich in die Gesellschaft afrikanischer Nomaden einfügen oder auf Booten im Delta des Mekong überleben, ein Kind lässt sich zu einem sanftmütigen Arapesh-Indianer heranziehen oder in einen aggressiven Nundugumor-Kannibalen verwandeln. Mit vier oder fünf spielt es womöglich geschickter am Computer als seine Eltern. Oder sortiert Müll auf Abfallhalden, zum Unterhalt der Familie. Manchmal scheint es, als bräuchten Kinder Erwachsene kaum.

Erstaunt beobachten Anthropologen autonome Kinderclans bei den Iatmul-Stämmen in Papua-Neuguinea, wie sie ihre eigenen Rituale pflegen. Beklommen sehen wir zu, wie sich in Afrika Aids-Waisen zusammenscharen zu neuartigen Kleinstfamilien, in denen Zwölfjährige für die Kinder der Toten sorgen. Derweil entstehen inmitten der Hochleistungsgesellschaften seltsam kindentleerte Landschaften, weil Erwachsene, die sich bis ins dritte Lebensjahrzehnt auf ihr Leben vorbereiten, von der Aufgabe, ein Kind großzuziehen, überfordert sind. Aber sie fühlen sich doch selber noch als Kind!

Wer Kind ist und wer erwachsen, ist hoch strittig und auch, was Erwachsene dem Kind schulden oder dieses den Erwachsenen wert ist. Ausgerechnet im armen Tschechien werden Kinder besser als in vielen reichen europäischen Staaten versorgt, sind gesünder, fühlen sich wohler. Und nie wurde die Frage, was die Gesellschaft den Kindern schuldet, mit solcher Grandezza beantwortet wie in Florenz vor 600 Jahren, selten hat die Vorstellung von Kindheit eine so atemberaubend schöne Gestalt angenommen wie in Architektur und Geist des Ospedale degli Innocenti. Eine Utopie in bella figura – als Findelhaus.

Kinderklappe heißt es heute verschämt. An dieser Einrichtung ist aber gar nichts verschämt, sie ist ein Kunstwerk des großen Architekten Filippo Brunelleschi. Vollendet 1445. Das Ospedale degli Innocenti präsentiert sich im Herzen von Florenz, an der Piazza Santissima Annunziata, dem vielleicht elegantesten Platz der Stadt. Von Süden her leuchtet die Kuppel des Doms die Via dei Serviti herauf, auch sie ein Geniestreich dieses Brunelleschi, im Norden haben sich die Institute der Universität ausgebreitet. Zur Linken: das Viertel, welches die Akademie der Künste beherbergt, wo junge Leute in den Höfen an ihren Skulpturen feilen, wie sie es in dieser Stadt seit Hunderten von Jahren tun.

Das Ospedale zieht sich über die gesamte rechte Seite der Piazza. Fünf Stufen. Sie führen hinauf zu einer Loggia, die sich ihrerseits über die Länge des Hauses erstreckt mit einem Kreuzgewölbe, das von den schlichten Kapitellen dunkler Säulen getragen wird. Eine transparente Räumlichkeit, in der sich Öffentliches und Privates begegnen und austauschen können. Die Loggia ist eine Einladung – an wen? Das verkünden die runden Fayencen aus blau schimmernder Keramik, die in die Schenkel der Arkaden eingelassen sind – Wickelkinder sind dort zu sehen. Eines erhebt die Ärmchen, dort sieht man eine Windel nach unten wegrutschen, die Bäuchlein weich und nackt.

Wie es wohl damals war? Man kann es sich in einer frühen Morgenstunde vorstellen, die Zeit, in der die Welt noch ohne Zeugen ist. In den ausgetretenen Steinplatten glitzert das Regenwasser. Die Luft ist kühl. In der Ferne hustet ein Moped. Ein Bus dröhnt auf seiner Umlaufbahn. Und vorbei. Schritte. Jemand nähert sich aus der Via degli Alfani, mit hastigem Schritt. Die Schritte werden schneller und kürzer. Der Hall der Schritte pulsiert über der Stille der Piazza wie das Klopfen eines Herzens.

