Poker »Am Spieltisch sind Emotionen Luxus«

Deutschlands erfolgreichste Pokerspielerin über ihr Verhältnis zum Geld, ihre Risikobereitschaft und ihre Strategien gegen Männer

DIE ZEIT: Pokerspieler nennen Sie ehrfurchtsvoll »Lady Horror«. Sie spielen, um zu gewinnen. Und Sie gewinnen. Woran messen Sie Ihren Erfolg?

Katja Thater: In Geld. Pokerspielen ist ein Business, also geht es um Geld. Das ist mein einziger Antrieb. Ich schlafe bestimmt nicht besser, weil ich irgendwen besiegt habe. Das tun viele, ich tue das nicht – ich sehe das ganz abstrakt. Vielleicht bin ich als Frau eine der wenigen im Poker-Business, die nicht so denken.

ZEIT: Sie sind nicht stolz darauf, einen guten Gegenspieler zu besiegen?

Thater: Das ist alles Teil der Strategie und des Marketings am Tisch. Mein Ziel ist es, Geld zu verdienen. Um dieses zu erreichen, sind bestimmte Tools nötig, und die setze ich auch ein. Viele Männer machen sich einen Sport daraus, mich geradezu erlegen zu wollen. Die wollen meinen Kopf über ihrem Nachtschrank haben. Das ist falsche Eitelkeit, und die führt meist nicht zum Erfolg. Ich habe diesen Drang gar nicht. Ich spiele wirklich gern Poker, aber wenn ich mich an den Tisch setze, mache ich das meistens nicht, weil ich gerade Lust dazu habe, sondern weil es ein Job ist. Mein Job. Natürlich freue ich mich, wenn ich einen Bluff perfekt durchziehe. Aber da geht es mir um die Jetons, die in der Mitte liegen und auf meine Seite gehen, und darum, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich bin ja eher risikoavers, ich versuche, mein Risiko im Auge zu behalten, genau zu wissen, was ich tue.

ZEIT: Fürchten Sie das Risiko?

Thater: Das unüberschaubare Risiko. Ich bin bereit, Risiken einzugehen, das bringt mein Beruf so mit sich. Aber mich allein vom Glück abhängig machen, das würde ich nicht tun. Das hat aber gar nichts damit zu tun, dass ich Angst habe, Jetons über die Linie zu schieben, ganz im Gegenteil. Ich versuche einfach, mir der Risiken bewusst zu sein, mir zumindest im Klaren darüber zu sein, dass es auch nach hinten losgehen kann.

ZEIT: Frauen falle es leichter, sich geschlagen zu geben, haben Sie mal gesagt.

Thater: Da habe ich mich auf die Machotypen bezogen. Ich habe keine Probleme damit, meine Karten wegzuwerfen. Aber es gibt bestimmte Männer, die sehen sich speziell bei einer Gegnerin nicht in der Lage, sich auf den Rücken zu legen. Die ahnen eigentlich schon, dass sie ins Verderben rennen, aber sie sehen es einfach nicht ein.

ZEIT: Und wenn Ihre Gegner genauso kaltblütig sind wie Sie…

Thater: …ein Albtraum, ich verlasse sofort den Tisch. Weil ich ja einen Vorteil haben will. Wenn ich merke, die Gegner sind stärker oder genauso stark, dann setze ich mich doch nicht acht Stunden da hin.

ZEIT: Sie schulen Schweizer Banker im Risikomanagement, was erzählen Sie denen?

Thater: Das verrate ich nicht, ich will meine Botschaft ja noch verkaufen, aber es ist schon so: Seitdem Poker ein bisschen transparenter für die Gesellschaft geworden ist, haben viele Leute begriffen, dass der Pokerspieler der Inbegriff der Wirtschaftlichkeit ist.

ZEIT: Was braucht man denn in beiden Branchen, am Pokertisch und am Finanzmarkt?

Thater: Es geht um Kaltblütigkeit und darum, dass das Geld in dem Moment kein Geld mehr sein darf, wenn man sich entschlossen hat, es zu investieren. Es ist Munition. Geld darf nicht die Gedanken blockieren, man darf nicht daran hängen.

ZEIT: Es gibt das sprichwörtliche ängstliche Geld, das scary money. Erklären Sie, warum es gefährlich ist, damit zu spielen?

