Wall Street

Hausbesuch beim Finanzkapital

Skrupellose Entscheider in verschworener Runde: Eine kleine Geschichte der Wall Street als Mythos in Film und Literatur

Der Kapitalismus hat eine Postadresse. Dahin kann man ihm schreiben, wenn man mit ihm unzufrieden ist. Sie lautet 11, Wall Street, New York 10005, New York. Briefe an diese Adresse landen zwar beim National Stock Exchange, einem vielleicht schon zu konkreten Empfänger. Aber die Adressaten werden wissen, wer gemeint ist; so wie Eltern, wenn sie die Briefe an den Weihnachtsmann zur Post bringen. Anderswo findet man den Kapitalismus nicht so leicht. Sein Versteck ist seine Abstraktheit. Und doch müssen wir ihn finden, denn es ist ja nicht einmal falsch und nur Konsequenz dieses Kinderglaubens an seine Lokalisierbarkeit, dass er für unsere Probleme verantwortlich ist.

Seriöse Kapitalismuskritik schlägt sich damit herum, diese Abstraktion an die Wand nageln zu müssen. Konkrete Feindbilder wurden mühselig von Populisten hinterhergetragen. Und wann immer die Karikatur von dem Zylinder tragenden, Bomben scheißenden Kriegstreiberunternehmer auch den Populisten zu anachronistisch wurde, gab es wenigstens einen empirischen Ort, von dem man raunen konnte, ebenjene Adresse im Süden Manhattans: die Wall Street. Hier wird ausbaldowert, was uns alle betrifft, hier sitzen skrupellose Entscheider in verschworener Runde und bereichern sich. Älterer Vulgärmarxismus, aber auch der Antisemitismus unterschiedlichster Provenienz hat sich bei diesem Bild immer wieder bedient. Schließlich dürfte es auch bei der Bestimmung der Anschlagsziele des 11. September eine Rolle gespielt haben.

Ressentiments und Ideologien sind nicht vor allem in der Sache falsch, sondern in der Denkform. Sie ersetzen durch simple Kausalität und den damit verbundenen Diskurs moralischer Schuld, was nicht nur viel komplexer ist, sondern vor allem anders. Dieser Schulddiskurs baut auf der Annahme auf, dass sichtbar großes Elend im Ergebnis immer auch auf große persönliche Macht und gezielt böse Absichten als Ursache verweist. Die seriöse Kritik des Kapitalismus wusste hingegen schon immer eines: Unter der Herrschaft des Wertgesetzes, das jegliches menschliches Tun dem Tauschwert unterwirft, kann man seinen Sinnen nicht einfach so trauen. »Es steht dem Werte nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Der Wert verwandelt vielmehr jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe.«

Diese zirkulierenden Hieroglyphen, von denen Karl Marx hier spricht, muss man entschlüsseln, man kann sie eben nicht als Gestalten der Alltagserfahrung zu verstehen versuchen. Es ist keine moralische Verworfenheit Einzelner, die die Verwertung des Wertes in die Welt gesetzt hat, sondern eine historische Entwicklung. Das soll nicht ausschließen, dass diese historische Entwicklung Fälle ganz außerordentlicher Verworfenheit hervorgebracht hat. An allen Ressentiments ist ja etwas dran, das sich von ihren Anhängern »beweisen« lässt. Aber mindestens verwechseln diese Ursache und Wirkung.

Damit kommen wir zur zweiten, moderneren Version der Wall-Street-Metapher. Wir begegnen ihr, seitdem die Wirksamkeit klassischer Kapitalismuskritik samt ihren populistischen Versionen an ein – vorläufiges – Ende gekommen ist. Die immer schon beliebte Verteidigungsrede des Unternehmertums, die in expressionistischen Bildern und steilen Argumenten mit dem Risiko des Geldbesitzers und Investors argumentierte, hat sich im Laufe der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu einer veritablen Abenteuergeschichte verselbstständigt. Der Banker und der Broker wurden in dieser Zeit in Literatur, Kino und Popmusik zu Nachfolgern der großen verbrecherischen Asozialen in avantgardistischer und surrealistischer Tradition. Wall Street war jetzt ein schillerndes System aus Restaurants und Exzessen, Maître d’s und Sadisten, Kunstgalerien und Kokainorgien. Seine Helden waren so bodenlose und zugleich spießige Monster wie der Aufsteiger-Marquis-de-Sade Patrick Bateman, den Bret Easton Ellis in American Psycho verewigt hat. Dämonisierung und Heroisierung der Wall Street waren in eine neue Runde geraten. Das ruchlose, aber alltägliche Eingehen von Risiken, die anderer Leute Geld betreffen und noch anderer Leute Produktionsleistung, wird als Folter- und Mordserie allegorisiert.

