Kind Krieg, Liebe, Glück und Strafe
Kindheit kann ganz unterschiedliche Gesichter haben. Wir stellen 10 Beispiele vor, aus der Vergangenheit, der Gegenwart und aus fernen Ländern
Kindergebet
Ich danke euch, liebe Eltern, daß ihr mir ein Bett gegeben habt. Sonst müßte ich auf der harten Erde schlafen. Danke, daß ihr mir zu essen und zu trinken gegeben habt, als ich durstig und hungrig war. Ihr müßt mich wohl recht liebe haben, daß ihr das tut, denn es zwingt euch niemand dazu. Wenn ihr nur immer gleich freundlich und zufrieden mit mir wärt! Morgen will ich mich recht gut aufführen.
Schweiz, 1796 (aus: Gebete für den Stierschen Knaben, Johann Friedrich Herbart)
Kindertag
Ich bin mit meinem kleinen Bruder Malwan allein zu Hause. Er scheißt auf den Boden, und ich putze es mit Kokosfasern auf und werfe es hinter das Haus. Ich arbeite an meiner Netztasche weiter. Als ich die Treppe runtersteige, um zum Bach zu gehen, ruft Malwan: »Meira, meira wuah!« Ich nehme ihn auf den Arm und mit zum Baden. Später kommt meine Mutter vom Fischfang und sagt: »Hol Feuerholz.« Ich spalte das Holz und backe Sagofladen.
Tuwimoe, Papua-NeuGuinea, 12 Jahre alt
Kindersoldat
Am Abend saßen wir ums Feuer, bis uns eine Soldatin aufforderte, vor der Schlacht noch ein paar Stunden zu schlafen. Etwas widerstrebend legten wir uns schlafen, so als könnten wir das Unabwendbare damit aufschieben. Ich weiß nicht mehr, ob es die Mücken oder meine Sorgen waren, die mich plagten – ich wälzte mich ruhelos hin und her und konnte einfach nicht einschlafen. Schließlich gab ich es auf und schaute in den sternklaren Himmel. Während der ganzen Nacht versuchte ich, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, bis die Stunde des Blutbads anbrechen würde.
China Keitetsi, Uganda, 10 Jahre alt
Kinderglück
Mein Elternhaus war umgeben von Kokos- und Zuckerpalmen, Blumen und riesigen dunkelgrünen Mangobäumen. Jeden Nachmittag wurde das Land von Regenschauern reingewaschen. Stundenlang spielte und schwamm ich mit den Kindern im Fluss. Gemeinsam lagen wir nackt in der Sonne. Manchmal bildeten wir einen Kreis und pressten unseren Körper in den Sand. Dann legten wir uns reihum in die Abdrücke, um zu spüren, wie es sein mochte, in der Haut eines anderen zu stecken.
Daran Kravanh, Kambodscha, ca. 9 Jahre alt, vor dem Sieg der Roten Khmer im Jahre 1975
Kinderliebe
Ich ging zum Arbeiten an die Weizenmaschine, das Stroh binden oder die Heubündel, wenn sie aus der Presse kamen. Ich hatte nicht darauf geachtet, wer auf der anderen Seite der Maschine war. Wie ich aber hingeschaut habe, da war es ein schöner Mann, blond, mit blauen Augen. Ich sagte »Sie« zu ihm, weil ich im Vergleich zu ihm ein Kind war, ich war 14 Jahre alt und er 25. Nie hätte ich gedacht, dass dieser schöne Junge mich fragen würde, ob ich mit ihm Liebe mache.
Clelia Marchi, 14 Jahre alt, Italien 1914
Kinderstrafe
Verwichenen Dienstag is das jüngsthin in Verhaft gebrachte Mägdlein von ohngefähr vierzehn Jahren, so verschiedene Feuer angeleget und großen Schaden getan, verurteilt und selbigem erstlich der Kopf abgehauen und hernach verbrannt worden.
Hanau, 1681 (aus: Deutsche Kinderchronik, K. Rutschky)
Kinderlied
Wenn ich sterbe
Werden sie mich begraben
Ganz allein
In einem Grab im Wald
Ich werde meinen Bruder zurücklassen
Weit weg
Oh, wie einsam
Werde ich sein
Lied der Ndembu-Kinder, Sambia 1953. Damals lag die Kindersterblichkeit in dieser Region bei 25 Prozent
Kinderprostitution
Eines Tages war ich vor dem Haus, als Ariana von nebenan kam und sagte: Komm einfach mit mir, du kannst bei mir bleiben und wirst meine kleine Schwester sein. Wir werden zu essen haben, und irgendwann kommen wir zurück. Aber sie hat mich belogen. Wir fuhren in die Stadt, und als wir dort waren, hat sie mich geschlagen. Ich war 10 Jahre alt, und sie war 13 oder 14 Jahre alt, ich hatte Angst vor ihr. Sie stellte mich einer Menge von Jungen vor, und ich musste den ganzen Tag mit ihnen verbringen. Sie gaben mir Geld, und sie nahm mir alles ab. Sie kaufte sich damit Essen und gab mir nichts ab. Sie drohte mir und sagte: Ich werde dich im Meer ertränken. Wir fuhren auch in die Hauptstadt, und da musste ich betteln gehen.
Albanisches Mädchen, 10 Jahre alt.
Kinderhäftling
Am dritten Arbeitstag wandelte sich mein Schicksal zum besseren. Ein hellblondes, blauäugiges, etwa gleichaltriges Mädchen gesellte sich zu mir. Es wohnte in dem unversehrt gebliebenen Haus gegenüber den Trümmern, in denen ich arbeitete. Es hieß Gretchen und begann mich auszufragen, wie ich hierher geraten sei, wo und mit wem ich früher gelebt hätte. Gretchens Anteilnahme erstaunte mich, waren mir doch bisher deutsche Altersgefährten sehr häufig mit Hass begegnet, die, sobald sie mich sahen, hässliche, beleidigende Ausdrücke gebrauchten und mich mit Gegenständen bewarfen, die ihnen gerade in die Hände fielen.
Nikolai Karpow, 12 Jahre alt, Münster-Hiltrup, 1944
Kinderblick
Unter den Menschen, die sich um mich drängten, war auch eine alte Frau, aber ich wusste nicht, dass sie alt war. »Was hat sie, ist sie krank?« Ich erinnere mich, dass ich meiner Mutter diese Frage gestellt habe. Der nackte Körper dieser Frau voller Falten und Runzeln, ihre Haut wie ein entleerter Wasserschlauch, ihre schlaffen, langen Brüste, die ihr bis auf den Bauch hingen, ihre rissige, matte, ein wenig graue Haut, all das kam mir seltsam und zugleich unverfälscht vor.
Jean-Marie Gustave le Clézio, 8 Jahre alt, Nigeria
- Datum 13.10.2008 - 16:40 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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