Eine Gestalt vor den Stufen der Loggia. Die Gestalt geht hinauf, blickt sich um. Vorn die hohen Türen, die ins Innere führen – zu dieser Stunde sind sie natürlich noch zu. Linker Hand ein Fenster. Noch mal vier Stufen hoch. Die erste Stufe

Unter diesem Fenster kann man heute eine Inschrift lesen: Questo fu per quattro secoli segreto Rifugio di Miserie… – »Hier war, über vier Jahrhunderte lang, die Zuflucht der Elenden und Schuldbeladenen…«

Das Kind wurde durch das Fenster in eine hölzerne Tonne gelegt, die sich auf die Innenseite des Hauses drehen ließ. Sie wurde erst 1660 eingebaut und ersetzte die pila. Die pila war aus Stein und hatte die Gestalt eines großen Kelchs. Am Tag der Eröffnung des Ospedale, am 25. Januar 1445, hatte man die pila auf die Loggia gestellt, neben die Tür. Zehn Tage später, es war ein Freitag, lag darin das erste Kind. Ein Mädchen, in ein Wolltuch gewickelt. Zwei Leintücher daneben. Eine Babyhaube. Niemand hatte gesehen, wer es brachte. Man taufte es auf den Namen Agata Smeralda.

Das Drama des ungewollten Kindes ist in der Geschichte der Menschheit in vielen Fassungen gegeben worden. Was mag sich in den Höhlen von Lascaux abgespielt haben, wenn in Zeiten von Hunger Kinder geboren wurden? In Rom oblag die Entscheidung über Gedeih und Verderb eines Neugeborenen dem männlichen Oberhaupt der Familie. Weigerte der sich, das Kind aufzunehmen, wurde es an Wegkreuzungen entsorgt, ein Angebot für Kinderlose oder Sklavenhändler. Heute verhökern Familien in Asien, deren Mittel nicht für alle reichen, die Töchter als Dienstboten oder in die Kinderprostitution, in Afrika landen ungewollte Kinder in Kindersoldatenheeren, aus Ländern wie Paraguay oder Kambodscha werden Tausende von Kindern jedes Jahr in das reiche Amerika oder Europa zur Adoption – nun, Menschenrechtsorganisationen sprechen von »verkauft«. Wohin mit ihnen in der Not? Die Einrichtung des Findelhauses in Florenz wirkte jedenfalls wie eine Offenbarung.

Das Ospedale degli Innocenti fängt Kinder der Armen auf – Wegwerfkinder

Im ersten Jahr wurden 62 Kinder abgegeben. 1455 wird die Zahl Hundert überschritten, im Jahr 1465 sind es schon 202 Kinder. In den ersten zwanzig Jahren kommen insgesamt 2360 Kinder in das Ospedale. Das Ospedale von Florenz ist eines der ersten Findelhäuser Europas, die sich bald von St. Petersburg bis London ziehen, von Rom bis Paris, wo im 18. Jahrhundert fast jeder dritte Täufling im Findelhaus landet. Die Zahlen der abgegebenen Kinder schwellen an in Jahren von Seuchen, sie legen zu, wenn die Getreidepreise steigen und mit ihnen der Hunger. Im Jahr 1681 werden nicht weniger als 3467 Kinder im Ospedale abgegeben. Was für Kinder? Kinder der Armen, Kinder von Dienstboten, Sklavenkinder. Kinder der Sünde. Mehr Mädchen übrigens als Jungen. Vor allem Neugeborene und Wickelkinder. Kinder, die vor der Einrichtung des Findelhauses noch erstickt worden waren oder im Gebüsch versteckt. Wegwerfkinder.

