Lehrer »Ein schön schwerer Beruf«
Der Hamburger Landesschulrat Peter Daschner über das Lehrerklischee in den Medien, den Reiz des Berufs und das Selbstbild der Lehrkräfte
DIE ZEIT: Sind Sie eigentlich mit dem öffentlichen Bild Ihres Berufsstands zufrieden?
Peter Daschner: Umfragen zeigen, dass der Lehrerberuf hohe Anerkennung findet. Besonders angesehen sind Grundschullehrer. Insofern brauchen wir uns nicht zu verstecken. Trotzdem ärgere ich mich über das Klischee vom Lehrer als armem Würstchen, das oft von Medien transportiert wird.
ZEIT: Welches Bild fänden Sie treffender?
Daschner: Unterrichten und Erziehen sind eine große Herausforderung an Intellekt und Kommunikation. Man braucht Führungskraft, Empathie und die richtige Balance von Nähe und Distanz. Das Schöne an diesem Beruf: Im Prinzip weiß der Lehrer, dass er etwas Sinnvolles tut.
ZEIT: Warum reagieren Lehrer dann so sauer, wenn sie etwa beim Internetportal Spickmich von Schülern benotet werden?
Daschner: Manche nehmen es auch mit Humor. Aber keiner will öffentlich an den Pranger gestellt werden. Da bilden Lehrerinnen und Lehrer keine Ausnahme.
ZEIT: Aber die sind selbst schuld, denn die wenigsten Lehrer geben den Schülern die Möglichkeit, ihre Kritik direkt loszuwerden.
Daschner: Da ist etwas dran. Die Schwierigkeit und der Reiz des Berufs besteht für Lehrer ja gerade darin, die Schüler zu erreichen. Deshalb muss eigentlich jede Lehrkraft Interesse daran haben, herauszubekommen, inwiefern das gelingt. Feedback von den Schülern sollte nicht erduldet, sondern aktiv gefordert werden.
ZEIT: Warum geschieht das so selten?
Daschner: Manche trauen dem Urteil der Schüler nicht viel zu. Das ist aber empirisch widerlegt. Schüler sind Experten fürs Lernen – halt nicht jeder in jeder Stunde. Deshalb ermutigen wir Lehrer dazu, regelmäßig Rückmelde-Gespräche zu führen und in Abständen mit kleinen Fragebögen in die Klassen zu gehen und das Ergebnis gemeinsam auszuwerten.
ZEIT: Mit welchen Fragen?
Daschner: »Fühlst Du Dich über- oder unterfordert? Woran könnte es liegen? Passen die Methoden? Habe ich zu viel geredet? Bin ich gerecht?«
ZEIT: Aber Lehrer lassen sich augenscheinlich nicht gern in die Karten schauen. Nur selten werden Kollegen zu Hospitationen eingeladen, und kaum ein Schulleiter besucht den Unterricht.
Daschner: Im Zuge der regelmäßigen Beurteilung geschieht das sogar häufig. Außerdem fördern wir in der Aus- und Fortbildung kollegiale Hospitationen und Teamarbeit.
ZEIT: Mit welchem Erfolg?
Daschner: Gerade jüngere Lehrkräfte sind daran sehr interessiert.
ZEIT: Und die älteren? Die bilden die Mehrheit?
Daschner: Auch darunter gibt es viele, die dazulernen wollen.
ZEIT: Für einen Außenstehenden ist es trotzdem schwer zu begreifen, dass das in einem Berufsstand, der so stark auf Kommunikation basiert, nicht zur Normalität gehört.
Daschner: Das hängt mit dem Selbstbild vieler Lehrer zusammen.
ZEIT: Wie sieht das aus?
Daschner: Manche sehen sich als Experten für ihre Fächer, andere mehr als Sozial-Pädagogen. Aus der Unterrichtsforschung wissen wir, dass für erfolgreiches Lernen beides nötig ist. Der Anteil derer, die in die Beziehung zu den Schülern investieren, nimmt zu.
ZEIT: Woran merken Sie das?
Daschner: In Hamburg lernen die künftigen Lehrer im Referendariat den Umgang mit Schüler-Feedback. Und viele Schulen haben sich ihr Interesse am Urteil von Schülern und Eltern ins Leitbild geschrieben. Auch darüber hinaus gibt es mehr Rückmeldungen.
