Wochenlang war das Spiel der chinesischen Zentralbanker in der Finanzkrise kaum sichtbar. Voll aus der Deckung gingen sie erst am vergangenen Freitag, als bekannt wurde, dass die staatliche China Investment Corporation mit Morgan Stanley wegen der Übernahme weiterer Anteile verhandelt.

China als Pleitegeier? Damit unterschätzt man den aufsteigenden Riesen. Die chinesische Zentralbank war von Anfang an ein entscheidender Spieler in der US-Krise. Leise zwar, aber auch knallhart. Direkt reden Spitzenkräfte des chinesischen Finanzsystems darüber nicht. Aber unter der Hand geben sie Hinweise, wo man die Indizien finden kann. Und wenn man sie gefunden hat, geben sie weitere Teile des Puzzles preis.

Die Geschichte beginnt mit zwei teuren Fehlern. Die Chinesen stiegen nicht bloß beim US-Finanzinvestor Blackstone ein, der seither kräftig an Wert verloren hat, sondern eben auch bei Morgan Stanley. Die zweitgrößte US-Investmentbank brauchte dringend Kapital, nachdem sie erste Milliardenverluste verbucht hatte, und die Chinesen waren sehr willkommen, als sie im Dezember vergangenen Jahres für rund zehn Prozent der Bank 5,5 Milliarden Dollar investierten. Eine Fehlinvestition, wie sich bald herausstellte. »Wir haben die Schwäche der USA unterschätzt, sonst hätten wir uns nicht an Instituten wie Morgan Stanley beteiligt«, sagt ein Zentralbanker heute. Das sei »ärgerlich«, aber »nicht dramatisch«.

Der zweite Fehler bestand darin, die Geschwindigkeit zu unterschätzen, mit der die US-Krise heranzog. In staatslenkerisch geprägter Haltung gingen die Chinesen davon aus, dass es der US-Regierung gelingen würde, den Kollaps zumindest bis nach den amerikanischen Wahlen hinauszuschieben. Und tatsächlich: Die beiden Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac hatten laut New York Times versucht, im Einvernehmen mit der Regierung die Verluste in den Bilanzen ins Jahr 2009 zu verschieben. Doch der Druck wurde zu groß. Die Vertreter der aufsteigenden Weltmacht China überschätzten den Spielraum der herrschenden Weltmacht.

Noch Mitte dieses Jahres waren die Chinesen beim späteren Pleitegespann Fannie Mae und Freddie Mac mit 376 Milliarden Dollar Kredit engagiert – also mit einem Fünftel ihrer gigantischen Devisenreserven von gut 1,8 Billionen US-Dollar. Im Juli allerdings wurde den Pekinger Gläubigern schlagartig klar, dass die US-Schuldner kurz vor der Pleite standen. Im Schatten der Olympischen Spiele erhöhten die chinesischen Zentralbanker daraufhin den Druck. Von Mitte Juli bis Anfang September fuhren sie ihre Beteiligungen merklich herunter. Hatten sie ihren Krediteinsatz etwa im ersten Halbjahr 2007 noch um durchschnittlich 22 Milliarden Dollar pro Monat erhöht, verringerten sie ihre Kredite allein in den Olympiawochen so leise wie möglich um 23 Milliarden Dollar. Die Japaner, die zweitgrößten ausländischen Gläubiger der beiden Hypothekenbanken, schlossen sich der Aktion an.

Wie eng haben die Chinesen mit den Japanern zusammengearbeitet? Darüber schweigen beide Seiten höflich. Dass die beiden mächtigsten Kreditgeber der Krise gemeinsam handelten, ist aber offensichtlich. Damit machten sie den USA klar: Das Maß ist voll. Das heikle Thema wurde auch angesprochen, als der amerikanische Präsident George W. Bush zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking die chinesische Führung traf. Die Chinesen redeten laut eigenen Aussagen nicht lange um den heißen Brei herum: Die Verbindlichkeiten sollten in staatliche Verantwortung übergehen, hieß ihre Forderung. Man darf annehmen, dass Bush bei der Eröffnungsfeier nicht nur wegen der Hitze schwitzte. Denn das Argument war handfest: Wenn ihr das nicht zurückzahlt, müssen wir noch mehr Dollar in Euro tauschen und damit die US-Währung leider weiter unter Druck setzen. Und: Wer soll euch denn in Zukunft noch Geld leihen, wenn wir keine Lust mehr haben?

Jeden Monat brauchen die USA rund 20 Milliarden Dollar Kredit