Eine mittelalterliche Miniatur zeigt ein Holzboot auf scharfen Wellen, in dem Männer ein Netz hochziehen, das drei kleine Leichen birgt. Die Zeile darunter: »Wie Fischer und Diener des Papstes im Tibet fischten und nichts als Kinder fanden, die man in den Fluss geworfen hat, was sie entsetzte…«

Die Tötung von Kindern, schreibt die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy, sei eines der größten Tabus der Geschichte. Kindstötung war über Jahrhunderte ein allerletztes Mittel der Familienplanung. Das schreckliche Geheimnis hallt wider in den Beschwörungen der Priester, die Kinder doch nicht im Bett schlafen zu lassen, auf dass man sie des Nachts nicht versehentlich zerquetsche! Vergeblich. »Welches weib jre kind, das leben und glidmaß empfangen hett, heymlicher boßhafftiger williger weiß ertödtet, die werden gewonlich lebendig begraben und gepfelt…«, so drohte die Carolina, Gerichtsordnung von Kaiser Karl V. aus dem Jahr 1532. Noch heute vergeht kaum eine Woche, in der wir nicht über Zeitungsmeldungen erschrecken, die von toten Kindern erzählen – versteckt in der Kühltruhe, vergraben in Blumenkästen.

Kindstötung wie Aussetzung von Kindern schüren den Verdacht, Eltern könnte es an Liebe fehlen. Aber man muss nur jene winzigen Amulette sehen, die heute im oberen Schlafsaal des Ospedale ausgestellt sind, um die Wahrheit zu fühlen. Ein talergroßes Herz aus roter Seide. Drei Holzperlen, aufgefädelt, zwei hellblaue und eine braune. Letzte Zärtlichkeiten, versteckt in den Windeln, kleine Amulette, um die Gunst von wem auch immer zu erflehen, für was? Eine gütige Aufnahme des Kindes. Dass es überleben möge. Dass der Tod es verschone, der Tod, der alle bedrohte, aber unter den Kindern schon immer reiche Ernte hielt.

Es gab Jahre, in denen über 50 Prozent der Kinder das erste Jahr im Ospedale nicht überlebten. In guten Zeiten starben 25 Prozent, in schlechten, wie im Schreckensjahr 1700, waren es 83 Prozent. Was das Findelhaus als kulturelle Geste so bedeutsam macht, ist nicht, dass man einen Weg gefunden hatte, Kinder vor dem Tod zu retten, das konnte man nicht. Die Größe der zivilisatorischen Leistung bestand darin, dass es den Versuch gab, sie zu retten.

Es war eine historische Zäsur. Zu jenem Zeitpunkt, als der große Künstler Masaccio in der Capella Brancacci auf der anderen Arnoseite Menschen malte, die vor Emotionen vibrierten, sowie ein Baby, das mit seinem nackten Hintern auf dem Arm der Mutter saß, da rückte also auch das wirkliche Kind in den Blick – als Individuum.

Die Linie zwischen Barbarei und Zivilisation, die der Anthropologe Lévi-Strauss zwischen dem Rohen und dem Gekochten entdeckt hatte, wurde also neu gezogen, schützend um das Kind herum. Und dieses Kind würde vor allen Zeugnis von dieser Fürsorge ablegen. Auf den religiösen Umzügen der Stadt sah man die Findelkinder in weißen Kleidern, sie trugen das Gemälde, das heute in der Kirche des Ospedale hängt und eine Mutter Maria zeigt, unter deren Mantel bange kleine Gestalten Schutz suchen, deren Patschhändchen sich an den Falten des Stoffs festhalten.