ZEIT: Welcher Art?
Daschner: Seit einiger Zeit gibt es in mehreren Bundesländern die Schulinspektion. Da besuchen Experten den Unterricht, sprechen mit Lehrern, Eltern und Schülern, machen sich ein Bild und geben Empfehlungen. Die Zufriedenheit der Schüler und Eltern mit der Arbeit der Lehrer ist auch hier übrigens viel größer, als viele denken.
ZEIT: Sie waren selbst einmal ein junger Lehrer, Anfang der Siebziger. Ist das vergleichbar?
Daschner: Ich sehe die heutigen Junglehrer positiver. Wir stürmten damals in die Schulen und wollten möglichst gleich die Gesellschaft mitverändern. Und trafen auf alte Kollegen, zu denen wir auf Konfrontation gingen.
ZEIT: Und heute?
Daschner: Die jungen Lehrer sind viel pragmatischer. Die kommen mit vielen neuen Ideen und Methoden und suchen die Zusammenarbeit mit den älteren Kollegen. Letztlich ist das Modell erfolgversprechender.
ZEIT: Es gibt also Hoffnung?
Daschner: Ja. Das Einzelkämpfertum wird mit der Zeit verschwinden.
ZEIT: Was macht Sie so optimistisch?
Daschner: Die Schulen werden zunehmend an Zielen gemessen und legen den Weg dahin selbst fest. Das zwingt die Kollegien zur Kooperation. Hinzu kommt die Ausweitung der Ganztagsschulen, die mehr Chancen für Erziehungsarbeit bieten – gemeinsame Regeln und Konsequenzen, feste Rituale. Dazu muss man am gleichen Strang ziehen.
ZEIT: Wird Lehrer also ein normaler Beruf?
Daschner: Es ist ein schön schwerer Beruf. Dazu brauchen wir die Besten.
Die Fragen stellte Thomas Kerstan
- Datum 26.09.2008 - 10:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
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Das der Lehrerberuf "schön schwer" ist, liegt - zumindest in Berlin- daran, dass von den Schulämtern ein intransparentes, feudalistisches System gepflegt wird, an dessen unterster Stufe der Lehrer steht. Jeder Referendar, der nicht die alle zwei Jahre wechselnde Terminologie der Musterstundenplanungen unreflektiert nachplappert, lernt das. Wer in einer Lehrprobe gar auf die Bedürfnisse und Tagesform der Klasse eingeht und damit vom vorgegebenen Entwurf abweicht, hat ganz verloren.
Mit Sparvorgaben bei Lehrmitteln (max. 3 Fotokopien pro Klasse und Halbjahr) werden in den Lehrerkollegien Mobbing-Wettbewerbe initiiert, und Lehrern, die sich über die Zustände an ihrer Schule beklagen, wird mit dienstrechtlichen Konsequenzen gedroht. Nach oben wird unterwürfigst Planerfüllung gemeldet - man steht ja im "Wettbewerb der Schulen". Wie kann es sein, dass in Berlin der Betrieb einer Hauptschule buchstäblich zusammenbricht und erst das Lehrerkollegium die Schießung der eigenen Institution fordern muss, bis das Problem mit ein paar lächerlichen, zusätzlichen Stellen angegangen wird? Befristet wohlgemerkt. In meinen Augen hat hier im Vorfeld Schönfärberei und Arbeitsverweigerung auf höchster Ebene stattgefunden, die Konsequenzen haben sollte, aber bisher nie hatte. Ganz zu schweigen über den "Pisaschock", den ja niemand vorhergesehen hat.
Erst wenn die engagierteren Lehrer die nötigsten Unterichtsmaterialien nicht z.T. aus eigener Tasche bezahlen müssen klappts auch mit "Führungskraft, Empathie und die richtige Balance von Nähe und Distanz". Dann erst sollten wir uns über Kritik und Bewertung nach oben und unten gedanken machen - im Moment herrscht mit unter strukturell bedingte Demütigung.
In Hamburg sind die Zustände natürlich nicht so... aber Ihre Umfragen, die "zeigen, dass der Lehrerberuf hohe Anerkennung findet." möchte ich schon mal gerne im Detail sehen, Herr Daschner.
