Ich habe einen Traum Fliegen, ohne sich anzuschnallen
Barbara Siebeck, Ehefrau unseres Kolumnisten, träumt von Orten, die sie nie sehen wird, "weil es dort keine Restaurants gibt"
Manchmal, nachts, kann ich fliegen wie ein Vogel. Das ist seltsam, denn wenn ich wach bin, habe ich Angst vorm Fliegen. Da steige ich nur mit großer Überwindung in ein Flugzeug, und nur wenn es sein muss, um mit meinem Traummann in Istanbul zu essen oder in London oder in Moskau.
Und doch habe ich diesen Traum vom Fliegen. Ohne dass sich die Flugzeugtür schließt, ohne dass ich mich anschnallen muss. Frei und auf meinen eigenen Schwingen segle ich über Wälder und Täler und kann alles von oben anschauen, Orte, die ich im Leben nicht mehr sehen werde, weil es dort keine interessanten Restaurants gibt. Ich kann über die Pyramiden fliegen, über die Hochebene von Tibet, über die Atolle der Südsee oder den Amazonas entlang, über die afrikanische Wüste bei Nacht, um endlich einmal ganz viele Sterne zu sehen, dann über die Alpen bei strahlendem Sonnenlicht, über meinen Garten, wenn die Rosen blühen und Frau Hoffmann, unsere Katze, auf der Mauer liegt, dann weiter über Norddeutschland nach Worpswede und zum Weyerberg. Und dann plumpse ich in die große Sandkuhle, in der ich mich als Kind immer mit meiner Freundin Irene getroffen habe.
Heute ist dort alles zugewachsen mit Bäumen und Büschen, aber damals konnte man im Dünensand spielen, der dort nach der Eiszeit zurückblieb, und wenn man Glück hatte, konnte man versteinerte Muscheln finden. Wir haben uns vorgestellt, ringsherum sei ein riesiges Meer, und wir wären auf einer Insel. Immerhin ist der Weyerberg fünfzig Meter hoch.
Das Meer kannten wir gar nicht, nur von Erzählungen, und die waren meist bedrohlich. Früher fuhr man selten in die Ferien. Es hieß höchstens: "Komm mit, wir gehen übern Berg zu Giesecke." Das war eine Kneipe, da gab es dann Butterkuchen. Oder man fuhr zur Oma nach Hamburg. Dann gabs ’ne Hafenrundfahrt.
Auf dem flachen Land zu spielen ist manchmal langweilig, immer sieht man gleich bis zum Horizont. Nur wenn die Wolken über den Himmel zogen, konnten wir uns riesige Gebirge vorstellen. Oder wir entdeckten Tiere und Gesichter.
Manchmal träume ich auch davon, wie eine Lerche fliegen zu können. Wenn wir nämlich einen Ausflug an die Hamme machten, was für uns ein langer Weg war, dann setzten wir uns in die Wiesen, und es roch nach Pfefferminze, die Lerchen stiegen höher und höher, und es kam drauf an, wer sie am längsten sah, als klitzekleine schwarze Punkte am Himmel. Wenn man dann irgendwann am Fluss ankam, hatte der Kartoffelsalat schon einen Stich. Weil Kinder immer so unendlich trödeln.
Free as a Bird von den Beatles soll jemand bei meiner Beerdigung spielen, davon träume ich manchmal. Und wie mich diese Melodie dann emporträgt, weit, weit weg.
Aufgezeichnet von Wolfgang Lechner
Barbara Siebeck, Jahrgang 1940, wuchs im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen auf und war in den sechziger Jahren Fotomodell und Ehefrau des Fotografen Will McBride. 1969 verließ sie ihn für Wolfram Siebeck und begleitet diesen seither auf all seinen Reisen und bei seinen Restaurantbesuchen.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 24.09.2008 - 09:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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