Kind »Unfertig bei der Geburt«
Was bleibt vom Kindsein in modernen, komplexen Gesellschaften? Ein Gespräch
Die ZEIT: Was ist Kindern naturgegeben?
Donata Elschenbroich: Ihre Unfertigkeit bei der Geburt. Das Vertrauen, mit dem sie von Erwachsenen Hilfe erwarten. Dass sie in ihren Eltern Schutzimpulse auslösen und die Energie, den eigenen Nachwuchs vorteilhaft zu platzieren. Das wird aber kulturell überformt, die Natur sagt uns nicht, wie lange die Unfertigkeit durch ein Moratorium geschützt werden muss. Die Frühgeborenen lebenstüchtig zu machen in einer hochkomplexen Gesellschaft dauert offensichtlich lange, unsere ausgedehnte moderne Kindheit ist historisch einzigartig. Man kann sich allerdings fragen, ob es zum Vorteil der Nachkommen gerät, dass man sie drei Jahrzehnte lang ökonomisch abhängig hält.
ZEIT: Die Kinderrechtskonvention setzt global einen Maßstab für den Umgang mit Kindern. Kann das erfolgreich sein?
Elschenbroich: Globale Maßstäbe sind denkbar in dem Maße, wie sich die Welt auch ökonomisch globalisiert. Geht es um den Schutz der Kinder vor Gewalt und Hunger, fehlen Sanktionsmöglichkeiten. Aber es entwickelt unser Bild der Kindheit weiter, wenn die Sichtweisen der ganzen Welt darin eingehen. In der Diskussion über universelle Normen wird neuerdings ja auch überlegt, wie globale Standards für gute Bildung aussehen könnten.
ZEIT: Die Forschung interessiert sich neuerdings sehr für die Sicht der Kinder auf ihr Leben. Ist das mehr als eine Mode?
Elschenbroich: Die Sicht des Kindes auf die Welt ist für Psychologen oder Pädagogen prinzipiell unzugänglich. Es bleiben Versuche der Einfühlung von Erwachsenen. Vielleicht hat diese Faszination für den Blick des Kindes mit der Wissensgesellschaft zu tun. Wenn man sich lebenslang auf Neues einstellen muss, will man sich abschauen, wie diese begabten Lernanfänger das tun.
ZEIT: Würden Sie gern wissen, was Sie von Ihrer Kindheit vergessen haben?
Elschenbroich: Vergessen habe ich das sicher nicht ohne Grund. Lieber würde ich wiederbeleben, was ich als Erwachsene verlernt habe. Als Kind habe ich intensiver mitgefühlt mit den Menschen und mit Tieren.
ZEIT: Wie lange trägt Glück, das wir in der Kindheit erfahren? Wie weit das Unglück?
Elschenbroich: Wir können wohl seit Freud nicht mehr anders, als das geheime Erleben der Kindheit als schicksalhaft zu verstehen. Damit laden sich Eltern und Pädagogen viel auf. Das muss nicht schaden. Aber würde man sich selbst nur durch seine eigene Kindheit determiniert sehen wollen? Man kann das Glück der Kindheit verspielen. Und die Prägung durch frühes Leid mit Arbeit an sich selbst überwinden.
Donata Elschenbroich ist Kindheitsforscherin am Deutschen Jugendinstitut in München
- Datum 13.10.2008 - 16:40 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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