VW / Porsche Macht ist ihm wichtiger als Geld
Warum sich VW-Aufsichtsrat Ferdinand Piëch gegen Porsche und damit gegen die eigene Familie stellt.
Porsche schafft Fakten. Am Dienstag dieser Woche gaben die Stuttgarter bekannt, weitere »4,89 Prozent der Volkswagen-Stammaktien« erworben zu haben. »Mit dem Sprung über 35 Prozent der Stimmrechte erlangt Porsche die faktische Kontrolle über den Wolfsburger Konzern«, lässt Wendelin Wiedeking, Vorstandschef der Porsche Automobil Holding SE verkünden. Das Ziel bleibe weiterhin, auf über 50 Prozent zu erhöhen. Ganz diplomatisch fügt er hinzu: »Wir freuen uns auf die Fortsetzung und Vertiefung der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem Volkswagenvorstand und hoffen auf eine rasche Lösung im Konflikt zwischen den Arbeitnehmervertretern von Porsche und VW.«
Leidet Wiedeking an Realitätsverlust?
Wie weit die Stuttgarter von der wirklichen Hoheit über Volkswagen entfernt sind, hatte er schließlich erst wenige Tage zuvor bei der Sitzung des VW-Aufsichtsrats in Wolfsburg erfahren. Im Verein mit den Arbeitnehmervertretern setzte sich Ferdinand Piëch gegen Bedenken der Kapitaleigner im Aufsichtsrat durch. Künftig müssen Geschäfte von Porsche mit der VW-Tochter Audi vorab vom VW-Aufsichtsrat genehmigt werden. Solche Zweckbündnisse im Kontrollgremium haben Tradition. Zuletzt hatte diese Koalition funktioniert als Piëch, mittlerweile Vorsitzender des Aufsichtsrats, seinen Nachfolger als Konzernchef, Bernd Pischetsrieder, stürzte und dessen Sparkommissar Wolfgang Bernhard gleich mit. Die beiden hatten den Arbeitnehmern Opfer abverlangt und hatten es gewagt an Piëchschen Herzensdingen wie dem schlecht verkäuflichen Oberklasse-VW Phaeton zu rühren. Außerdem hatten sie bei Autos mehr aufs Geldverdienen als auf die feinste Technik geachtet. Ein Graus für den Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche.
Eigentlich könnte Ferdinand Piëch Ruhe geben. Ist er doch mit den übrigen Piëchs und Porsches dabei, über die Porsche SE die Mehrheit bei VW zu übernehmen. Aber dem Milliardär geht es nicht ums Geld.
Im Zweifel kann auch Ministerpräsident Wulff Entscheidungen blockieren
Den 71-jährigen Altmeister stört, dass wieder ein Manager nicht das tut, was er für richtig hält: Wendelin Wiedeking. Der Chef der Porsche SE hat zwar den fast bankrotten Sportwagenbauer aus Stuttgart-Zuffenhausen zum profitabelsten Autobauer der Welt gemacht und den lange chronisch uneinigen Familien ein Milliardenvermögen beschert. Aber er hat in Piëchs Augen in Sachen VW zu viele Fehler gemacht: Dem Phaeton keinen Nachfolger gegönnt, sich gegen »teure Hobbys« wie Bugatti ausgesprochen, die Modellpolitik bei Audi kritisiert. Ein Insider: »Piëch hat gesagt, er lasse sich sein Lebenswerk bei VW und Audi nicht von einem angestellten Manager ruinieren.«
Ziemlich forsch war Wiedeking in Wolfsburg aufgetreten. Das kam in dem Unternehmen, in dem die IG Metall so viel Einfluss hat wie in keinem anderen deutschen Konzern, nicht gut an. Piëch will ihn weghaben. Sonst hätte er nicht zu den verbalen Attacken von VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh in Richtung Stuttgart (»Allmachtsfantasien«, »Neureiche«) geschwiegen. Sonst hätte er auch die permanent durchsickernde Kritik von VW-Managern an Porsche unterbunden. Vor allem aber hätte er am vergangenen Freitag die übrigen Porsche-Vertreter im Aufsichtsrat, seinen Cousin Wolfgang Porsche, Porsche-Finanzchef Holger Härter und Wiedeking, nicht bei der Abstimmung düpiert. Piëch stellt sich gegen den Rest der Familie. Wolfgang Porsche, Sprecher des Porsche-Familienzweigs, war »entsetzt« über Ferdinand, empört war ebenso dessen Bruder Hans Michel, Sprecher der Piëchs. Schon wurde spekuliert, die Familien wollten den Abweichler als Aufsichtsratschef kippen.