50 Millionen sind in keinem Register verzeichnet – wie kann man sie schützen?

Aus der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, beschlossen 1989 in New York:

Artikel 1: »Im Sinne dieses Übereinkommens ist ein Kind jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat …«

Artikel 6: »Die Vertragsstaaten erkennen an, dass jedes Kind ein angeborenes Recht auf Leben hat…«

Die 54 Paragrafen der Konvention sind Ergebnis der Einsicht, dass Kinder überall in der Welt auf erstaunliche Weise übersehen werden, missachtet, marginalisiert – sogar von Eltern. Die Konvention macht Kinder zu Trägern von Rechten. Alle Staaten haben sie anerkannt. Den florentinischen Kaufmann Francesco Datini, der im Jahr 1410 sein Vermögen in eine Stiftung verwandelte, auf »dass die kleinen Kinder ernährt werden, gebildet und erzogen«, würde es mit großer Genugtuung erfüllen, könnte er sehen, wie Mütter heute mit ihren Buggys durch den Hof der Frauen zur kostenlosen Familienambulanz kurven. Oder wie des Mittags die Kinder hier herumjagen, aus der Kita kommend, die sich im ehemaligen Speisesaal der Findelkinder eingerichtet hat, unter dem deckenhohen Fresko, auf dem Frauen wehenden Haares vor den Totschlägern des Herodes fliehen, die Kinder an sich gepresst – Babys, die links unten im Bild sicher im Bettchen liegen, übrigens zwei unter einer Decke. In den oberen Stockwerken des Ospedale logiert das Unicef Innocenti Research Centre (IRC). Es hat die Aufgabe, weltweit jene Aufmerksamkeit zu erzeugen, die nötig ist, um Kinder ins Zentrum von gesellschaftlichem Wandel zu stellen, wo sie hingehören, die Träger auch unserer Zukunft. Es soll diesen Prozess wissenschaftlich begleiten, anregen, überwachen. »Eine immerwährende Herausforderung« sei das, sagt Marta Santos Pais, die Leiterin dieses Forschungszentrums. Eine erstaunlich jung wirkende Dame mit grauem Haar. Die Konvention über die Rechte der Kinder hat sie mit auf den Weg gebracht, als Berichterstatterin des Komitees der Vereinten Nationen über dieses Thema, jahrelang.

Artikel 8: »Das Kind ist unverzüglich nach seiner Geburt in ein Register einzutragen. Es hat das Recht auf einen Namen von Geburt an…« Und heute, sagt Marta Santos Pais mit Leidenschaft, gibt es noch immer weltweit 50 Millionen Kinder ohne Geburtsurkunde! Kinder, die nirgendwo verzeichnet sind. Wie soll man die schützen?

Jedes Kind eine Persönlichkeit. Jeder Lebensweg einzigartig. Welche Arbeit es ist, solche kulturellen Bilder festzuschreiben, kann man in der Bibliothek des Ospedale besichtigen. Ein herrliches Gewölbe über staubig wirbelndem Licht. Die Bibliothek ist das Reich von Signor Settini. Der ältere Herr mit liebenswürdigem Bärtchen war viele Jahre lang Archivar des Ospedale. Libri della muraglia, die Unterlagen über den Bau dieser Institution! I registri di balie e bambini, das Verzeichnis der Kinder und ihrer Ammen und Lebenswege! Libri di medicamenti, die medizinischen Bulletins! Über 15.000 Bände. In Jahrhunderten erstellt.

Aus den Balie e bambini:

»Brigida: Wir werden nie wissen, wer sie ist oder wer sie brachte, weil wir sie nicht sahen. Wir glauben, sie gehört zu den Armen, die draußen betteln. Sie lag zwei Stunden lang vor unserer Türschwelle, dann brachte sie unser Steinmetz, der sie weinen hörte, herein.«

»Ein totes Mädchen wurde in der pila gefunden. Man hatte sie an vielen Stellen auf den Kopf geschlagen. Es war ein furchtbarer Anblick, entsetzlich und düster.«

Pro Kind eine ganze Seite des kostbaren Pergaments, keine Kleinigkeit. Alles steht hier: das Kind aufgenommen, gewaschen, bei Bedarf getauft. Frauen standen bereit, es zu stillen, vielleicht saßen sie im vorderen Hof, wo die langen Holzbänke in den Schatten der Arkaden gerückt sind, mit Blick auf die Uhr, deren Zifferblatt die Jahrhunderte weggebleicht haben.

