OptikTrau den Augen nicht Seite 2/2

In Bachs Abteilung vereinigen sich Naturwissenschaften, Hirnforschung und Augenheilkunde. Immer geht es darum, was wir sehen und wie wir sehen – und um Täuschungen aller Art. So untersucht Bachs Team mit Elektroden die Nervenzellen von Patienten mit unklaren Sehstörungen, um die Ursache zu finden. Reagieren die Zellen im Auge, kommt jedoch der Reiz nicht im Sehzentrum an, muss der Fehler auf dem Weg dorthin liegen. Auch Menschen, die nach einem Arbeitsunfall am Auge angeben, nichts mehr sehen zu können, werden zu ihm geschickt. Bachs Team misst dann, ob die Nervenzellen im Sehzentrum auf bestimmte, unerwartete Reize reagieren. So wurde schon mancher Betrüger überführt, aber auch manchem Patienten geholfen. Nun will Bach herausbekommen, ob man das verräterische EEG-Signal, das bei diesen unerwarteten Reizen auftritt, auch bewusst verändern kann.

Gleichzeitig versucht er optische Täuschungen zu entlarven, die den Menschen schaden können. Wer an einem Glaukom, dem grünen Star, leidet, unterliegt oft einer solchen Täuschung. Bei dieser Krankheit, die zur Erblindung führen kann, sterben aufgrund eines zu hohen Augeninnendrucks die Nervenzellen im Auge ab. Doch erst wenn etwa 40 Prozent von ihnen zugrunde gegangen sind, fallen Bereiche des Gesichtsfeldes merklich aus – bis dahin fügt das Gehirn Fehlendes ein und erzeugt den Eindruck, man würde ganz normal sehen. Bachs Team überprüft die Nervenzellen mit Hilfe von Elektroden. Bach will daraus ein elektrophysiologisches Verfahren entwickeln, mit dem Ärzte früh ein Glaukom nachweisen können.

Nach der Arbeit bastelt der Neurowissenschaftler weiter an seiner Website. Sie hat ihm schon manche Tür in der Sehforscherszene geöffnet. Er zeigte als Erster den »Lila Chaser« im Internet, eine neue optische Täuschung, bei der lilafarbene Punkte im Kreis auf einem grauen Hintergrund angeordnet sind. Ein Punkt nach dem anderen blendet sich im Uhrzeigersinn kurz aus, und wenn man lange genug auf ein Kreuz in der Mitte schaut, sieht man plötzlich einen grünen Punkt herumkreisen, auch wenn der gar nicht existiert.

Im Durchschnitt entwickeln Sehforscher drei solcher Trugbilder im Jahr. Der Lila Chaser verbreitete sich innerhalb von einer Woche rasend schnell im Internet. Rund 13000 Besucher und eine Million Klicks hat Bachs Seite pro Tag. Sie könnte eine kleine Gelddruckmaschine sein. Würde er Werbung zulassen oder seine Seite verkaufen, könnte er Gewinn machen. Tut er aber nicht. »Ist nur ein Hobby«, sagt er. »Damit kann ich die Leute erreichen, Forschungsergebnisse vermitteln. Die Täuschungen haben ja immer etwas Verblüffendes.«

