"Ich wusste gar nicht", sagte jemand, als neulich der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann überall rezensiert und diskutiert wurde, "dass Celan mit dem Messer auf seine Frau losgegangen ist." Ja, das wird wohl leider so gewesen sein, aber muss man das wissen? Muss man wissen, ob und wie der große Wolfgang Koeppen unter dem Alkoholismus seiner Frau gelitten hat, muss man wissen, wie vollkommen banal der große Franz Kafka sich verhielt, als ihm die Liebschaft mit der jungen Julie zu viel wurde? Man muss nicht, aber man weiß es jetzt.

Wir leben in einer Zeit, deren wachsende Wissbegier auf Intimes und Privates von einem wachsenden Fundus an Zeugnissen, Briefen, Tagebüchern gestillt wird; und Wissenschaftler ebenso wie Journalisten beeilen sich, jeden Winkel der scheinbar oder wirklich prominenten Person auszuforschen. Noch nie hat es so viele und voluminöse Biografien gegeben wie heute, und das liegt nicht nur an dem oft subventionierten Fleiß der Autoren, sondern auch an der – verglichen mit früheren Zeiten – komfortablen Quellenlage. Im nächsten Jahr feiern wir Edgar Allan Poes 200. Geburtstag, und wer sich an das Studium seines Lebens macht, wird voller Überraschung (und auch mit einer gewissen Freude) bemerken, dass es vor allem in Poes Kindheit und Jugend jede Menge weißer Flecken gibt, die der Leser mit eigenen Fantasien und Spekulationen ausfüllen kann. Wahr ist allerdings, dass die biografische Neugierde den Kern der Sache, nämlich das literarische Werk, oft verfehlt. In der Literatur ist die Versuchung immer groß, Text und Leben kurzzuschließen, was bei manchem Schriftsteller zu nichts Gutem führen kann. Da sind die Freunde der Musik weit besser dran: Hier führt vom Leben kein Weg zum Werk.

Das verbreitete Interesse aber an Menschen und ihren Geschichten, das vor allem in den Medien grassiert, ist nur scheinbar ein Interesse am Menschlichen. In dem Wunsch, alle Probleme, alles Politische, alles Begriffliche zu personalisieren, steckt ein zwanghafter Reduktionismus, der das Humane ans allzu Menschliche verrät. In Milan Kunderas Roman Die Identität betrachtet Jean-Marc den Büstenhalter der abwesenden Chantal, voller Rührung und auch Eifersucht, denn es gibt Anzeichen dafür, dass sie ihm etwas verbirgt, und er fragt sich: "Was ist ein intimes Geheimnis? Liegt darin das Individuellste, das Eigentümlichste, das Geheimnisvollste eines Menschen? Nein. Geheim ist das Allgemeinste, das Banalste, das Repetitivste und allen Eigene: der Körper und seine Bedürfnisse. Wenn wir diese Intimitäten schamhaft verbergen, so nicht, weil sie derartig persönlich sind, sondern im Gegenteil, weil sie so beklagenswert unpersönlich sind."

Angewendet auf die Literatur, wäre der Gedanke so zu fassen: Das biografistische Interesse ist letzten Endes ein Irrweg, der das Persönlichste des Autors dort sucht, wo es gar nicht liegen kann: im beklagenswert Allgemeinen, das er mit vielen Zeitgenossen oder Leidgenossen teilt, wie etwa die Angeberei und Prahlsucht Poes oder die depressiven Verstörungen und Verfolgungsängste Celans. Das Persönlichste, Intimste des Autors ist nichts anderes als der literarische Text.