Die Babys wurden zu Ammen aufs Land verteilt. Mit zwei Jahren kamen sie zurück nach Florenz. Das Ospedale nahm Maler in residence, damit sie die Kinder unterrichteten, Priester zogen ein, um sie singen zu lehren. Bürger stifteten Weinberge, Landgüter, auch Gemälde, einen herrlichen Ghirlandaio, sogar einen Botticelli, nichts war zu kostbar, um der Erbauung der Hilflosesten der Ärmsten zu dienen, so würden sie ihrerseits tüchtige Bürger werden.

Kinder, die mit drei Jahren erste Buchstaben schrieben, durften bei der Buchführung helfen. Mit sieben, acht Jahren zogen die Jungen als Lehrlinge in die Werkstätten von Florenz, die Mädchen wurden mit 12 oder 13 als Hilfen in Familien vermittelt. Für ihre Verheiratung investierte das Ospedale in einen Mitgiftfonds. Ging die Ehe schief, kehrten die Mädchen zurück, das Ospedale war für sie tutta la famiglia, in Vertretung jenes Florenz, das Jacob Burckhardt als den ersten modernen Staat beschrieb: »Hier treibt ein ganzes Volk das, was in den Fürstenstaaten die Sache einer Familie ist. Der wunderbare, florentinische Geist, scharf raisonnierend und künstlerisch zugleich, gestaltet den politischen und sozialen Zustand unaufhörlich um«

Das Beharren auf der Altersgrenze für Kinderarbeit trieb Tausende ins Elend

Unaufhörlich! Wie viele der großen Seiten in den Balie e bambini enden mit einem morta oder morto, immer wieder ein Strich von unten links nach oben rechts, quer über die Seite, morto und wieder morta, man ahnt die Frustration. Es sind, so gesehen, auch Protokolle der Beharrlichkeit. Ähnlich wie die vielen Bände, die das Innocenti Research Centre anhäuft, Kindertodesarten in Wohlstandsländern oder Kinder mit Handicaps im Baltikum oder Migrantenkinder in Indonesien und Thailand.

Weltweit legt sich eine unübersehbare Anzahl von Gruppen für Kinder ins Zeug, sie heißen Save the Children oder Kindernothilfe oder Plan International oder Defenseurs des Enfants. Zukünftige Generationen werden sich einmal wundern, welcher Mühen es bedurfte, um in unserem Jahrhundert so etwas wie einen Weltmindeststandard für das Wohlergehen von Kindern zu sichern. Das Forschungsteam des IRC umfasst 25 Leute, übrigens so viele, wie vor einigen Hundert Jahren für die Kinder des Ospedale sorgten. Das Team wirkt wie die Vorwegnahme jener Weltgesellschaft, die doch erst kommen soll – Marta Santos Pais ist Portugiesin, ihr Stellvertreter ein Amerikaner, eine Kanadierin leitet das Team »Kinderrechte«, die Wirtschafts- und Sozialpolitik eine Dänin. Fragt man Eva Jespersen, was ein Erfolg sei, dann sagt sie: »Wenn Zeitungen in London drei Tage lang auf Seite 1 debattieren, was in der Report Card No. 7 der Unicef über Armut in Wohlstandsländern steht!« Da steht, dass England wie Amerika da die schlechtesten Noten kriegt.

Vergleichszahlen, sagt Susan Bissell, die Kanadierin, seien ja so schön, weil sich darin ablesen lasse, was unter vergleichbaren Bedingungen eben doch möglich sei. Wenn also Schweden oder Frankreich dreimal so viel in die frühkindliche Bildung investieren wie die Schweiz. Das wirft Fragen auf. Wie auch, dass gerade die ärmsten Kinder in Rumänien vom gelobten Wirtschaftsaufschwung so gar nicht profitieren.