Die Trugbilder machen es ihm leichter, Menschen über die Großartigkeit und die Tücken des Sehens zu informieren. Dutzende Vorträge hält er im Jahr – auch beim Rotary-Club, in Schulen oder im Planetarium. Das Frankfurter Würstchen ist immer dabei. »Es ist herrlich, wenn hundert Leute so machen«, sagt er und führt noch mal die Zeigefinger vor die Augen. Wenn er im Altenheim spricht, geht er gleich vom Würstchen über zum Glaukom. Und sagt, dass man den Sinnen nicht immer vertrauen kann, sondern auch mal nachschauen muss, mit Apparaten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Auch wenn es im Artikel angesprochen wurde, dass die Phänomene der opt. Täuschungen "auch" ein Zeichen für die Leistungsfähigkeit des "Auges" sind, beachtet wird hier auch mal wieder die Verhältnisse in gegenteiliger Richtung, also die Dummheit oder Täuschung „des Auges“. Das echte Wunder ist aber die unglaubliche „Objektivität“ und Richtigkeit der Meinung des Gerhirns über die Welt. Dasjenige, das das Gehirn aus bescheidenen Daten von einer 2DMatrix von der Netzhaut macht und wie dermaßen gut die daraus abgeleiteten Behauptungen, Hypothesen oder Illusionen geeignet sind, das was in der Welt der Fall ist für seinen Körper erfolgreich vorherzusagen, ist das eigentlich Faszinierende. Die sogenannten Täuschungen sind nicht ein Fehler, eine Schwäche oder Resultat eines Kompromisses unseres Wahrnehmungsapparates (zu dem übrigens fast das gesamte Gehirn inklusive z.B den BasalGanglien zählt, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit hauptsächlich der Willkürmotorik zugeordnet wurden)“ sie sind notwendigerweise genau so, wenn das Gehirn überhaupt irgendetwas so erkennen will, dass es darauf angepasst handeln kann (in letzter „Instanz“ immer zur Erhaltung des inneren Zellmilieus des Körpers).

    Ein Fotoapparat macht ein um mehrere Größenordnungen besseres Bild, eine Videokamera kann eine viel höhere Frequenz an Bildern verarbeiten als der Mensch. Sie „kopieren“ einfach elektromagnetische Wellen. Der Mensch hingegen macht beim Sehen eher folgendes: von der Netzhaut zu fast allen Bereichen des Gehirns werden verschiedenste Informationen weiterleitet: Farben, Kanten, Bewegungen, Formen, Größen,.... diese werden auf einigen ebenen wie eine Karte analog der Topographie der Netzhaut übertragen auf anderen Ebenen spielt der genau ort, die genau farbe, form... keine Rolle, sondern quasi der "charakter" die emotionale Bedeutung usw. eine Rolle. Während einzelne Zellen von der Außenwelt tatsächlich beeinflusst werden, beeinflussen diese aber wiederum andere Regionen des `Gehirns mit der Folge, dass Filter, die genau diese Zellen filtern anders eingestellt werden, die Aufmerksamkeit oder der Fokus der Wahrnehmung verändert wird. Gleichzeitig werden verschiedene Gedächtnisinhalte abgerufen, die Konzepte von Kategorien von Objekten "als Ganzes" unterstützen und mit heuristische Suchalgorithmen aufspüren.

    Was gesehen wird, verändert das wonach gesucht wird und dadurch erkannt, bewertet und "als etwas" empfunden wird. Wird etwas bewusst und „als etwas“ erkannt, so ist völlig invariant gegen meine Kopfdrehung, teilweise Verdeckung, u.a. Wird eine Tasse vor mir, die ich als solche erkannt habe z.B. zu 5% verdeckt, meine ich nicht, eine 95%ige Tasse vor mir zu sehen. Ich spüre, dass ich die Tasse subjektiv „behaupte“ und erlebe trotzdem, dass ich objektiv recht habe. Die Welt braucht mich nicht, aber tut genau das was ich meine. (allein schon daraus ergibt sich unser erlebter Geist-Materie-Dualismus)

    Sehen ist absolut undenkbar ohne Gedächtnis, Bewegung, Handlung (Vorurteilen, Vermuten, Ausprobieren, Befürworten, Ablehnen, Verstärken...) in einem mehrfach ineinander rekursiv, feedback und feedforward, top-down und bottom-up verschachtelten Prozess in mehreren Raum- und Zeitdimensionen. Alle unsere Sinne (von denen man mindestens 12 Stück sauber dissozieren kann!) sind daran beteiligt, nicht immer aktuell und in Echtzeit, aber mit ihren im Lauf des Lebens geschaffenen Ressourcen (Theorien über Invarianzen in der Welt, Vermutung über kausale Zusammenhänge, synästhetische Assoziationen) Wir sehen keine Bilder, sondern erleben und als Beobachter eines Films, den wir der Außenwelt zuschreiben und intentional und aktiv gegenüberstehen, während wir darüber erfolgreich und für unseren Erfolg getäuscht werden, was jeweils aus unserem Gehirn kommt oder aus der Welt, welche Prozesse wir dabei "selber willentlich" ansteuern oder reflexartig "vom Objekt der Betrachtung ausgehen" in uns verursacht wird.

