Parteiwechsler Freie Fahrt für Metzger
In Überlingen am Bodensee versucht der Ex-Grüne heute Abend erneut, Bundestagskandidat für die CDU zu werden. Diesmal mit deutlich besseren Chancen als vor zwei Monaten in Biberach
Die ihn nicht mögen, schelten Oswald Metzger nach wie vor einen Wendehals, einen Populisten und Egomanen, der bereit sei, sein Geltungsbedürfnis mit Hilfe jeder Parteifarbe zu stillen, die ihm dafür geboten scheint. Im neu geschaffenen Bundestagswahlkreis Bodensee war das in den vergangenen Wochen nicht anders. Im innerparteilichen Wahlkampf der CDU um die Kandidatur für das Direktmandat, an dem sich nach und nach zehn Bewerber beteiligten, gab es manche Vorbehalte gegen den früheren, bundesweit bekannten Finanzexperten der Grünen.
Aber im Gegensatz zu seiner gescheiterten Kandidatur Anfang Juli im schwäbischen Biberach ist der Widerstand diesmal geringer. Auch deshalb, weil das Bewerberfeld zwar groß ist, aber von den Konkurrenten kaum einer überzeugte. Es fehlt ein starker Mann, der mutmaßlich den TV-Promi Metzger stoppen könnte, so wie der Landwirt und CDU-Kreisvorsitzende Josef Rief in Biberach einer war.
Riefs Ebenbild am Bodensee hätte Markus Müller sein können, der amtierende Vorsitzende der CDU im Bodenseekreis. Doch Müller, von dem alle sagen, er wäre bei der Nominierung durchmarschiert, wenn er nur gewollt hätte, gab vor der Sommerpause aus privaten Gründen auf – und stürzte seine Partei damit in Nöte.
Genüsslich registrierte im heimischen oberschwäbischen Bad Schussenried Oswald Metzger, der nach der verlorenen Nominierung in Biberach eigentlich angekündigt hatte, sich um keinen anderen Wahlkreis zu bemühen, wie sein Name wieder ins Spiel gebracht wurde. Es folgte eine Metzger’sche Charmeoffensive, der mittlerweile – mit wenigen Abstrichen – die bestimmenden Größen der CDU am Bodensee erlegen sind. Selbst der Kreisvorsitzende Markus Müller hat sich mittlerweile öffentlich für Metzgers Wahl stark gemacht: Der Ex-Grüne sei „eine Riesenchance“ für die CDU.
Andere örtliche Parteigranden äußersten sich ähnlich. Norbert Fröhlich, stellvertretender Ortsverbandsvorsitzender der CDU in Friedrichshafen, bekannte gar: „Ich habe Oswald bereits gemocht, als er noch bei den Grünen war.“
Natürlich gibt es Menschen, die das anders sehen, beispielsweise der CDU-Landtagsabgeordnete und frühere baden-württembergische Umwelt- und Verkehrsminister Ulrich Müller. Er ist von Metzgers Absichten entsetzt. Auch der Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff, der bisher noch den Bodenseekreis in Berlin vertritt, 2009 aber mit großer Sicherheit für den ebenfalls neu geschaffenen Wahlkreis Ravensburg antreten wird, mag sich mit dem Parteiwechsler nicht anfreunden.
Dabei kann allerdings auch Schockenhoff nicht leugnen, dass sogar eingefleischte CDU-Mitglieder die meisten der anderen Bewerber nicht gekannt haben, bevor sie auf der Kandidatenliste auftauchten. Als gewichtigste Herausforderer Metzgers bei der Abstimmung am Abend werden der Pressesprecher der baden-württembergischen Landes-CDU, Tobias Bringmann, und der Bürgermeister der Gemeinde Herdwangen-Schönach gehandelt. Wie Metzger haben sie aber bisher politisch in der Gegend keine Akzente gesetzt.
Am ehesten noch könnten Metzgers Kandidatur die traditionellen Animositäten zwischen Badenern und Württembergern im Weg stehen. Durch den Wahlkreis verläuft diese unsichtbare, aber wirkungsvolle Grenze. Ein Manko für den Württemberger Metzger.
Sein größter Vorteil besteht in der Zerrissenheit des Bodenseeraums. Die Region liegt in einem teilweise schizophrenen Kampf mit sich selbst. Da gibt es wirtschaftsstarke Unternehmen wie ZF, MTU, EADS oder Diehl, dazu eine Messe- und eine Flughafengesellschaft, denen große Teile Bevölkerung ihren Wohlstand verdanken. Aber eine andere Erwerbsgruppe, die sich durchaus auch in der CDU wiederfindet, betreibt Hotels, Restaurants und andere touristische Einrichtungen. Während die Firmen verzweifelt nach neuen Straßen und Gewerbegebieten verlangen, wollen die Touristikbetreiber ebenso vehement die Ursprünglichkeit der Region erhalten.
Der Ex-Grüne, der sich so ganz der Leistungsgesellschaft zugewandt hat, passt in diesen Zwiespalt aus Ökonomie und Ökologie prächtig hinein. Metzger weist nur zu gern darauf hin. Ein Politiker wie er sei doch bundesweit „ein tolles Beispiel für Schwarz-Grün“, kokettiert er. Speziell in Friedrichshafen, dem Zentrum des Wahlkreises, von dem einst die Zeppeline aufstiegen und das empfänglich ist für Versprechen von neuem Ruhm, hört man so etwas gern.
- Datum 19.09.2008 - 10:30 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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