Im Hause Mauthner, einer großbürgerlichen Villa in Wien, herrschte ein strenges Regiment. Der Tag begann in aller Regel zeitig. »Nur unnütze Menschen schlafen in der Früh«, pflegte der Hausherr zu sagen. Zu Mittag hatten die Schüsseln pünktlich auf dem Tisch zu stehen, wenn der Paterfamilias aus seiner Firma heim zum Essen kam, und während der Mahlzeit mussten die beiden Töchter schweigen, damit ihr Vater in Ruhe die Zeitungen studieren konnte.

In den Ferien packte der Getreidegroßhändler Fritz Mauthner seine Familie in die Mercedes-Limousine und bereiste die europäischen Kulturmetropolen. Man wohnte in den ersten Häusern und absolvierte täglich ein penibles und ermüdendes Besichtigungsprogramm. Von seinen Töchtern erwartete der Kaufmann Höchstleistungen. Sie waren verpflichtet, nur Vorzugszeugnisse aus dem Klostergymnasium der Schwestern vom armen Kinde Jesu nach Hause zu bringen, sonst wäre es vorbei gewesen mit dem eigenen Pferd und der Dressurreiterei, der Leidenschaft der Jüngeren. »Eines Tages werdet ihr sehen«, erklärte ihnen ihr Vater, »dass Arbeit nicht nur Pflicht, sondern auch Freude sein kann.«

»Ich bin spartanisch aufgewachsen«, erinnert sich Elisabeth Gürtler, die jüngere der Mauthner-Töchter. Trotz des herrschaftlichen Domizils, der Reisen, des Kindermädchens, der Köchin und des Chauffeurs habe sie nie das Gefühl gehabt, im Luxus groß zu werden. »Es war die Aufgabe unserer Mutter, uns zur Leistung zu zwingen.«

Ihre Schwester Maria ist heute eine resolute Rechtsanwältin, die auch die Geschäfte des ererbten väterlichen Betriebes, der schärfsten Konkurrenz für die Raiffeisen Agrargenossenschaften, führt. Elisabeth Gürtler selbst ist eine stadtbekannte Persönlichkeit und eine Säule der besseren Gesellschaft von Wien. Natürlich bezeichnet sie sich als »konservativ«. Ein Mensch, der Traditionen hochhält, Wert legt auf Umgangsformen und gepflegte Sprache und gerne von seinem »Bewusstsein für Ästhetik« spricht. Der alternative Schmuddellook ist ihr ein Dorn im Auge. Man dürfe sich nicht gehen, die Dinge nicht treiben lassen, meint sie. Sonst nehme das »Proletöse«, das »Primitive« Überhand. Im Leben zähle die Pflicht, und Pflicht, das ist ihr seit Kindertagen vertraut, sei »ein absoluter Wert«. Zur Pflicht zählt Disziplin. Sehr viel Disziplin.

Doch so einfach ist das nicht mit den konservativen Werten. Wenn Elisabeth Gürtler nach ihren Kreisen gefragt wird, sagt sie nur: »Das ist doch alles nur Fassade.« Sie weiß, wovon sie spricht. Neun Jahre lang organisierte sie den Opernball, seit 18 Jahren ist sie Chefin im Hotel Sacher samt der angeschlossenen Dependencen, einem Betrieb, in dem sich Wien als Epizentrum liebenswürdiger Eleganz versinnbildlicht. Neuerdings managt Elisabeth Gürtler auch die Spanische Hofreitschule, ebenfalls eine Institution, auf der tonnenschwerer Nimbus lastet. Überall begann sie behutsam zu modernisieren. Zum Schrecken der Denkmalschützer ließ sie das ehrwürdige Hotelgebäude hinter der Staatsoper aufstocken und erweiterte dadurch die Betriebsgröße zu höherer Rentabilität. Sie führte erstmals in dem Traditionshaus weibliches Personal im Service ein, und in der Männerdomäne der Stallburg sollen nun auch Reiterinnen die Chance erhalten, dereinst die edlen Lipizzanerhengste vorzuführen. Bereiterin, wie das schon klingt. »Du brichst eine 500 Jahre alte Tradition«, meinte eine Freundin vorwurfsvoll.

»Intelligente Konservative wissen herauszufiltern, was erhaltenswert ist«, sagt die Diplomkauffrau, die zu alle dem auch noch im Aufsichtsrat der Ersten Bank und im Generalrat der Nationalbank vertreten ist. Patriarchalische Strukturen zählt sie nicht dazu. Lebensentwürfe von anno dazumal ebenso nicht. »Eigentlich«, überlegt die stets distinguierte Hoteldirektorin, »gibt es nichts mehr, wo man sagen könnte, das müsse unbedingt so erhalten bleiben, wie es ist.«

»Das Problemder Konservativen liegt darin, dass sie Werte verkünden, die sie gar nicht einhalten können«, sagt Claus Raidl. Der 65-Jährige ist eine imposante Erscheinung, mitunter scharfzüngig, einer, der aus seinen Überzeugungen kein großes Geheimnis macht. Dann spricht er von der »katholischen Verlogenheit« in der Familienpolitik der Volkspartei, zu deren Ministerreserve er seit vielen Jahren zählt. Oder er stellt sich in der Gesamtschuldebatte offen gegen die Parteilinie: »Was an einer gemeinsamen Schule des Teufels sein sollte, weiß ich wirklich nicht.«