Die holiday season umfasst in den USA die Zeit vom Laubhüttenfest und Erntedanktag bis Chanukka und Weihnachten. In dieser Zeit fahren auch die Disney-Productions die Ernte ein, und das tun sie mittlerweile fast ausschließlich mit digitaler Animation. Die einzige Ausnahme bei den diesjährigen Holiday-Filmen ist Beverly Hills Chihuahua, eine kläffende Parabel über Klassengegensätze zwischen mexikanischen Chihuahuas und denen, die in Beverly Hills aufwachsen. Hollywoods Kinderfilme bieten ja immer auch sogenannte Denkanstöße für die begleitenden Erwachsenen. Es sind nur noch ganz bestimmte Kinder, die in Begleitung ihrer Eltern in der holiday season ins Kino geschleppt werden wie unsereins einst ins Weihnachtsmärchen: nämlich die aus der schrumpfenden urbanen Mittelschicht. Werden deren Eltern nicht gleichzeitig ein bisschen erbaulich mit unterhalten, merkt man das an der Kinokasse.

Die Männlichkeit des Helden liegt zwischen E. T. und Heinz Rühmann

Animation heißt heute nicht mehr Abstraktion von der Realwelt und Zuspitzung auf Effekte, wie es der klassische Zeichentrickfilm zu bieten hatte. Animierte Bilder sind inzwischen oft genauso hoch aufgelöst wie real gefilmte, nur dass sie keine Abbilder mehr einer realen Welt zeigen. Unter all den Ameisen und Fischen, Ratten und Riesen, die die computeranimierten Blockbuster in den letzten Jahren bevölkerten, stellen die Roboter allerdings eine besondere Spezies dar, sie sind sozusagen meta-animiert. Nicht nur die Darstellung, auch das Dargestellte ist bei ihnen immer schon fantastisch. Daher bieten sie die Gelegenheit, dass sich das Genre auch über sich selbst Gedanken machen kann. Wall-E tut das, auch wenn er auf den ersten Blick nur eine haarsträubend sentimentale Liebesgeschichte zwischen dem Titelhelden, einem männlichen, schrabbeligen Schrottroboter aus Rostmetall (dessen Männlichkeit irgendwo zwischen E. T. und Heinz Rühmann angesiedelt ist), und Eve, einer eleganten Höhere-Tochter-Roboterin im iPod-Design, erzählt (deren Weiblichkeit eher von Keira Knightley und Natalie Portman inspiriert ist).

Zwei antagonistische Schauplätze entsprechen diesen geschlechtsspezifisch identifizierten Stadien des technischen Fortschritts. Die erste Hälfte spielt auf einer von ihren Bewohnern verlassenen Erde, auf der der letzte Roboter seit 700 Jahren den Job erledigt, die herumliegenden Zivilisationsspuren einzusammeln und zu großen Wolkenkratzern aus Kompaktmüll aufzutürmen. Die zweite Hälfte zeigt, wie sich die geflohenen Erdbewohner diese 700 Jahre vertrieben haben, nämlich als intergalaktische Kreuzfahrtpassagiere in einer von Murakami-Videos und minimalistisch blitzenden Apple-Design inspirierten, von gleißenden Bild-Effekten überstrahlten Raumschiffwelt. Diese Menschen sind zu rosa Fettklößen regrediert, deren Skelett sich zurückentwickelt hat. Ihr schlaffes Fleisch wird auf schwebenden Liegestühlen von Lüstlein zu Lüstlein geschleppt. Nur die prächtig animierten Roboter haben rund um die Uhr hektisch zu tun und sausen vital auf mehrspurigen iStraßen durch das planetengroße Raumschiff. Von hier wurde Eve, der eiförmige weibliche Roboter im MP3-Player-Format, losgeschickt, nach Leben zu suchen.

Überspringen wir mal den blöden Gender-Plot, dass sie eine Topfpflanze vom Schrottplatz Erde in ihren Bauch stellt und sie dann – unansprechbar, auch für ihren neuen Freund Wall-E – bebrütet, weil Frauen halt so sind, wenn sie schwanger sind. Dafür wird die alte Kamelle vom Aufstand der Roboter erfrischend anders erzählt. Hier entsteht, nicht wie sonst immer spontan und ex nihilo, Gerechtigkeitsempfinden. Wie bei Hegel und Marx entwickelt sich aus der tätigen Auseinandersetzung mit der Welt das Bewusstsein. Wer nämlich – wie Roboter – nichts anderes im Kopf hat, als einen Befehl auszuführen, kommt im Gegensatz zu den Menschen, denen alle intentionalen Zustände beim Konsumieren abhanden gekommen sind, zwangsläufig mit der Wirklichkeit in Kontakt.

Noch die einfachsten Befehle werden durch diesen Kontakt kompliziert und paradox. Da hilft nur denken: Wall-E etwa muss sich die Beschaffenheit des Mülls, den er zu stapelbaren Kuben pressen muss, genau ansehen, um eben seine Aufgabe zu erfüllen. Dabei kann er nicht anders, als Unterschiede zwischen den Dingen zu gewahren. Also archiviert er alles, was ihm dabei auffällt, entwickelt Kategorien und wird schlau. Eve, die nur weiß, dass sie brüten und die Resultate bei der privatisierten Weltregierung abliefern muss, wird schlau, als sie, um die Brut zu schützen, auch den Rest der Welt vor Unbill bewahren muss, darunter Wall-E.

Das Chaos unseres Müllplaneten zu pixeln ist allerhöchste Kunst