Die Helden sind der Börse ausgeliefert wie einem Naturgesetz

In den achtziger Jahren glaubte man aber das letzte Mal an so eine große Verschärfung. Abenteuerromane mit ebenso amoralischen wie leicht verblödeten und betriebsblinden Bankern und Brokern, wie sie auch das Hollywood-Kino in weniger drastischer Form damals produzierte, erzählten schon keine Entwicklungsgeschichten mehr. Weder in After Hours von Martin Scorsese noch in American Psycho ist irgendwer am Ende geläutert, soll irgendwer etwas gelernt haben. Mit Revolten ist schon gar nicht zu rechnen. Nach dem Exzess, der Überbewertung und Verschleuderung kommt allenfalls ein Kater, eine Rezession, dann wird es schon irgendwie weitergehen. Das System ist ein Loop, dessen zyklischer Regelmäßigkeit Wirtschaft – und Wirtschaftspolitik – ausgeliefert ist wie einem Naturgesetz. Heute halten es die Leute ja auch eher für vorstellbar, durch persönliche und politische Initiativen den Klimawandel beeinflussen zu können als die Organisation der wirtschaftlichen Verhältnisse. Dass die letzten Jahrzehnte tatsächlich ein Exzess privater Bereicherung gewesen sind, während Verluste munter verstaatlicht wurden, bis man sagen konnte, dass der Wohlfahrtsstaat nun beim besten Willen nicht mehr zu bezahlen ist, gilt nicht mehr als historischer, menschengemachter Tatbestand. Alles, was uns bleibt, ist bestenfalls milde nachregulierender oder auch präventiver Deichbau, wie der, den man betreibt, um der hurricane season zu trotzen.

Das Leben mit der ewigen Wiederkehr hat denn auch Esoterik und orientalisierende Attitüden in den letzten Jahren in der Banker- und Brokerwelt stärker werden lassen. Der größte nicht direkt an den Finanzmarkt angeschlossene Betrieb in der Wall Street ist ein esoterisches Edel-Fitnessstudio, in der Nähe blühen Health-Food-Shops. Ewige Zyklen von Tod und Wiedergeburt scheinen der Seele des Finanzmaklers plausibler als endgültige Passionen oder Apokalypsen. Hin und wieder muss man in die Karma-Qualität investieren. Wiedergeburt und ewige Wiederkehr sind populäre, lebensweltlich austapezierte Versionen der verbreiteten Vorstellung, es gäbe im Kapitalismus keine Geschichte mehr, nur noch Zyklen. Trübtassige, biomorphe Sequenzen von Hausse und Baisse schleppen sich durch posthistorische Jahrzehnte.

Dieser ratlose Fatalismus wird aber auf der anderen Seite durch die dezidiert atemlose Inszenierung der Krise selbst vervollständigt. Als das Genre für die Gegenwart mit dem legendären Schwarzen Freitag erfunden wurde, wurde das Bild von sich zu Tode stürzenden Bankrotteuren zum Emblem aller späteren Wall-Street-Dramen. Sie sind Erzählungen von großen Fallhöhen, von platzenden Blasen, von mit Hybris geschlagenen Überfliegern, denen es ganz recht geschieht oder hochtragisch zustößt, dass sie nun abstürzen. Die Wall-Street-Krise kommt immer dann, wenn Ikarus der Sonne, das heißt: einem bestimmten Wert auf dem Dow-Jones-Index zu nahe kommt. Diese Erzählung aber insinuiert, es gäbe den richtigen, den angemessenen Wert der Dinge. Demnach wäre entweder der Boden die harte Wahrheit des Wertes oder irgendeine vernünftige Mitte. Der Wert aber, so ist das im Kapitalismus, ist immer bodenlos.

