In knapp einer Woche wird gewählt, und doch scheint niemand zu wissen, worum es sich bei diesen Nationalratswahlen dreht. Kein Wunder. Es war ein turbulentes Jahr: Die Immobilienkrise hat den Westen ins Taumeln gebracht, Deutschland steht am Rande einer Rezession, Irland lehnte den Vertrag von Lissabon ab, Russland marschierte in Georgien ein, und alles ist teurer geworden.

Die Österreicher sind also beunruhigt – das ist spürbar. Umso schwieriger ist es, sie zum Narren zu halten. Während der neue SPÖ-Chef Werner Faymann angerauscht kam und Sozialleistungen wie Rosenblätter entlang des Wahlkampfpfades streute, besannen sich die Grünen wieder ihrer moralischen Überlegenheit und eilten inhaftierten Tierrechtsaktivisten zu Hilfe. Seitdem gaben die Wähler in Umfragen an, sie würden Grünen-Chef Alexander Van der Bellen für die zuverlässigste Stimme in der österreichischen Politik halten.

Nachdem er bei den Fernsehdebatten schlimm ins Stolpern geraten war, gewann ÖVP-Chef Wilhelm Molterer bei den Wählern wieder an Boden. Sie ziehen das "würdevolle Verhalten" Molterers der "Aggression" seines niederösterreichischen Rivalen Josef Pröll vor. Dessen Schachzug, Wahlkampfbonbons verbieten zu wollen, war ein durchsichtiger Trick, der niemanden beeindruckte.

Das vielleicht Bizarrste an diesem Wahlkampf ist das plötzliche Interesse der Parteien an den Stimmen der Immigranten. Das sollte nicht überraschen, wurde doch ein Viertel der wahlberechtigten Wiener im Ausland geboren. Aber niemand kann sich erinnern, dass die Parteien – außer vielleicht den Grünen – derartig um sie geworben hätten. Heute tummelt sich die SPÖ auf Ethnofesten, als wären die Genossen serbische Kolo-Tänzer, und auch die ÖVP zeigt auf der Veranstaltung "Medien.Messe.Migration" Präsenz. Sogar die Freiheitlichen umschmeicheln die serbische Minderheit – die ist zumindest christlich.

Mitte September schien dieser Wahlkampf jeden vollkommen zu verwirren. An einem Samstagvormittag verteilten alle Parteien am Karmelitermarkt im zweiten Wiener Gemeindebezirk Broschüren, Kugelschreiber und Häppchen: die Grünen Brote mit Aufstrichen (sehr gesund), die ÖVP Gummibärchen (reine Chemie, null Nährwert), die SPÖ Manner-Schnitten (Süße, die sich schnell verflüchtigt) und auch ein Gläschen Wein. Gratiskaffee gab es nirgends – man wollte wahrscheinlich nicht mit den gut besuchten Cafés konkurrieren.

Luftballons hingegen waren in Hülle und Fülle vorhanden – in Rot, Grün, Orange oder Schwarz. Die meisten Leute hatten von jeder Farbe gleich mehrere gesammelt. Ein kleiner Junge etwa, der mit seinen Ballons neben dem SPÖ-Stand kämpfte, während sich seine Mutter durch die Broschüren wühlte. Sie nahm sich ein paar rote Flyer, zusätzlich zu den grünen, schwarzen und orangefarbenen, die sie bereits in der Hand hielt. "Ich bin mir nicht sicher, was ich tun soll", gestand sie, "ich habe früher immer Grün gewählt…" Sie umklammerte das neue SPÖ-Flugblatt zur Gesundheitsreform. Die Partei hatte es innerhalb weniger Stunden in Umlauf gebracht, nachdem der Linzer Meinungsforscher David Pfarrhofer in einer neuen Studie erklärte, Gesundheitsfragen seien für die Wähler von vorrangiger Bedeutung. Gute Besserung!

Auf dem Boden lag ein großes weißes Packpapier ausgebreitet, auf dem die Wahlkampfthemen aufgelistet waren. Einzeln und pärchenweise knieten sich die Passanten hin und malten mit einem schwarzen Textmarker einen Strich neben das Thema, das ihnen am meisten am Herzen lag. Lebenshaltungskosten, Steuerreform, Gesundheit, Studiengebühren, Familienbeihilfe, kostenloser Kindergarten, Arbeitslosigkeit und Kriminalität.