Die Kinderrechtskonvention weltweit über ihre Ratifizierung hinaus umzusetzen, da liege die Aufgabe des Forschungszentrums, sagt Santos Pais. Kriterien sind zu entwickeln. Wie werden die Rechte von Flüchtlingskindern gewahrt, deren Schutz Artikel 22 verlangt? Ein Team plant eine Untersuchung zur Lage von Migrantenkindern in 20 Ländern. Einkreisen des Themas. Befragung von Experten. Präzisierung des Forschungsvorhabens im Rahmen von Zielvorgaben der UN.

Man liebt hier Erfolgsmeldungen. Ost-Timor schult Richter in Kinderrechten! Südafrika hat die Prügelstrafe für Jugendliche ausgesetzt, das betrifft pro Jahr 35.000 junge Menschen! Der Libanon hebt die Altersgrenze für Kinderarbeit auf zwölf Jahre! Das wäre also der Standard des Ospedale. Die Konvention beharrt auf einer Altersgrenze von 18. In Bangladesch haben solche Forderungen von Kinderfreunden über 50.000 Kinder um den Job gebracht und ins Elend getrieben. Die Frage sei auch, sagt Susan Bissell, wozu man die Kinder aus den Fabriken hole – »für welches Leben?«.

Das ist für einen späten Nachmittag eine große Frage. In den Höfen des Ospedale ist es schon wieder so ruhig wie am frühen Morgen. Die Kita-Kinder sind zu Hause, anders als vor einigen Hundert Jahren, als sie abends aus ihren Werkstätten zurückströmten, den riesigen Badewannen zu, die im Hof der Frauen warteten. Noch eine Stunde, dann stürzen im vorderen Hof die Mauersegler vom Himmel herab und fegen über die ganze Geschichte hinweg.

Mehr zum Thema:

Philippe Ariès: Geschichte der Kindheit
dtv 2003; 587 S., 15,– €

Hans Bertram (Hrsg.): Mittelmaß für Kinder
Der Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland; C. H. Beck 2008; 304 S., 12,95 €

 
Leser-Kommentare
    • PW
    • 20.09.2008 um 13:31 Uhr

    Da stelle ich mir die Frage, ob Kinder nicht seit 1948 in der Menschenrechtserklärung der UN miterwähnt werden.

    Artikel 1
    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

    --> mit "geboren" sind eindeutig auch Säuglinge und Kleinkinder von der Resolutiuon erfaßt.

    Artikel 3

    Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

    "Jeder" wird wohl kaum Kinder ausschließen. Nur wer der Ansicht ist, daß Kinder keine Menschen sind (was im Gegensatz zu Artikel 1 stünde) kann zu dem Schluß vor 1989 kein verbrieftes Recht auf Leben besessen.

    Auf deutsch: Die Kinderrecht sind eine reine Wohlfühlerklärung.

  1. Wohl eher das vierte Lebensjahrzehnt, da das dritte mit 21 anfängt (und in dem Alter werden in D. eher selten Kinder gemacht).

