Finanzkrise Im Sog des Westens

Von Russland bis Südkorea – die Weltfinanzkrise löst eine Kapitalflucht aus den Schwellenländern aus.

Ein Händler an der Moskauer Börse beobachtet den Kursverlauf.

Ein Händler an der Moskauer Börse beobachtet den Kursverlauf.

Zum Wochenbeginn konnte man mit Gerd Lenga sprechen und den Eindruck gewinnen, in Russland hätten sie keine Fernseher und keine Wirtschaftsnachrichten. »Wir gehören zu den ältesten und größten Russlandinvestoren«, erzählte der Generalbevollmächtigte der deutschen Baustoffgruppe Knauf für Russland stolz. Er freue sich auf die Feierlichkeiten zum 15-jährigen Russlandengagement seiner Firma. Knauf expandiere kräftig, baue Produktionsanlagen aus, wolle 2009 Firmen hinzukaufen, »und das in voller Kenntnis der Marktentwicklungen«. Nach einer Denkpause setzt Lenga hinzu: »Krisen kann man auch herbeireden.«

Herbeireden ist im Augenblick gar nicht nötig. Nach den Ereignissen vom Wochenende sind die Weltfinanzmärkte in Aufruhr. Das schlägt sich auch in Russland nieder – und in Brasilien, in der Türkei und in Südkorea. Der MSCI Emerging Markets Index – eine Art konsolidierter Börsenindex der aufstrebenden Wirtschaftsnationen – verlor nach dem Bankrott der US-Bank Lehman Brothers 3,5 Prozent. Der MICEX-Kursindex in Russland fiel um 6,2 Prozent, Brasiliens Bovespa-Index um 7,6 Prozent. »Die Luft entweicht aus den Märkten der Schwellenländer«, sagt Jeffrey Kleintop, ein Stratege bei der Investitionsfirma LPL Financial in Boston. Fast überall in den Schwellenländern fallen Währungskurse und Aktien, Marktbeobachter sagen Währungskrisen voraus.

Bleibt dieser merkwürdige Gegensatz: Unternehmer in den Ländern und langfristig engagierte ausländische Investoren finden, dass die Geschäfte nach wie vor gut laufen. Es sind vor allem die kurzfristig kalkulierenden Investoren, die davonrennen. Diese Kapitalflucht aus den Schwellenländern ist zu wesentlichen Teilen ein Finanzmarktphänomen.

Dabei hatten die Weltfinanzmärkte die Schwellenländer überhaupt erst groß gemacht. Seit Jahren legten Investitionsfonds, Hedgefonds und andere Spekulanten immer mehr Kapital in aufstrebenden Ländern wie China, Indien, Brasilien oder Russland an. Dort vervierfachte sich der Wert der Aktienmärkte binnen fünf Jahren. Hinter der Euphorie steckten ein paar gute Gründe: Viele Schwellenländer erlebten kräftige Aufschwünge, mal durch den Verkauf von Öl und Rohstoffen, mal durch ihre erfolgreiche Eingliederung in den Weltmarkt für Industrieprodukte oder das Outsourcing von Dienstleistungen. Zugleich schienen die Finanzsysteme dieser Länder besser verwaltet denn je, viele Regierungen hatten Devisenberge in Rekordhöhe angehäuft, um sich vor Spekulantenattacken zu schützen und Debakel wie Mexikos Pesokrise oder die Asienkrise künftig zu vermeiden. »Bis vor einem Monat hatte man sich in vielen Schwellenländern noch über das sweet money mokiert, über die Probleme mit dem allzu leichten Geld«, sagt Stephany Griffith-Jones, eine Finanzmarktexpertin an der Columbia University in New York.

Die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China sind nach Ansicht von Goldman-Sachs-Ökonom Jim O’Neill zu den wahren Wachstumshoffnungen der Weltwirtschaft geworden. Andere Ökonomen und Bankanalysten stellten die »Entkopplungsthese« auf: Selbst wenn es wieder eine Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten gebe, werde den Schwellenländern nicht viel passieren. Sie hätten sich wirtschaftlich von den USA abgekoppelt, stünden anders als früher auf festen eigenen Beinen. Jetzt ist die Krise in den Vereinigten Staaten da – aber von der Entkopplungsthese redet nun keiner mehr.