Thater: Beim Poker sind Emotionen Luxus. Wenn Sie mit Angst im Nacken am Pokertisch sitzen und Ihre Gedanken eigentlich darum kreisen, dass die Miete noch nicht bezahlt ist, die Exfrau noch Geld will und nichts mehr im Kühlschrank ist, befinden Sie sich in einer sehr schlechten Ausgangsposition. Dann wird man emotional, und das sollte man beim Pokern tunlichst vermeiden.

ZEIT: Wie setzen Sie das Risiko und den möglichen Gewinn ins Verhältnis?

Thater: Die Lage ändert sich ja mit jeder Setzrunde, und es ist immer eine Rechnung mit Unbekannten. Man muss sehr, sehr schnell eine neue Analyse starten und entscheiden, ob es sich jetzt noch lohnt zu investieren. Ich schätze die Karten meines Gegners ein, und dann betrachte ich meine eigene Situation. Beim Poker kann man ja immer selbst zu jedem Zeitpunkt neu entscheiden, man wird nie gezwungen, dabeizubleiben. Als ob man an der Börse den Markt beobachtet. Dann muss man abwägen: Trenne ich mich jetzt von meinem Geld, oder habe ich schon so viel investiert, dass ich einfach das Restrisiko – wie hoch ist dieses Restrisiko? – trage und bis zum blutigen Ende gehe? Die Wahrscheinlichkeiten habe ich ja im Kopf. Wenn ich also sehe, mein Gegner liegt 70 Prozent vorne, kann ich dennoch entscheiden, dass es sich für mich noch lohnen kann, dabeizubleiben.

ZEIT: Wahrscheinlichkeiten kann man auswendig lernen. Aber welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, um erfolgreich zu pokern?

Thater: Man muss sich selbst im tiefsten Inneren anschauen und fragen können: Welche Eigenschaften habe ich, kann ich das, überfordere ich mich vielleicht – und zwar ohne zu schummeln, weil das einen dann wirklich umbringt. Wahrscheinlich kann ich so selbstbewusst sein, weil ich weiß, dass ich ehrlich zu mir bin. Und dazu bringe ich die gesunde Mischung mit aus einer Affengeduld auf der einen und Aggressivität auf der anderen Seite. Ich kann mich stundenlang schlecht behandeln lassen, ohne dass es mich wirklich berührt. Aber andererseits kann ich in der nächsten Sekunde die Keule rausholen, und dann spritzt Blut. Poker ist ja nichts anderes als stundenlange Langeweile und dann sekundenlanger Terror. Und dann muss man hundertprozentig da sein.

ZEIT: Wie trainieren Sie Ihr eigenes Verhalten am Tisch?

Thater: Ich selber bin von Haus eher ein dominanter Typ, ein Alphatierchen, das strahle ich auch aus. Trainieren musste ich also, wie ich beispielsweise Leute in die Irre führen kann, wie ich so tue, als sei ich klein, doof und blond. Das hat bei mir in den ersten Jahren sehr gut funktioniert, heute leider nicht mehr so. Jetzt probiere ich etwas anderes, aber das verrate ich natürlich nicht. Allerdings: Bei manchen funktioniert das Blondchen noch immer. Das ist ja für mich super. Wenn ich das merke, falle ich sofort in die Rolle zurück und ziehe meinen Vorteil daraus.

ZEIT: Wie schätzen Sie Ihre Gegner ein?

Thater: Menschenkenntnis gehört natürlich dazu, aber auch ein Schubladensystem, gerade wenn man einen Gegner noch nicht kennt. Die Schubladen reichen von den Sugardaddys, die mir einfach nichts tun wollen, bis hin zu den Supermachos, die sich an mir profilieren wollen. Ich habe für jeden eine Strategie.

ZEIT: An der Börse spielt man ja nicht gegen einen Einzelnen, sondern gegen eine anonyme Masse…

Thater: …aber es geht doch auch da um Informationen, auf deren Grundlage man sich für eine Strategie entscheidet. Wenn ich weiß, was mein Gegner für ein Typ ist, habe ich doch schon Informationen gesammelt. Und an der Börse würde ich mir auch so viele Informationen wie möglich besorgen – natürlich –, anders kann man ja nicht risikoavers arbeiten.

ZEIT: Sie haben beim Kartenspiel viel Geld verdient. Legen Sie es selbst an, oder machen das Profis für Sie?

Thater: Das machen meine Eltern.

ZEIT: Noch nie an der Börse gezockt?

Thater: Nein.

ZEIT: Haben Sie sich schon mal überlegt, ob Ihnen das Spaß machen würde?

Thater: Es würde mir Spaß machen.

