An einem Morgen des Winters1906/07 führt Henry Ford seinen Modellbauer Charles E. Sorensen ins Obergeschoss der Fabrik an Detroits Piquette Avenue: »Ziehen Sie hier eine Mauer ein, mit einer Tür, durch die ein Auto passt, und besorgen Sie ein gutes Schloss dafür. Wir fangen was ganz Neues an!«

So geschieht es. Und schon ein Jahr später nähert sich das geheime Werk der Vollendung. Noch sind Automobile überwiegend handwerklich gefertigte Spielzeuge für die Reichen. Henry Ford aber will einen Wagen für alle bauen, vor allem für die Farmer des Mittleren Westens. Von acht Amerikanern leben sechs auf dem Land, und für die müsse sein Modell T so einfach, so billig und so robust wie möglich werden. Aus dem Automobil, so schwebt es Ford vor, soll das Auto an sich werden.

Die Fords sind aus Irland eingewandert. Bei Dearborn in Michigan hat Henrys Großvater 15 Hektar Wald gerodet. Der Enkel repariert die Uhren der Nachbarschaft, baut auch selber eine, die sogar zwei Zeiten anzeigt. Er rechnet aus, dass er bei einer Tagesproduktion von 2000 den Stückpreis auf 30 Cent drücken könnte. Doch noch erschreckt ihn die Vorstellung, jährlich 600.000 Uhren absetzen zu müssen…

16 Jahre alt, geht er 1879 zu Fuß ins 13 Kilometer entfernte Detroit, um sich dort Arbeit in einer mechanischen Werkstatt zu suchen. Drei Jahre später kehrt er zurück nach Dearborn, hilft auf der Farm aus, bastelt Nützliches für sich und Freunde und heiratet 1888 Clara Bryant, ein Mädchen aus der Nachbarschaft.

Dann ist er wieder in Detroit. 27-jährig wird Ford Chefingenieur der Edison Company. Aufsehen erregt er mit einem Motorfahrzeug. Sein Eigenbau »Quadricycle« sieht aus wie zwei parallel zusammengeschraubte Fahrräder mit einer kleinen Sitzbank darauf; darunter rappelt ein 4-PS-Motor. Das Gefährt verkauft er für 200 Dollar, die er ins nächste Projekt steckt. Er findet auch Geldgeber für weitere Ideen, doch oft gibt es Streit: Sie wollen schnelles Geld, er will bessere, billigere Automobile.

Das hochbeinige Gefährt, das dann in der letzten Septemberwoche 1908 aus dem geheimen Zimmer in der Piquette Avenue rollt, erinnert noch stark an eine Kutsche. Und so soll es auch sein: robust und einfach wie ein Kutschwagen. Es hat vier hölzerne, 28 Zoll große Speichenräder an durchgehenden starren Achsen sowie quer liegende Blattfedern vorn und hinten; über Trittbretter sind die Sitze zu erklimmen. Vorn unter der Blechhaube steckt ein 4-Zylinder-Ottomotor, 2,9 Liter Hubraum, 20 PS bei 1600 Umdrehungen in der Minute, die über ein halb automatisches Planetengetriebe an die Hinterräder kommen. Auf guter Fahrbahn schafft der Wagen 67 Kilometer, doch mit dem kräftigen Durchzugsvermögen des Motors (112,5 Newtonmeter bei 900 Umdrehungen) bewältigt er selbst schweres Gelände, zieht sogar einen Pflug durch den Acker. 12 Liter verbraucht Modell T auf 100 Kilometern und kostet 850 Dollar.

Auf jede weitere Ausstattung wird verzichtet. Das spart Geld. Außerdem kann, was nicht da ist, nicht kaputtgehen. Das Modell T hat keinen Anlasser – unter dem Kühler ragt eine Kurbel heraus. Keine Wasserpumpe – nach dem Thermosiphonprinzip fließt das Wasser im Kühlkreislauf. Keine Batterie – in das Schwungrad ist eine Magnetzündung integriert. Keine Kraftstoffpumpe – wieder wird die Schwerkraft in Anspruch genommen: über dem Vergaser liegt der Tank (in dem auch der Alkohol schwappen darf, den sich der Farmer aus seinem Mais destilliert). Und kein Instrument am hölzernen Armaturenbrett – um den Tankinhalt zu schätzen, schneide man sich einen Peilstab vom nächsten Busch. Im Jahre 1910 verkauft Henry Ford bereits 34.528 Modell T, jetzt für nur noch 780 Dollar das Stück.