Interview mit den Coen-Brüdern "Wir wundern uns. Immer. Yeah!"Seite 4/4

ZEIT: Am Ende von Fargo sieht Frances McDormand als Polizistin kopfschüttelnd, wie ein Krimineller seinen Kompagnon in eine Häckselmaschine stopft.

Joel Coen: Yeah.

Ethan Coen: Yeah.

ZEIT: In No Country for Old Men steht Tommy Lee Jones kopfschüttelnd vor einem Leichenhaufen in der Wüste. Ist das ein Staunen über die Welt, wie sie ist?

Ethan Coen: Oh ja, wir staunen. Wir wundern uns. Immer. Die Menschen sind doch auch schrecklich…

Joel Coen: Staunen ist das richtige Wort. Genau das hat uns an Cormac McCarthys Buch No Country for Old Men so gefallen. Dieses tiefe Staunen darüber, wie die Welt immer weiter den Bach runtergeht. Aus diesem Buch spricht das Staunen eines alten Mannes, der sich die alten Fragen über Leben und Sterben, Sinn und Moral stellt. Er fragt sich, ob seine Verwunderung damit zusammenhängt, dass ihm die Welt durch die Erfahrung des Alters noch verwunderlicher vorkommt. Oder ob er staunt, weil die Welt womöglich immer schlimmer wird.

ZEIT: Ihre Filmfiguren staunen auch immer wieder über ihre eigenen Taten. Schon in Ihrem ersten Film Blood Simple ist Frances McDormand ganz überrascht, nachdem sie ihrem Verfolger das Messer in die Hand gerammt hat.

Ethan Coen: Yeah. Sie rammt es nicht nur in die Hand. Wenn das Messer drinsteckt, dreht sie es auch noch rum. (macht eine schraubende Bewegung)

ZEIT: In Burn after Reading ist George Clooney ganz perplex, nachdem er Brad Pitt im Schrank erschossen hat.

Joel Coen: Diese Szene… (lacht) Wir wollten… (lacht)

Ethan Coen: Wir finden die Szene so lustig, weil George Clooney vorher im Film sagt, er sei sich nur einer Sache in seinem Leben absolut sicher: dass er nie seine Waffe gebrauchen werde. Es gibt nichts Schöneres als eine Story, die feste Überzeugungen der Figuren über den Haufen wirft.

ZEIT: Mögen Sie Ihre Figuren eigentlich?

Ethan Coen: Yeah.

Joel Coen: Früher hat man uns oft vorgeworfen, zynisch zu sein. Das hat uns verwundert. Ja, wir mögen unsere Figuren.

ZEIT: Aber Sie ersparen ihnen nichts. Der einzige Mensch, der in Burn after Reading zur Liebe fähig ist, wird auch erschossen.

Joel Coen: Der Leiter des Fitnessstudios. Er liebt Frances McDormand. Er liebt sie wirklich von ganzem Herzen…

Ethan Coen: …und schau, was er davon hat.

Joel Coen: Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben.

Ethan Coen: Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.

ZEIT: Zum 50. Geburtstag der Filmfestspiele von Cannes haben Sie einen Kurzfilm gedreht. Darin gibt es eine kleine Utopie: Ein Cowboy geht irgendwo in Amerika ins Kino. Zufällig sieht er das Werk eines türkischen Cineasten. Einen langsamen Film über das Zerbrechen einer Ehe. Und er mag den Film.

Joel Coen: Der Film, den der Cowboy sieht, ist Climates von dem türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Wir haben ihn vor zwei Jahren gesehen und fanden ihn großartig.

Ethan Coen: Es ist eine schöne Vorstellung, dass ein Cowboy von diesem Film beeindruckt ist.

Joel Coen: Das Problem ist ja nicht, dass ein Cowboy den Film nicht verstehen könnte.

Ethan Coen: Das Problem ist, dass es in Amerika zu wenige Kinos gibt, in denen ein Cowboy einen türkischen Film sehen könnte.

Joel Coen: Es wäre schön, wenn amerikanische Cowboys türkische Filme sehen könnten.

Ethan Coen: Das wäre schön, yeah.

Joel Coen: Yeah.

Das Gespräch führte Katja Nicodemus

 
Leser-Kommentare
    • MDNL
    • 28.09.2008 um 9:24 Uhr

    tolles interview :D

  1. schon lange kein so humorlos geführtes interview mit kunstschaffenden gelesen.... muss man als journalist denn wirklich die eigene resignation so deutlich heraushängen lassen?

    drei haare am kopf sind relativ wenig, drei haare in der suppe relativ viel.

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