Schon in den vergangenen Wochen, als eine Rezession in den USA und Europa immer wahrscheinlicher schien und sich neue Schwierigkeiten am New Yorker Finanzmarkt abzeichneten, fielen Aktien aus Schwellen- und Entwicklungsländern auf ihr tiefstes Niveau seit Jahren. Eine Rekordzahl von Unternehmen aus solchen Ländern sagte geplante Börsengänge ab. Notenbanken in Ländern wie Argentinien, Russland, Südkorea oder Indonesien schritten am Devisenmarkt ein, um den Sturz ihrer Währungen zu verlangsamen. »Wir erleben einen recht breiten Rückzug aus den Schwellenländern«, sagt Brad Setser, Ökonom am Council on Foreign Relations in New York. »Die Schwierigkeiten breiten sich vom Zentrum der Weltwirtschaft zu den Rändern hin aus.«

Statt einer »Entkopplung« der Schwellenländer läuft ein anderes Szenario am internationalen Finanzmarkt ab. Man kennt es aus früheren Krisen. Sobald sich eine düstere Stimmung ausbreitet, verkaufen Anleger hastig alle Wertpapiere und Investitionen, die sie als riskant einstufen. Das sind zurzeit sicherlich die Aktien amerikanischer Großbanken oder Autofirmen – aber klassischerweise eben auch Währungen und Wertpapiere aus den emerging economies. Das hat psychologische Gründe und ganz praktische: Wenn so viele Anleger zurück in den vermeintlich sicheren Dollar flüchten, steigt diese Währung ja auch, und das Engagement lohnt sich. Dieser Mechanismus gehört zu den Selffulfilling Prophecys am internationalen Finanzmarkt. Zu den Vorhersagen, die wahr werden, weil jeder dran glaubt.

Die Schwellenländer geraten in Probleme, weil es anderswo mit der Konjunktur bergab geht. In Brasilien zum Beispiel erinnern sich viele Anleger gerade daran, dass der jüngste Boom in der Region hauptsächlich auf sehr hohen Preisen für Erze oder Sojabohnen gründete – die Brasilien höchst erfolgreich in alle Welt lieferte. Doch die Preise solcher Güter sinken gerade wieder, eben weil die Weltkonjunktur sich abkühlt und die Nachfrage sinkt. Ähnliches gilt auch für Russland, dem die explodierenden Öl- und Gaspreise der vergangenen Monate einen beispiellosen Boom beschert hatten. Über dem hatte mancher Anleger tiefere Probleme des Landes vergessen, etwa die mangelnde Rechtssicherheit. Umso mehr verschreckte jetzt der Kaukasuskrieg viele Anleger. In Ländern wie Korea und China, deren Konjunktur wesentlich vom Export abhängt, sorgt man sich um die Nachfrage aus Amerika.

Experten glauben, dass die Weltfinanzkrise und die Weltkonjunkturdelle jetzt nicht alle Schwellenländer gleichermaßen treffen. Am besten sind jene geschützt, die große Devisenreserven angehäuft haben und Exportüberschüsse erwirtschaften: Die Gesundheit ihrer Volkswirtschaften hängt nicht von ständigen Neuanlagen ab. Die Finanzgroßmacht China mit ihren rund 1,8 Billionen Dollar Devisenreserven ist in einer eher sicheren Position. Anders Südafrika, die Türkei und etliche osteuropäische Staaten. »Man darf nicht vergessen, wie schnell all dieses Anlagegeld von Investoren und Hedgefonds in gewaltigen Mengen wieder abfließen kann«, sagt Finanzmarktexpertin Griffith-Jones.

Bleibt die Frage: Wo kann man sein Geld denn noch sicherer anlegen? In Gold? US-Staatsanleihen? Viele Auslandsinvestoren scheinen es eher mit Aussitzen zu halten – wie Baustoffmanager Lenga. »Es gibt für die deutschen Unternehmen einfach keinen Grund, ihr Kapital vom russischen Markt zurückzuziehen«, heißt es diese Woche bei der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK). Die meisten seien zufrieden mit ihren Erfolgen.