Damit eröffnet sich eine weitere Front bei der Übernahme von VW durch Porsche. Stehen doch schon Betriebsrat gegen Betriebsrat, Manager und politische Unterstützer – Baden-Württemberg und Bayern, Niedersachsen und Bundesregierung – gegeneinander.
Im Kern geht es bei allen Streitigkeiten immer um eine Frage: die Macht bei Volkswagen, dem drittgrößten Automobilbauer der Welt. Werden Strategie und möglicherweise die Modellpolitik des Vielmarkenkonzerns (Audi, Bugatti, Bentley, Lamborghini, Seat, Škoda, VW, Scania) künftig in Stuttgart bestimmt oder bleibt das Entscheidungszentrum in Wolfsburg?
Der Unterschied liegt vor allem in den dominierenden Egos. Bei der Porsche SE bestimmen Wiedeking als Vorstandschef und sein kongenialer Finanzchef Holger Härter den Kurs. Aufsichtsratschef in Stuttgart ist Wolfgang Porsche. Sein Cousin Ferdinand Piëch sitzt nur als einfaches Mitglied in dem Gremium, dazu kommen dessen Bruder Hans Michel und zwei weitere Porsches. Im Zweifel ist Ferdinand Piëch dort also in der Minderheit, zumal auch die Porsche-Arbeitnehmer, angeführt von Betriebsratschef Uwe Hück, sich mit Wiedeking im Wesentlichen einig sind.
In Wolfsburg allerdings sehen die Machtverhältnisse, auch nach der Aufstockung der Porsche-Anteile, ganz anders aus: Der derzeitige VW-Chef Martin Winterkorn ist ein enger Vertrauter Piëchs. Im Aufsichtsrat der Volkswagen AG sitzen neben dem Vorsitzenden Ferdinand Piëch zwar mit Wiedeking, Härter und Wolfgang Porsche drei weitere Vertreter der Stuttgarter, aber Piëch hat im Zweifel mit den Stimmen der Arbeitnehmervertreter, angeführt von VW–Betriebsratschef Bernd Osterloh und Ex-IG-Metall-Chef Jürgen Peters, die Mehrheit. Zudem können die Porsches bei wichtigen Entscheidungen auch vom zweiten VW-Großaktionär, dem Land Niedersachsen (gut 20 Prozent), angeführt von Ministerpräsident Christian Wulff, blockiert werden. Das umstrittene VW-Gesetz garantiert, dass dafür schon 20 Prozent statt der sonst üblichen 25 Prozent der Stimmen genügen.
Eben dieses Gesetz wollen Wiedeking und die Familienmehrheit um Wolfgang Porsche partout weghaben. Und EU-Wettbewerbskommissar Charlie McCreevy hat soeben wieder bekräftigt, dass er dieses Spezialgesetz, welches de facto das Vetorecht Niedersachsens zementiert, für unvereinbar mit den Regeln des freien Kapitalverkehrs hält. Er will damit vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Der hatte die Bundesrepublik schon einmal dazu verurteilt, das Gesetz aus dem Jahr 1960 zu revidieren. Doch die von Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) mit Unterstützung von Kanzlerin Angela Merkel vorgelegte Neufassung genügt McCreevy nicht. Ende vergangener Woche zeigten IG-Metall und Betriebsrat ihre Macht vor der Wolfsburger Konzernzentrale: 40.000 Beschäftigte demonstrierten für das VW-Gesetz – und gegen Porsche. Wiedeking und Hück wurden auf Plakaten als Feindbilder (»Zwei außer Rand und Band«) hochgehalten.
