DIE ZEIT: Herr Heller, trotz des Wahlkampfes haben Sie Abstand davon genommen, so wie früher das politische Geschehen zu kommentieren. Hat sich Ihr Engagement aufgebraucht?

André Heller: Was ich hierzulande an politischen Entwicklungen wahrnehme, macht mich traurig und ratlos. Eine Partei, für die sich mein Herz oder mein Verstand engagieren möchte, ist mir leider nicht bekannt.

ZEIT: Sie haben vor zwei Jahren Ihren Freund Alfred Gusenbauer sehr aktiv unterstützt. Als sein Wahlsieg feststand, erschienen Sie in der SPÖ-Zentrale, waren bester Laune, strahlten Optimismus aus. Was lief dann schief?

Heller: Das war der schöne Augenblick, wo jemand, den man mag und gut kennt, die Chance erhält, in immerhin einem der zehn reichsten Länder der Welt manche der gemeinsamen Qualitätsträume in der rauen Wirklichkeit auf ihre Statik zu überprüfen. Aber, wie heißt es im Wienerlied: »Das Glück is ein Vogerl, schön lieb, aber scheu, es lässt sich schwer fangen, aber fortg’flogen ist’s glei.«

ZEIT: Gusenbauer ist nicht zu einem Volkskanzler geworden, wie es ihm vorschwebte. Der Enthusiasmus der ersten Stunde war rasch verbraucht. Hat er die Aufgabe unterschätzt? Sich überschätzt?

Heller: Beleuchten wir diese interessante Figur. Er kommt aus armen Verhältnissen. Der Vater war Maurer, die Mutter Putzfrau, und der Sohn wird mit unbändigem Willen ein brillanter Intellektueller und der wahrscheinlich umfassend gebildetste Kanzler der Zweiten Republik. Er kann zum Beispiel aus dem Stegreif zu den schwierigsten Themen in Französisch, Spanisch, Italienisch und Englisch substanzielle Reden halten und hat während seiner Regierungszeit noch begonnen, Russisch zu lernen. Er ist ein manischer Reisender und kennt die Welt und viele ihrer Nuancen. Er liebt engagiert die Künste, aber er konnte es nicht schaffen, die Herzen der Österreicher und jene in seiner eigenen Partei inmitten eines beispiellosen medialen Mobbings seiner Person zu erobern.

ZEIT: Er muss doch auch etwas nachhaltig falsch gemacht haben?