  2. das gilt für die Klein - bzw. steinzeitliche Großfamilie oder Sippe, aber auch für moderne Sozialstaaten und ihre mittelalterlich-christlichen (oder sonstig caritativen) Vorläufer. Dies wird hier recht klar und ist auch einsichtig, da Kinder eben immer auf nicht nur sexuell, sondern auch wirtschaftlich potente Eltern existenziell angewiesen sind. Ein Kind, welches zusammen mit seinen Eltern stirbt stirbt eben auch, wenngleich dann halt etwas später. Insofern ist es, wenn, in wirtschaftlich begrenzten Situationen nicht genug gute Verhütungsmittel für alle, gerade für die Schwächsten (potentiellen Eltern) zur Verfügung stehen, und/oder keine rigide Sexualmoral vorliegt - wie in Klöstern - schon bedenklich, den Kindern, auch schon den Neugeborenen, gleich die vollen Menschenrechte zu geben - und dies nicht nur auf dem Papier, wie dies heute weltweit besehen ja immer noch der Fall ist, sondern auch in der Realität. Wer will sich mit einem Kind schon die eigene Existenz ruinieren? Bedenklich aber eben, weil so einen Situation möglich und denkbar ist, wo, wenn man wirklich allen gezeugten Kindern diese Rechte auch wirklich einräumen würde, die gesamte Gesellschaft, also alle Eltern samt aller Kinder, untergehen kann - dies aber immerhin - oder eben leider - gemeinsam. Bisher wollten oder konnten die Menschen aber (noch) nicht gemeinsam untergehen, deshalb sind wir ja noch da. Die Tatsache das Kinder auch wirtschaftlich potente Eltern bzw. Familien oder eben andere potente Mitglieder einer Gesellschaft brauchen, die einen Überschuss erwirtschaften, der auch die Ernährung und Pflege eines weiteren Menschen ermöglicht, ist letztlich der Grund, warum sich die Welt so spät zu solch einer Konkretisierung durchgerungen hat, und die Realisierung eben auch (noch) nicht wirklich durchdrückt: Man braucht dazu halt viel Geld, massenhaft moderne Verhütungsmittel oderund enorm viel moralische Kraft, also teure Maßnahmen der Bewusstseinsbildung. Die UNO hat so nun aber die große Linie vorgegeben und bestätigt. Wer gut sein, bzw. gutes auch tun will, braucht dazu eben auch Mittel und Kraft!

    Nicht weiter besprochen wurde in diesem ausgezeichneten Beitrag ja die Frage, wann ein Kind denn nun ein wirklich vollwertiger Mensch ist. Es gibt hier, in Biologenkreisen, ja auch die Ansicht, dass Menschenkinder wegen der Größe ihres Kopfes (im Gegensatz zu anderen Menschenaffen) quasi schon früher, also höchst unselbstständig und pflegebedürftig, geboren werden, weil sie sonst nicht mehr durch das weiblichen Becken durchgehen würden. In Verbindung mit der Abtreibung könnte man hier - dann - meinen, dass die Tötung eines Neugeborenen etwas ähnliches wie eine Abtreibung ist, man dies also nicht ganz so hoch wie einen Mord unter älteren, Kleinkindern z.B., bestrafen müsse. Sicher gibt es hier in Deutschland und anderen (über-)reichen Ländern derzeit keinen Grund, dies zu tun, da es genug Leute gibt, die gern diese Kinder aufnehmen würden und auch gute Organisationen. In Teilen Afrikas und anderswo sieht dies aber wohl doch etwas anders aus, hier wird eine Mutter, die ihr Neugeborenes so vernachlässigt, dass es stirbt, dann wohl auch nicht oder wesentlich milder bestraft als wenn sie ein Kleinkind umbringt oder verhungern lässt (nur um etwas bessere zu leben) bzw. lassen muss.
    Sind die Kinder größer, so können sie sich nicht so selten, wie hier beschrieben, schon in sehr jungen Jahren durchaus auch schon in begrenzter wirtschaftlicher Selbstständigkeit durchschlagen bzw. durchbringen. Hier kann man sagen, dass sie, da sie so ja doch auch schon die Menschenpflichten erbringen können, spätestens dann auch die vollen Menschenrechte haben sollten. Und hierauf sollte man sich als UNO, neben der Verfügbarkeit moderner Verhütungsmöglichkeiten für alle und der Forcierung der wirtschaftlichen Entwicklung, zunächst wohl vor allem konzentrieren.

    Ja, es ist immer wieder interessant und hilfreich, sich mal an die Wurzeln der Dinge und gesellschaftlichen Erscheinungen, die Wurzeln auch unserer Werte, zu begeben, damit man nicht abgehoben, im freien Luftraum von Illusionen, sich bewegt. Danke für diesen Beitrag!

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