 
Leser-Kommentare
  1. Man muss nur auf die Internetseite von KPMG gehen da gibt es einen Überblick über die Auslandsinvestitionen der imperialistischen Länder in sogenannte Schwellenländern. Früher hiesen diese Gebeite Halbkolonie oder Kolonie ;-)http://www.kpmg.ch/issues/18445_18462.htm

    In Krisenzeiten, zieht das Finanzkapital ab. Es hat jedoch in den Jahren der "Investitionen" die Länder nur ausgeplündert und kein nationales Kapital geschaffen. Wäre ja auch nur lästige Konkurenz. In der Krise sind die Massen dieser Länder die ersten die die vollen Auswirkungen der Krise wie Arbeitslosikeit und Hunger erleben werden. Der Begriff "Entkopplung" ist daher ohne Realität.

    Russland ist jedoch auch ein imperialistisches Land, aber eben das schwächste in der imperilistischen Kette.

    Am Prinzip des Imperialismus hat hat sich eben nichts geändert. Er ist halt das Enstadium des Kapitalismus.

    http://www.sed-forum.de

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    Imperialismus ist die Erscheinung der Nation als Raubtier, die Endform des Kapitalismus ist die Plutokratie. Dort aber sind wir angelangt. Eine Reihe von geistesgestörten Bankstern wollte 25%-Renditen, die Staaten haben sie gewähren lassen und nun zahlen wir alle dafür.
    Ich will wieder in einer Demokratie leben! Das Treiben der Ackermänner ist verfassungsfeindlich, Widerstand wird zur Pflicht.

    Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

    [Anm.: Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]

    Imperialismus ist die Erscheinung der Nation als Raubtier, die Endform des Kapitalismus ist die Plutokratie. Dort aber sind wir angelangt. Eine Reihe von geistesgestörten Bankstern wollte 25%-Renditen, die Staaten haben sie gewähren lassen und nun zahlen wir alle dafür.
    Ich will wieder in einer Demokratie leben! Das Treiben der Ackermänner ist verfassungsfeindlich, Widerstand wird zur Pflicht.

    Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
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  2. Imperialismus ist die Erscheinung der Nation als Raubtier, die Endform des Kapitalismus ist die Plutokratie. Dort aber sind wir angelangt. Eine Reihe von geistesgestörten Bankstern wollte 25%-Renditen, die Staaten haben sie gewähren lassen und nun zahlen wir alle dafür.
    Ich will wieder in einer Demokratie leben! Das Treiben der Ackermänner ist verfassungsfeindlich, Widerstand wird zur Pflicht.

    Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

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    • mexi42
    • 21.09.2008 um 5:43 Uhr

    Klartext von Gysi.
    Keine plausiblen Gegenargumente der Etablierten.
    Weiter so, D.

    • mexi42
    • 21.09.2008 um 5:43 Uhr

    Klartext von Gysi.
    Keine plausiblen Gegenargumente der Etablierten.
    Weiter so, D.

  4. Der militärische Wahnsinn, der nur noch Spuren beseitigen kann oder eine Entwicklung, die den Militärs in den USA rechtzeitig die Hände von den Auslösern abhält und der Welt noch eine Chance gibt, mit einer nur wirtschaftlich untergehenden USA wenigstens zu überleben.
    Das "Dranbleiben" an Georgien und anderen "Kleinen" riecht nach "Legitimationspflege" und weniger nach humanitärem Mitgefühl. Das hätte die US-Armee schon von den ersten Genoziden in Indochina abgehalten. Was danach kam, hätte schon längst Wachsamkeit provozieren müssen. Wenn nicht, dann hatte das "Wegsehen" einen triftigen Grund.

  5. Gerade gelesen, dass inzwischen 75% der gesamten umlaufenden Weltgeldmenge Usa-Taler sind.
    (Mit den jetzt angekündigten Stützungsaktionen wird wohl noch die eine oder andere Billion hinzukommen.)
    Allmählich sollte auch dem letzten Sparkassenangestellten außerhalb der KfW klar geworden sein, dass "Führungsmacht" und "Leitwährung" bedeutet, Klopapier bedrucken und dieses auf der ganzen Welt ohne Widerstand gegen beliebiges Gut und Geld eintauschen zu können. Und zwar in unbegrenzter Menge.
    Nur das Perpetuum mobile ist noch genialer.

    Nachdem jetzt aber alles auf der Welt anscheinend schon mehrfach verkauft worden ist, gerät der für die Usas lebenswichtige Abfluss der gigantischen Dollarmengen ins Stocken.

    • mexi42
    • 21.09.2008 um 5:43 Uhr

    Klartext von Gysi.
    Keine plausiblen Gegenargumente der Etablierten.
    Weiter so, D.

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