Mit freundlichen Grüßen
Im Internet zu finden:
AST R.:Unser aller Sheriff
Vormittag, Alltag, Regentag, Brühwürfelmorgen für die Aktivierung des Kreislaufs! Trinkt der Vater mit seinem Sohne, aus Sympathie. Hilft dem Bertram auf die Beine.
Pitschnaß und mieskalt und schmutz-uselig ist's! Der angenehme Effekt "des warmen Goldes", das in den Herbstferien "fließen" konnte, ist schon verblaßt.
Ein O-Stud-Rat läßt sein Fahrrad im Keller, und geht zehn Minuten eher los, rechts die Tasche mit den Arbeiten zu Kästners "Fliegendem Klassenzimmer" in der Hand, links der Regenschirm.
Wie die Schüler sich morgens auf die Schule zubewegen, hat er schon lange nicht mehr beobachtet: ruhig, wie magisch dirigiert, kaum eine überflüssige Bewegung, keine Rempeleien.
Am Fahrradkeller ist nicht viel los. Heute fahren die Leutchen lieber mit dem Bus.
Wer sich trotzdem seine Hose auf dem Rad hat naß regnen lassen, darf sich in der ersten Stunde an die Heizung setzen.
Zuerst Deutsch in der 5, die Rückgabe der Arbeit; war ein Vergnügen, sie zu korrigieren; es gelingt mir, den Spaß weiterzugeben. Dann die lausige 9. Wo Peter es sich wieder einmal leistet, einen Beitrag eines Mädchens auszulachen. (Wie werden die Kollegen mit dem Kerl fertig?)
Dann: Klausur im LK Päd. 12. (Zwei Themen; ihre Verteilung: 3 zu 19, da könnte was schiefgelaufen sein...) In der Springstunde Vertretung in einer unbekannten 8: passend mit einem vergoldeten Ulmenblatt, das er sich vom Schulhof geholt hat, ein Herbstgedicht, nein, nicht von Rilke, sondern wieder mal von Kästner:
"Der Himmel ist kalt und weit.
Auf der Milchstraße hat's geschneit.
Man hört seine Schritte wandern.
als wären es Schritte von andern,
und geht mit sich selber zu zweit." (3. Strophe)
Den Titel "Exemplarische Herbstnacht" hat er erst mal weggelassen; die Strophen sind auf einer Kopie falsch angeordnet; in Partnerarbeit dürfen die Schülerinnen ihre Scheren zücken und einen Vorschlag zur sachlich-logisch richtigen Abfolge erarbeiten. Es klappt. Die weitere Arbeit kann der Deutschlehrer der Klasse übernehmen; er wird ihn in der Pause informieren und ihm das Arbeitsblatt geben.
Nach der 6. Stunde kommt er wieder am Fahrradkeller vorbei. Drei Mädchen aus der 10c, schon pitschnaß, ganz oben auf einer nicht sichtbaren Palme! Sie holen den Lehrer zu ihren Rädern. Die sind zusammengeschlossen mit einer rot-weißen Kette von etwa zwei Metern Länge, mit häßlich-dicken, unzerrreißbaren Gliedern und einem Kunststoffüberzug.
"Da habt ihr den Herrn G. wohl geärgert?"
"Ja, der Sheriff -!"
"Wer?"
"Unser aller Schulhofsheriff hat rumgemeckert, als er heute morgen an uns vorbeiging. Da blieb ihm wohl zu wenig Platz für seinen Prophetenbart."
"Aber die Markierung hier für die Außenständer, die könnt ihr doch berücksichtigen, wenn ihr die Räder abstellt? Na, wie war's?"
Helga gibt zu: "2 cm!" Helen spendiert noch 50 mm! Und Kirsten summiert: "Alles in allem höchstens neuneinhalb cm jenseits des Strichs!"
"Der Sheriff will erst nach der 7. Stunde die Kette aufschließen. Und wir haben doch jetzt frei!"
"Und warum das?"
Er habe jetzt eben Unterricht. Der gehe vor. "Verstehen Sie: Religion. Da erklärt er den Kids die Welt und wie man sich verhält aus lauter Nächstenliebe!" Und da wolle er in der Fünf-Minuten-Pause nicht gestört werden; habe er im Beisein des Direktors bekräftigt, bei dem sie sich schon beschwert haben.