Das Gespräch führte Carolyn Braun

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 27.09.2008 um 21:37 Uhr

    wie der sonnige Morgen, nach einer langen schwarzen Nacht

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    • Anonym
    • 28.09.2008 um 2:49 Uhr

    Vorsicht vor diesen lieblichen Frauen, wenn sie merken, dass man sie unwiderstehlich findet, haben sie die Seele des Mannes schon im Würgegriff. Erst einmal alles aus gebührender Entfernung betrachten.
    MfG Orpheus13437

    • Anonym
    • 28.09.2008 um 2:49 Uhr

    Vorsicht vor diesen lieblichen Frauen, wenn sie merken, dass man sie unwiderstehlich findet, haben sie die Seele des Mannes schon im Würgegriff. Erst einmal alles aus gebührender Entfernung betrachten.
    MfG Orpheus13437

  1. Wenn ein Mann nur ein wenig hübscher als der Teufel ist, sieht er bereits gut genug aus.

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    Meinen Sie Jack Nicholson?

    Meinen Sie Jack Nicholson?

  2. Meinen Sie Jack Nicholson?

    Antwort auf "Mann-o-mann"
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    Nein, ich meine Fritz Teufel.
    Jener Mann, der sich vor gut 35 Jahren erst nach mehrfacher Aufforderung des Richters von seinem Angeklagtenschemel erhob mit den Worten: "Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient".

    Nein, ich meine Fritz Teufel.
    Jener Mann, der sich vor gut 35 Jahren erst nach mehrfacher Aufforderung des Richters von seinem Angeklagtenschemel erhob mit den Worten: "Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient".

  3. ich wär auch ´n sugardaddy. während mein herz wegen ihrer alphahaften anmutung aus dem rhythmus kommt, wuerd ich die karten voll(?) vergessen :)
    aber kartenspiele interessieren mich als kappatierchen zum glück nicht...

    • Anonym
    • 28.09.2008 um 2:49 Uhr

    Vorsicht vor diesen lieblichen Frauen, wenn sie merken, dass man sie unwiderstehlich findet, haben sie die Seele des Mannes schon im Würgegriff. Erst einmal alles aus gebührender Entfernung betrachten.
    MfG Orpheus13437

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    Sie ist lediglich höchst konzentriert , denkt analytisch und es geht ihr um die Sache. Und wenn die Herrschaften nicht sachlich bleiben könnten - tja, selber schuld. :-)

    Einen Suggardaddy zu täuschen fällt dem Herz wohl schwieriger als einen lächerlich rumgockelnden Macho. Aber selbst der Suggardaddy ist oft bloss ne Masche, also... was soll's. ;-)

    Etwas 'echter' Börsenerfahrung würde ihrer Glaubwürdigkeit aber doch nicht schaden.

    Grüße
    Messala
    -------------------------------------

    "Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
    W. Allen

    Sie ist lediglich höchst konzentriert , denkt analytisch und es geht ihr um die Sache. Und wenn die Herrschaften nicht sachlich bleiben könnten - tja, selber schuld. :-)

    Einen Suggardaddy zu täuschen fällt dem Herz wohl schwieriger als einen lächerlich rumgockelnden Macho. Aber selbst der Suggardaddy ist oft bloss ne Masche, also... was soll's. ;-)

    Etwas 'echter' Börsenerfahrung würde ihrer Glaubwürdigkeit aber doch nicht schaden.

    Grüße
    Messala
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    "Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
    W. Allen

  4. sind Schubladen bedienende Goldkinder am verdreckten Spieltisch finster-modrig-androzentrischer Schaltzentralen männlich-defizitärer Glücksvorstellungen.

  5. Nein, ich meine Fritz Teufel.
    Jener Mann, der sich vor gut 35 Jahren erst nach mehrfacher Aufforderung des Richters von seinem Angeklagtenschemel erhob mit den Worten: "Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient".

    Antwort auf "Der Teufel?"
  6. Sie ist lediglich höchst konzentriert , denkt analytisch und es geht ihr um die Sache. Und wenn die Herrschaften nicht sachlich bleiben könnten - tja, selber schuld. :-)

    Einen Suggardaddy zu täuschen fällt dem Herz wohl schwieriger als einen lächerlich rumgockelnden Macho. Aber selbst der Suggardaddy ist oft bloss ne Masche, also... was soll's. ;-)

    Etwas 'echter' Börsenerfahrung würde ihrer Glaubwürdigkeit aber doch nicht schaden.

    Grüße
    Messala
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    W. Allen

    Antwort auf "Vorsicht!"

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  • Quelle DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
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