Spielen Lebensgeschichte
Schon als junges Mädchen wollte sie weg aus der Heimatstadt hoch im Norden. Vor allem schreckte sie das gängige weibliche Lebensmodell. »Die Frauen meiner Umgebung waren erstaunlich leicht zufrieden gestellt«, schrieb sie in ihren Memoiren, »sie bekamen jedes Jahr ein Kind und sprachen vom ›Durchbringen der vielen Kinder‹, beinahe als wären es unvermeidliche Tiere…« Und sie ergänzte: »…mir graute vor dem Gedanken, … dass ich für immer gebunden war.«
Folgerichtig scheiterte die erste Ehe, da war sie Anfang zwanzig und verabschiedete sich ins Ungewisse. Ihren Erstgeborenen ließ sie bei seiner Großmutter, er starb als Kleinkind. Sie aber tingelte mit einem Wandertheater durch die von Meeren gesäumte Provinz – bis ihr der Sprung in die Großstadt glückte. Als Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin schlug sie sich durch, als »dänische Futuristin«, Hausiererin und Arbeiterin. Und einen Winter lang mit käuflichem Sex. Wie viele zahlende Liebhaber es gab, blieb ihr Geheimnis. Auch wenn sie in einem literarischen Bekenntnisbuch prominente Namen andeutete. Gewiss half ihr das Schreiben, die harte Zeit im Prostituiertenmilieu seelisch zu verkraften, auch das Morphium stand damals griffbereit.
Doch dann begegnete sie dem Mann, der sie faszinierte, und wohl zum ersten Mal in ihrem Leben wollte sie bleiben. Also folgte sie ihm in eine Stadt am See, in eine aufregende, endlich auch erfolgreiche Phase. Bald stand das Paar inmitten eines Kreises junger Künstler und Intellektueller, die neue Ideen entwarfen und möglichst auch danach zu leben versuchten.
Zwei Jahre nur, dann zogen sie erneut um, in eine schöne, abgelegene Gegend. In den Jahren vor seinem frühen Tod – er starb mit 41 an Magenkrebs – lebten sie in zunehmender Armut, ein Zustand, dem sie als Witwe dann nie mehr entkam. Zwar verwaltete sie den Nachlass des geliebten Mannes, bewahrte den Dichter und Denker leidlich vor dem Vergessen, doch brachte das immer weniger ein. Und auch die eigenen Texte verkauften sich schlecht.
Wege und Umwege einer Frau: So hieß, im Untertitel, eines der rund ein Dutzend Bücher, die sie verfasst hat, eine zahme Formel für ihre zum Teil so wilden Lebenserfahrungen. In allem gehe es darum, schrieb sie einmal, »das zu erlernen, was ich bin«. Haltlos verschwendete sie sich an jeden intensiven Moment, schien auf eine fast kindliche Art darauf zu vertrauen, dass sie dabei nie endgültig in den Abgrund stürzen würde – und behielt sogar recht.
Ein weltberühmt gewordener Weggefährte, der sie und ihren Mann auch materiell unterstützte, würdigte sie so: Sie habe als Autorin und als Frau zu den »unvergesslichsten Erscheinungen« ihrer Generation gehört. Heute sind ihre Bücher, in denen sie aus Fiktion und Wirklichkeit ihren ganz eigenen Kosmos schuf, dennoch fast nur noch antiquarisch zu kaufen. Wer war’s?
Frauke Döhring
Lösung aus Nr. 38:
Billy Wilder (1906–2002) stammte aus Galizien, wuchs seit 1916 in Wien auf, lebte dann in Berlin und emigrierte 1933 in die USA. Seine Mutter, sein Stiefvater und seine Großmutter starben im KZ, er selbst wirkte nach Kriegsende an Dokumentationen über den Holocaust mit. Später drehte er Klassiker der Filmgeschichte wie »Zeugin der Anklage« mit Marlene Dietrich (1957) und »Manche mögen’s heiß« mit Marilyn Monroe (1959) und erhielt sechs Oscars
- Datum 18.09.2008 - 04:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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