Wie Damien Hirst von der Flucht in die Sachwerte profitiert

Es ist also nicht so, dass sich in der Krise das wahre Gesicht des Kapitalismus zeigt. Seine Wahrheit ist ja gerade die Normalität, mit der man seine halsbrecherische Grundlage, den Wert, als Natur zu akzeptieren gelernt hat. Die Krise ist eher dazu da, diese Normalität als ihr Anderes zu stärken. Unbewusst ist das den Einwohnern des Kapitalismus längst klar. Sie wissen, dass man nur durch permanente gute Laune, übertriebenen Enthusiasmus und grundsätzlich zwanzig Dezibel zu lautes Lachen den Wert hochhalten kann. Man muss glauben – an was immer gerade als wertvoll gehandelt wird. Sonst stürzt alles ein.

Die Pointe der aktuellen Situation ist sicher, dass mitten in der größten Krise ausgerechnet die traditionell als bodenloseste unter den Wertanlagen geltende bildende Kunst von der Flucht in die Sachwerte profitiert. Der notorische Damien Hirst hat dafür denn auch ein besonderes Mittel gefunden, diesen Umstand zu nutzen (oder zu persiflieren). Er appliziert echtes Gold auf sein unfassbar idiotisches goldenes Kalb und echte Diamanten auf einen Totenschädel. Er versucht ausgerechnet für die Kunstware zu erzwingen, was auch bei anderen Waren nicht geht, nämlich »dem Wert auf die Stirne zu schreiben, was er ist«. Manche Autoren beschrieben sein Auktionsspketakel als beißende Kritik am Kunstmarkt. So wie jede Hinrichtung auch eine Kritik an der Todesstrafe darstellt, oder? Aber das ist genau das Merkmal des zyklischen Denkens: Es kann prinzipiell zwischen der Ausführung einer Tat und ihrem distanzierenden Zitat nicht mehr unterscheiden.

Die Wall Street war aber auch schon zu den Zeiten Mittelpunkt einer Erzählung, als Marx sein in letzter Zeit viel zitiertes Bonmot ins Kommunistische Manifest schrieb, dass »alles Ständische und Stehende verdampft«. Herman Melvilles Erzählung Bartleby The Scrivener trägt den Untertitel A Wall Street Story. Bartleby, der unvernünftige Verweigerer, der, ohne für ein Ziel zu kämpfen, einfach nur grundsätzlich jede Aufgabe, die sein Chef ihm anträgt, mit den Worten »lieber nicht« (»I’d prefer not to…«) höflich ablehnt, ist in der letzten Zeit zur Chiffre einer letzten Negation geworden, unter anderem durch Bücher und Essays von Gilles Deleuze, Giorgio Agamben und diverse Filme und Theaterstücke. Eine Haltung, die sich nichts mehr auf Heldentum, Besserwissen, Ironie oder Handlung einbildet, sondern nur noch nicht mehr will. Bei Melville sind die Hochhäuser und die Geschäftigkeit der realen Wall Street, die abstrakten Tätigkeiten des Abschreibens von Verträgen stark herausgearbeitete Motive, mit denen die zunehmende Untätigkeit des Schreibers, die bis zu seiner körperlichen Selbstaufgabe geht, in Verbindung gebracht wird. Gegenüber einer sich in vermeintlich posthistorische Unausweichlichkeiten schickenden Menschheit, so könnte man die Bartleby-Konjunktur der postsozialistischen Epoche beschreiben, hat der Einzelne keine andere Wahl mehr als die Verweigerung jeglicher Vergesellschaftung. Aber auch das wäre ein Zitat, nämlich nicht nur der langsam verhungernden literarischen Figur, sondern auch der besinnungslosen Sprünge ins Nichts, die den Wall-Street-Mythos ausmachen.

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    • Von Diedrich Diederichsen
    • Datum 19.2.2009 - 12:02 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
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    • Schlagworte Kapitalmarkt | Finanzkrise | Film | Literatur
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