    Grob kann man sagen, dass von 1000-10.0000 Gehirnzellen, die am Sehprozess beteiligt sind, nur eine einzige von der Außenwelt direkt physikalisch (Photonen) beeinflusst wird. Sehen ist nicht nur aktiv sondern auch ein unglaublich komplexer Rate- Vermute- Erinnere- Wünsche- Befürchte- Teste Prozess.

    Wenn wir beispielsweise durch ein Kaufhaus gehen und dort Menschen, Regale, Gegenstände, Lampen, Rolltreppen usw usf vermuten oder „sehen“ dann ist das auf Grundlage des objektiv verfügbaren Materials (Bildabfolge auf der jämmerlich schlechten „Kilopixel-Netzhaut“ hinter tausenden Blutgefäßen) eine sensationelle Erkenntnisleistung. Es ist 95% Halluzination, Täuschung, Konstrukt, Meinung, Idee, Vermutung, Erfahrung, Wunsch.... aber auch zu 99% tatsächlich exakt genau so wahr. D.h. was wir uns für ein Bild über die Welt machen ist wesentlich unwahrer in der erlebten Aussage im Verhältnis zum verfügbaren Material auf der Netzhaut aber wesentlich wahrer als alles, was auch die beste Kamera der welt jemals entdecken oder sich ohne Lebenserfahrung ausrechnen könnte in Bezug auf dasjenige, das tatsächlich der Fall ist.. Während wir schauen werden alle phylogenetischen und ontogenetische Erfahrung genutzt, um viel mehr wissen zu können, als es möglich wäre mit objektiven, neutralen harten Daten, die nur im Jetzt und Hier zu Verfügung stehen. Wir nutzen also die Konstanz physikalisch Phänomene und die Gemeinsamkeiten der Dinge als (Bayesian-) Wahrscheinlichkeitshypothesen. Wir bekommen lediglich Hinweise über Auffälligkeiten, Abweichungen unserer Invarianten Modelle über die möglichen Objekte in der Welt und füllen den Rest mit „evidenzbasierter Präzisionsphantasie“ aus.

    Während bis heute ein Computer kein Stuhl auf einem Foto sicher als solchen erkennen kann (verdeckt, als Schatten, schemenhaft, designermäßig-ungewöhnlich, verzerrt, kaputt, verschwommen), kann das jedes Kind. Sollte ein Computer eines Tages genau das genau so gut können, wird er auch mit optischen Täuschungen zu verführen sein. Die Voraussetzung für Intelligenz ist die Möglichkeit getauscht werden zu können, sich in selbstständigen, kreativen Hypothese zu täuschen, die wiederum Voraussetzung sind, um mehr zu wissen, als man gefragt wurde. Oder: der Computer, der hier http://www.michaelbach.de... bei allen Stimuli genau so getäuscht wird wie wir, ist wohl wahrscheinli9ch genauso intelligent wie wir.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Balanus
    • 14. Oktober 2008 17:50 Uhr

    eine wirklich lesenswerte Ergänzung zum ZEIT-Artikel. Danke!

    Diese Qualität fehlt mir bei sehr vielen Diskussionen. Dabei ist es genau diese Qualität, die die Diskussion weiter bringt.

    • Balanus
    • 14. Oktober 2008 17:50 Uhr

    eine wirklich lesenswerte Ergänzung zum ZEIT-Artikel. Danke!

  2. Diese Qualität fehlt mir bei sehr vielen Diskussionen. Dabei ist es genau diese Qualität, die die Diskussion weiter bringt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Audio
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Arbeitsunfall | Gehirn | Hirnforschung | Neurologie | Planetarium | Schule
Service