Gern zeigte er sich auf der Terrasse des Landtmann, des noblen Cafés im Schatten des Burgtheaters. In seiner silbernen Limousine ließ er sich wie ein Staatsmann vorfahren. Gäste blickten über den Rand ihrer Zeitung, sie wollten sehen, mit wem er sich hier wohl trifft. »Schau«, hörte man sie murmeln, »der Dichand!« Hans Dichand, Herausgeber der Kronen Zeitung, ist der mächtigste Mann Österreichs: 3,8 Millionen Menschen lesen sein Blatt, dabei gibt es nur acht Millionen Österreicher. Springers Bild würde 40 Millionen Leser und zehn Millionen verkaufte Exemplare brauchen, um ähnlich einflussreich zu sein.

In letzter Zeit wurde Dichand im Landtmann nicht mehr gesehen. Er sei gestürzt, vermeldeten die Zeitungen. Ein Raunen ging durch die Stadt, als ob der letzte Kaiser hingefallen wäre, so kurz vor der Wahlschlacht am Sonntag. Jetzt residiere er wieder in der Chefetage der Krone, 16. Stock, Blick über Wien, und lese die geliebten deutschen Weltblätter, sagt eine Vertraute. Der 87-Jährige sei guter Dinge, wenn auch manchmal etwas verwirrt. Seine Macht aber ist größer denn je.

Soll die Marillenmarmelade zu »Marillenkonfitüre« werden? Niemals!

Hans Dichand hat die Wahlen mit einer beispiellosen Anti-EU-Kampagne geprägt – und er hat die österreichischen Sozialdemokraten auf seine Seite gezogen. Wenn sein Kandidat, der neue SPÖ-Chef Werner Faymann, gewinnt, so die Lektion für Europa, dann lohnt sich der Aufstand gegen Brüssel – und nicht der Anstand. Deshalb avanciert dieser Wiener Wahlkampf und die Geschichte des zügellosen Zeitungsmachers Hans Dichand zu einem europäischen Thema. Ein einzelner Medienzar kann einen ganzen Kontinent in Geiselhaft nehmen. Werner Faymanns erste Amtshandlung als Parteichef war es, gemeinsam mit dem Noch-Kanzler Alfred Gusenbauer einen Brief an den »sehr geehrten Herausgeber« Dichand zu verfassen. Nicht weniger als eine 180-Grad-Wende in der heimischen EU-Politik versprachen die beiden Spitzenpolitiker dem alten Fuchs, noch ehe sie die Parteigremien oder gar den Koalitionspartner ÖVP davon informierten. Jeder EU-Vertrag, der wesentliche Auswirkungen auf Österreich hat, solle künftig nach irischem Vorbild dem Volke vorgelegt werden. Auch die von der Wirtschaft herbeigesehnte vorzeitige Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osten werde nicht kommen, versicherten die SPÖ-Granden und hofften auf Hans Dichands Gunst. »Es reicht!«, polterte darauf Wilhelm Molterer, der etwas biedere ÖVP-Chef, und kündigte Anfang Juli die glücklose Große Koalition. Sogar die Genossen gingen auf Distanz. »Die Haut eines Aals ist rau« im Vergleich zu dem glatten und geschmeidigen Politiker Faymann, klagte ein SPÖ-Abgeordneter. Als Marionette Dichands karikierte ihn die Presse.

Doch all das schadete Faymann nicht. Im Gegenteil: Der farblose, bis vor Kurzem eher unbekannte Infrastrukturminister gewann die Zuneigung des Volkes – dank der Unterstützung von »Onkel Hans«, wie Faymann den Zeitungsmacher seit Jugendtagen angeblich nennt.

Faymann und Dichand kennen einander seit Langem. Sie machten gemeinsam Urlaub in Italien, sie frühstücken gelegentlich in Cafés. Dichand förderte Faymann schon, als der noch Obmann der mächtigen Mietervereinigung war. Den Lesern der Krone durfte er Tipps und Tricks gegen mächtige Hausherrn geben. Als Faymann zum Wohnbaustadtrat avancierte, schlossen die beiden sogenannte Medienkooperationen in denen der Politiker persönlich die neuesten Sozialwohnungen des Roten Wien anpreisen durfte – per Inserat bezahlt von der Stadt Wien. Die Nähe war so groß, dass das Gerücht ging, Dichand sei Faymanns Vater. Der Alte dementierte das, allen Ernstes, per Leitartikel.

Onkel Hans, so scheint es, steht nun im Begriff, sein letztes politisches Ziel zu erreichen. Für Europa könnte er bald eine ähnliche Rolle spielen wie der Ire Declan Ganley, jener Rüstungsmilliardär, der sein Land trotz ökonomischen Booms zu einem Nein gegen Europa aufwiegelte . Sollte es zu einem neuen EU-Vertrag kommen, die Sozialdemokraten würden ihn einem Volk vorlegen, das laut Eurobarometer so EU-feindlich gestimmt ist wie kein anderes.