Österreich Walzer für die Wirbel

Ein Hotel im Salzburger Land bietet seinen Gästen Massagen im Dreivierteltakt an, die Geist und Körper beleben sollen

Daniela benutzt mich. Sie hat mich auf eine Pritsche gebettet und einen CD-Spieler eingeschaltet, der Walzermelodien in den Raum pumpt. Jetzt verwendet sie meinen liegenden Körper als Tanzpartner: Trippelt ans Fußende, packt meine Beine, schwingt sie nach links, nach rechts. Huscht im Dreivierteltakt an mir entlang. Schunkelt mit meinen Armen, umfasst meine Schultern, wiegt meinen Kopf in den Händen, während der Rest von mir weiter herumfläzt. Trüge dieses Programm nicht schon einen Namen, ich taufte es »Tanzen für Faule«.

Korrekt heißt es »Wiener-Walzer-Massage« und ist eine Erfindung des Freiburger Lomi-Lomi- und Feng-Shui-Lehrers Reinhard Prochazka. Er träumt davon, eine neue Wellnesssparte zu begründen: Massagen zu klassischer Musik. Die, meint er, trage den Menschen und mache ihn ausgeglichen. Eine Behandlung mit Rossini, Gluck und Schubert entwickelt er gerade. Die Walzer-Anwendung wurde im Juli vollendet; der österreichische Salzburgerhof ist das erste Hotel, das seine Masseure von Prochazka schulen ließ. Und mit seinem Angebot nun Leute wie mich hellhörig macht. Daheim verrichte ich Dinge immer zur passenden Musik. Ich habe CDs zum Putzen. Zum Autofahren. Zum Joggen. Zum Schreiben. Zur Liebeskummerbewältigung. Zum Entspannen. Für eine Massage würde ich vielleicht Hawaiigedudel abspielen oder Walchoräle. Aber Walzermusik? Das klang so passend wie Sex zu Mein kleiner grüner Kaktus.

Im Salzburgerhof in Zell am See, eine gute Autostunde südlich von Salzburg, begrüßte mich dann die Masseurin Daniela – 22 Jahre, schwarz gekleidet, Tattoo im Nacken. Ihr Lieblingslied ist Summer of ’69 von Bryan Adams; Wiener Walzer tanzt sie aber auch, immer an Silvester in ihrer Stammkneipe. Daniela führte mich in den Behandlungsraum, wo zwei Palmen einer Massageliege Schatten spenden. Da hieß es dann aber nicht »Darf ich bitten?«, sondern: »Bikini ausziehen, bitte!« Und wir nahmen unsere Tanzhaltung ein: ich nackt auf dem Bauch, mit einem weißen Handtuch zwischen den Beinen. Sie am Fuß der Liege, die Finger voll Mandelöl.

Während Danielas Hände nun Pirouetten auf meiner Rück- und Vorderseite drehen, freue ich mich über die Musik. Ein Glück, dass Prochazka außer dem Reigen von Oscar Straus den Donau- und den Kaiserwalzer von Johann Strauß ausgewählt hat. Strauß hat nämlich auch Stücke geschrieben, zu denen die meisten Menschen nicht massiert werden möchten. Eine Demolierer-Polka . Eine Explosions-Polka. Auch der Titel Lava-Ströme verheißt eine schmerzhafte Behandlung. Und was zu Seid umschlungen, Millionen passiert, mag man sich gar nicht erst ausmalen.

Sogar als Passivtänzerin bin ich noch schwer zu führen

Für Daniela allerdings sind unsere Stücke schon tückisch genug. Bei anderen Anwendungen plätschert die Musik nur im Hintergrund, doch bei der Wiener-Walzer-Massage ist sie entscheidend. Es gibt eine Choreografie, die exakt auf Rhythmus und Melodiebögen abgestimmt ist. Während der 30-minütigen Behandlung muss Daniela mehr als doppelt so viele Griffe ausführen wie bei einer 75-minütigen Lomi-Lomi-Massage. »Ich merke mir die einzelnen Figuren mit Eselsbrücken«, sagt sie: »Ich denke zum Beispiel: Flügel! Und stelle mir vor, dass meine Arme Schwingen sind, die ich in Richtung Schultern und Waden des Kunden ausbreite.« Und die in der Mitte befestigt sind. An meinem Hintern.

Meine Gedanken sind nicht weniger abwegig: Ich grüble inzwischen, was der Walzerkönig Johann Strauß von alledem gehalten hätte. Vermutlich hätte er sich gefreut. Es gibt in seinen Operetten einige Anzeichen dafür. In Eine Nacht in Venedig spielt ein Barbier eine wichtige Rolle. Und in Indigo und die 40 Räuber wird erwogen, Frauen nach ihrer Schönheit zu besteuern – weil sie dann alle freiwillig den Höchstsatz zahlen würden. Das Grundprinzip von Wellness ist hier schon erkennbar: Gutes Aussehen hat seinen Preis.

Ich weite meine Betrachtungen gerade auf Opern aus, als Daniela ans Kopfende meiner Pritsche kommt. Sie will meine Arme zu sich ziehen, mit ihnen pendeln. Ich aber grüble, ob Papageno in der Zauberflöte die Vögel im Auftrag der Kosmetikindustrie fängt, für Tierversuche. Verkrampfe mich kurz, gedankenverloren, und bringe Daniela fast aus dem Takt. Einen Moment hinken wir dem Rhythmus hinterher. »Locker lassen!«, zischelt sie. Na herrlich. Sogar als Passivtänzerin bin ich noch schwierig zu führen.

Nach der Massage schlendere ich durch Zell am See. Die Behandlung soll belebend wirken. Ihr Erfinder behauptet, der Dreivierteltakt harmonisiere die Gehirnhälften, bringe die Drüsen in Schwung und stärke das Immunsystem. Tatsächlich fühlen sich Kopf und Muskeln an, als habe jemand sie gründlich wach gerüttelt. Am Zeller See beobachte ich einen Surfer, der über die Wellen gleitet – da tönt es in meinem Hirn: Donau so blau, so schön und blau… In der Fußgängerzone des kleinen Orts geht es weiter: Durch Tal und Au, durch Tal und Au… Vor dem Rathaus, dessen Türmchen spitze Hexenhut-Dächer tragen. Vor dem Heimatmuseum. Vor dem Brunnen aus bunten Keramiksäulen von Friedensreich Hundertwasser: Überall strömt der Donauwalzer durch meinen Kopf.

Der Takt muss mir einmassiert worden sein. Er verfolgt mich bis nach Hause. Ich höre ihn beim Putzen. Beim Autofahren. Beim Joggen. Beim Schreiben. Bei der Liebeskummerbewältigung. Beim Entspannen. Wie sagte Johann Strauß so gerne, bevor sein Orchester zu spielen begann? »Alles Walzer!«

Hotel Salzburgerhof, Auerspergstr. 11, A-5700 Zell am See, Tel. 0043-6542/7650, www.salzburgerhof.at . Eine halbstündige Walzermassage kostet 59 Euro. Institut Dr. Reinhard Prochazka, Hauptstr. 13a, 79104 Freiburg, Tel. 0761/555128, www.institutprochazka.de

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