Igor Strawinsky hatte eine witzige Art, sich verständnislos zu zeigen. Kaum hatte er seine Psalmensinfonie dirigiert, beeilten sich die Zuhörer, ihm ihre religiösen Gefühle vorzubeten und ihn nach seinen zu fragen. In seiner Chronique de ma vie notierte er einen gewaltigen Seufzer: »Wenn diese Leute doch lernen wollten, die Musik um ihrer selbst willen zu lieben!« Und fügte hinzu: »Die Leute konnten sich nicht erklären, was mich getrieben hatte, die Sinfonie aus einer Gesinnung heraus zu komponieren, die ihnen völlig fremd war.« Strawinsky wollte für eine Sinfonie, zu der er einen Auftrag aus Boston bekommen hatte, einfach einen ungewöhnlich großen Apparat bedienen. Und er wollte die gute alte Form vor die Hunde jagen, denn er fand in ihr »nicht viel, was mich hätte reizen können«.

So entstanden zwischen 1930 und 1945 drei Sinfonien, die alle unter dem unauffälligen Dach einer traditionsreichen Gattung ihr kurioses Eigenleben führten. In der Psalmensinfonie entwickelte Strawinsky archaische kontrapunktische Modelle und zertrümmerte die Psalmentexte, als hätte er sie in einem Steinbruch gefunden und nicht in der Heiligen Schrift. In der Sinfonie in C begann er, harmonische Zentren, an die der Titel gemahnte, polytonal zu verschleiern; so klingt das Werk an einigen Stellen, als habe es Joseph Haydn mit 150-jähriger Verspätung komponiert. Und in der Sinfonie in drei Sätzen arbeitete Strawinsky mit kleinen Intervallen als Keimzellen, aus denen er das Stück in ausgefuchster Methodik entwickelte. Um später zu verkünden: »Das Werk ist im Aufbau naiv.«

Es steckt virtuoser Anspruch in diesen Kompositionen, ein bisschen Jazz, wie mit dem Besen der Klassiker zusammengefegt, etwas Rossini-Witz und der typische Strawinsky-Sound: raffiniert ausgehörte Bläserakkorde, struppige Streicher, winklige Metren, antiromantischer Gestus. Diese Werke benötigen ein superbrillantes Orchester und einen Dirigenten, der das Formale bändigt und im Detail die Kostbarkeiten ausbreitet. Wir haben uns angewöhnt, Strawinskys eigene Aufnahmen mit ihren rohen Gebärden für Gesetzestafeln zu halten, doch jetzt kommen die Berliner Philharmoniker und der Rundfunkchor Berlin unter Simon Rattle und putzen ihren Strawinsky so liebevoll-hinreißend heraus, dass der Komponistenfürst Igor gestaunt und dann gewiss ein missmutiges Dekret erlassen hätte: So schön nun auch wieder nicht!

Doch, genau so!, möchte man ausrufen. Rattle dosiert die Frechheiten dieser neoklassischen Musik und stellt sie doch ungeniert aus. Er putscht ihren Puls so auf, dass die Musik schnell zu atmen, zu tanzen, zu swingen beginnt. Den Kopfsatz der Sinfonie in drei Sätzen hat man selten so rassig gehört, er klingt zum einen nach Hollywood, zum anderen nach Ritual. Immer gibt Rattle der Musik eine Dosis mehr Würze mit, als man erwartet. Er ist hungrig nach ihr, sie schmeckt ihm gut. Drive-in bei Igor – schnell, nahrhaft, fürstlich.

Igor Strawinsky: Psalmen-Symphonie, Symphonie in C, Symphonie in drei Sätzen; Berliner Philharmoniker, Ltg.: Simon Rattle; EMI 2076300