Hück ist betroffen. Schließlich glaubt er, den VW-Kollegen im Streit um die Mitbestimmungsvereinbarung der Porsche SE schon weit entgegengekommen zu sein. Zwar räumte deren ursprüngliche Fassung den 11.000 Porsche-Beschäftigten praktisch gleiche Rechte ein wie den mehr als 300.000 VW-Kollegen. Aber Hück hat den VW-Kollegen längst mehr Sitze im SE-Betriebsrat zugesagt. Nur das Vetorecht bei der Kündigung der Vereinbarung will sich Hück nicht nehmen lassen, er versteht das als eine Art Minderheitenschutz.
Und auch Wiedeking betont, dass man den VW-Arbeitnehmern schon vor Längerem zugesichert habe, »bei einem eventuellen Wegfall des VW-Gesetzes Verlegungen oder Schließungen von Werken nur mit einer Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat zuzulassen.« Ohnehin stünden weder Werksschließungen noch Arbeitsplatzabbau auf irgendeiner Tagesordnung. Und auch dem VW-Management habe man zugesichert, es etwa bei der Modellpolitik nicht überstimmen zu wollen.
Die neuen Botschaften aus Stuttgart konnten das mittlerweile abgrundtiefe Misstrauen in Wolfsburg freilich nicht abbauen. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hält die Mitbestimmungsregelung des künftigen Konzerns weiterhin für »undemokratisch«. Er klagt dagegen. VW-Chef Winterkorn beklagte sich gerade in Island am Rande der Präsentation des neuen Golfs, dass die Stuttgarter nie gesagt hätten, wie sie sich das Führungsmodell unter der neuen Holding vorstellten und wie die Modellpolitik künftig koordiniert werden solle.
Längst geht es nicht mehr um Sachfragen. Es geht um Personen. Um Egos. Ums Prinzip. Die Wolfsburger wollen sich nicht damit abfinden, dass ein kleiner Hersteller wie Porsche das Sagen beim größten europäischen Autokonzern hat. Am liebsten wäre ihnen, wenn sich die Stuttgarter wie eine Art stiller Teilhaber verhielten, der sie zwar gegen feindliche Übernahmen schützt, sich aber aus den Geschäften raushält. Dies aber wollen Wiedeking und Co. auf keinen Fall. Sie sehen es als natürliches Recht an, den Managern in dem Unternehmen, in das sie Milliarden investiert haben, auf die Finger zu schauen. Und jetzt hat sich mit Ferdinand Piëch der Einzige, der auf beiden Seiten Einfluss hatte, eindeutig auf die Seite der Wolfsburger gestellt.
Vielleicht kann jetzt nur noch ein Psychologe helfen
Selbst bei noch so großer Empörung der Familie: Piëch wird seine Machtposition kaum freiwillig räumen. Um Piëch aus dem Aufsichtsrat abzuwählen, müssten sich Wiedeking und der Rest der Familie ausgerechnet mit Niedersachsens Ministerpräsident Wulff verbünden. Wulff hätte sich diese Rolle als Zünglein an der Waage vor wenigen Monaten noch nicht im Traum vorstellen können. Er hatte zwar selbst schon mal versucht, Piëch als Aufsichtsratschef zu verhindern, aber jetzt wäre sein Preis sehr hoch für die Porsche-Leute. Die müssten wohl zustimmen, dass das Vetorecht Niedersachsens auf Dauer in der VW-Satzung verankert wird. Das aber ist genau der Punkt, der die Porsche-Leute beim VW-Gesetz am meisten stört.
VW-Betriebsrat Osterloh hat prompt auf die neue Anteilserhöhung durch Porsche reagiert. Wiedeking müsse erst seine Hausaufgaben machen, die Mitbestimmungsfragen seien weiterhin ungelöst. Und: »Solange es keinen Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag gibt, fallen alle für Volkswagen wichtigen Entscheidungen in unserem Aufsichtsrat und damit in Wolfsburg.«
Vielleicht könnte ein Psychologe helfen. Ferdinand Piëch und seine Vettern haben da schon Erfahrung. Als sich die Porsche-Enkel in den 1970er Jahren um die Macht beim Sportwagenbauer stritten, verordnete der damalige Clanchef ihnen eine gruppendynamische Beratung. Es nützte freilich nichts. Am Ende mussten sich alle Piëchs und Porsches aus dem Management zurückziehen.
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- Datum 18.09.2008 - 13:46 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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