"Jaja", nicke ich - und verschweige: Der Neue! So hat er sich schon eingeführt. Er will nicht Krach riskieren mit dem Stundenplan-Matador: Allroundkämpfer, mit der Zusatzqualifikation kath. Religion, Abteilung Werteorientierung und Vorbildfunktion.
Da kneift der Direx lieber. Aber die Kettenaktion hier ist unverschämt, keine Frage! Drei Kollegen gehen an uns vorbei zu ihren Autos auf den Parkplätzen, sie sehen nix.
Da schaut er, der stellvertretende Klassenlehrer der 10 c, die Straße hoch: 400 m weiter ist eine Tankstelle! "Wenn ihr euch da einen Bolzenschneider holt?"
"Oh, ja!" Helen dreht sich noch mal um, obwohl sie schon losgerannt ist, und droht mit dem Zeigefinger: "Dem Sheriff werde ich eine Abschiedsvorstellung liefern!!" Ich weiß, sie will mit der Mittleren Reife in ein paar Monaten abgehen.
"Aber, bitte nicht mit Dynamit!" Die Drei hören den Lehrer nicht mehr.
*
Nachmittags, Teepause und Telefon. Zwei Anrufe, nicht unerwartete: Helen erzählt ihm - mit Kichern, daß der Meister in der Tankstelle alle drei Tornister als Pfand da behalten habe, und, als sie den Bolzenschneider wieder abgaben, genau wissen wollte, welchen Unsinn sie denn da gemacht hätten. "Ich hab ihn angelogen. Es sei ein Scherz von unserem Klassendepp gewesen, an zwei zusammengeketteten Lehrerrädern!" [Helen! Wenn du aus dem Kindergarten aussteigen und doch noch zur Uni willst, fahr ich dich zur Anmeldung fürs erste Semester hin! Notfalls mach ich in der Schule blau. Versprochen!]
Und der Kollege G., kurz nach drei, entsteigt entsetzt dem Hörer: „Ihr Eingreifen! - Was müssen Sie sich da einmischen?"
Ja, da fühl -Apostroph - ich mich durchaus zuständig für die 10c. „Schauen Sie mal in Ihre Listen, wenn Sie das vergessen haben, mit den Klassenlehrern und deren Vertretern. Oder wollen Sie nur mit Rechtsanwälten sprechen? Und da haben die mich angesprochen. So - als Projektmethode, verstehen Sie mich? -, haben die sich selber helfen lassen. Im übrigen: Wenn Sie Schülern das Eigentumsrecht an ihren Rädern vorenthalten wollen, sind Sie eben dran. Und da gibt es für Sie keine Vorschrift aus der Hausordnung! Wovon Sie so gerne Gebrauch machen! Ein pädagogisch wertvoller Fall der Selbsthilfe. Hoch motivierend! Und zur Nachahmung empfohlen, wenn eine neue Kette fortzeugend immer Böses muß gebären!"
"Aber die Kette habe ich selber bezahlt. Da gab es keinen Topf für in der Schule!"
Als er noch erklären will, wie teuer die Kette war, verliert der Angerufene das Interesse.
*
Zwei Tage weiter erzählt ihm stolz und selbstgewiß Herr G., daß Brittas Mutter da war. Erst um sich zu beschweren wegen der beschlagnahmten Räder. Und die vernünftige Mutter habe, erklärt er mit überlegenem Lächeln, gesagt, als er beschrieb, wie sich Britta benommen habe: "Dann hat sie sich das ja selber zuzuschreiben! Was die in letzter Zeit ausheckt, seitdem ich ihr den Umgang mit ihrem Freund verboten habe!" Und von den zwei anderen Mädchen oder ihren Eltern habe er nichts gehört. "Wär ja auch noch schöner! Mischen sich in alles ein, die Eltern!"
Er ist zufrieden mit sich, der Sheriff des Schulhofs. Von der längerfristigen Drohung wurde er nicht unterrichtet.
Abwarten, Herr Magister! Oder auf die übliche Entschärfung bei Abhängigen durch die langen Laufzeiten setzen!
Aber Helen ist intelligent...
Die hat auch die PISA-Frage mit dem Bezinverbrauch für die Rennwagen auf der Drei-Kurven-Strecke richtig beantwortet. Ächt! Strong, dat Görl!
*
© by AST. Reyntjes - für Lese- und Bildungszwecke honorarfrei nachdruckbar
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