JOEL COEN:(gähnt und streckt sich)

DIE ZEIT: Es ist nicht so motivierend, von einem Regisseur angegähnt zu werden.

Joel Coen: Sorry, das ist der Jetlag. Nehmen Sie’s nicht persönlich.

ZEIT: Jeder weiß, dass Sie keine Interviews mögen. Und Journalisten mögen Sie auch nicht.

ETHAN COEN:(zu seinem Bruder) Sieh nur, was du uns eingebrockt hast. Wie kommen wir jetzt da wieder raus?

Joel Coen: Manchmal frage ich mich, warum es immer noch Journalisten gibt, die uns treffen wollen.

ZEIT: Weil es manchmal zu unserem Beruf gehört, uns auch für die Schöpfer eines Werks zu interessieren. Auch wenn es den Schöpfern nicht passt.

Joel Coen: Wir sind gerade dabei, unseren nächsten Film zu drehen. Und wir fliegen den ganzen Weg nach Venedig über den Atlantik, um hier in einem fensterlosen Raum über einen Film zu sprechen, den wir vor einem Jahr gemacht haben. Aber mein Kopf ist bis oben voll mit Fragen zu unserem neuen Film, an dem wir gerade in Minnesota arbeiten.

Ethan Coen: Ich würde gerne noch etwas zu unserem Problem mit Journalisten sagen. Journalisten sind seltsame Menschen. Sie haben immer vorgefasste Meinungen über unser Kino als Gesellschaftskommentar. Wir sehen unsere Filme aber nicht in solchen Kategorien. Also weigern wir uns, über gesellschaftliche Fragen zu diskutieren. Das macht den Journalisten schlechte Laune. Sie denken, wir würden ihnen etwas verheimlichen. Sie finden uns ungezogen.

Joel Coen: Die Leute sehen unser Kino immer durch das gleiche Prisma. Leider ist das oft nicht so interessant.

ZEIT: Wie soll man Ihr Kino denn sehen?

Joel undEthan Coen:(gleichzeitig) Als Kino.

ZEIT: Was heißt das?

Ethan Coen: Man könnte einfach bei den Figuren und der Handlung des Films bleiben. Bei der Grundidee.

ZEIT: Was ist die Grundidee Ihres neuen Films Burn after Reading?

Joel Coen: In Burn after Reading gibt es die beiden Washington-Insider, gespielt von George Clooney und John Malkovich. Und zwei Schwachköpfe, die im Fitnessstudio arbeiten, gespielt von Frances McDormand und Brad Pitt. Frances braucht unbedingt Geld für eine Schönheitsoperation.

Ethan Coen: McDormand und Brad Pitt versuchen, den ehemaligen CIA-Agenten Malkovich zu erpressen. Mit einer CD seiner Insider-Memoiren, die zufällig in ihre Hände geraten ist.

Joel Coen: Aber leider erweist sich die CD mit den geheimen Daten als völlig harmlos. Weil Malkovich nur Müll aufgeschrieben hat. (lacht)

Ethan Coen: Eigentlich sind alle Figuren Schwachköpfe. (Beide lachen)

Joel Coen: Auch die CIA-Agenten, die alle überwachen, sind Schwachköpfe. Die Idee war, einen Spionagefilm zu drehen, bei dem alles, was ausspioniert wird, völlig wertlos ist.

Ethan Coen: Bei diesem Film ging es um die Choreografie des Drehbuchs. Um das Manövrieren der Charaktere, die sich umkreisen und an einem bestimmten Punkt zusammenkommen.

ZEIT: Der amerikanische Fitness- und Schönheitswahn, die Unfähigkeit der CIA – warum sollte man sich als Journalist dazu nicht ein paar kulturkritische Gedanken machen?

Joel Coen: Für solche Interpretationen haben wir Tilda Swinton mit nach Venedig gebracht.

ZEIT: Könnte man sich darauf einigen, dass Sie eher Filme über die Klischees und Mythen machen, die die amerikanische Gesellschaft produziert, als über die amerikanische Gesellschaft selbst?

Ethan Coen: Welche Klischees und Mythen meinen Sie?

ZEIT: Dass man Geld haben muss, um glücklich zu sein. Dass man eine Schönheitsoperation braucht, um sich schön zu fühlen. Dass der Kalte Krieg immer noch nicht zu Ende ist.

Ethan Coen: Für viele Amerikaner ist er ja wirklich noch nicht zu Ende.

ZEIT: In Burn after Reading will Frances McDormands Fitnessclub-Angestellte die CIA-Informationen an die Russen verkaufen. Sie geht zur russischen Botschaft in Washington. Dieser Betonwürfel sieht aus, als sei er von Stalin und Chruschtschow gemeinsam entworfen worden. Und es arbeiten nur zwei Leute darin. Das ist die Illustration eines Mythos.

Joel Coen: Wir haben uns die echte russische Botschaft in Washington angeschaut. Da drinnen darf man natürlich nicht drehen. Man hat uns aber erlaubt, eine kleine Tour durch die Botschaft zu machen.

Ethan Coen: Es arbeitet wirklich kaum jemand da drin. Aber im Film sollten es noch weniger Leute sein. Die Aura der Macht entsteht durch die Leere.

Joel Coen: Wir fanden unsere russische Botschaft dann in der Bronx, in New York. Es ist ein Gebäude des Bronx Community College. Das Haus hat genau die brutalistische Betonarchitektur, die wir uns vorgestellt hatten. Und es ist der echten russischen Botschaft gar nicht unähnlich. Es ist die Karikatur des Klischees der sowjetrussischen Architektur.

Ethan Coen: Es sieht so aus, wie sich Frances McDormands Filmfigur die russische Botschaft vorstellt. Diese Fitnessclub-Angestellte ist so von ihrer Schönheitsoperation besessen, dass sie sogar ihre Angst vor den Russen überwindet.