Tarifverhandlungen »So viel Druck wie nie«

Deutschlands wichtigster Wirtschaftszweig, die Metall- und Elektroindustrie, steuert auf eine ungewöhnlich schwierige Tarifrunde zu.

Die Gewerkschaftsspitze, meint Andreas Wullenkord, »wollte die Forderungen dämpfen, aber der Druck ist zu stark«. Wullenkord arbeitet als Ausbilder beim Bielefelder Maschinenbauer Gildemeister. Seit mehr als zwanzig Jahren engagiert sich der gelernte Elektromeister in der IG Metall. Er kennt die Tarifrituale, sagt: »Natürlich übertreiben alle – die Arbeitgeber warnen, das zarte Pflänzchen Konjunktur sei in Gefahr, und wir behaupten, alles wäre prima.« So ähnlich wird auch diesmal argumentiert, und doch ist etwas anders. »So viel Druck an der Basis«, sagt Wullenkord, »habe ich noch nie erlebt.« Die Stimmung sei aufgeheizt, die Kollegen erwarteten, dass die Gewerkschaft kämpfe.

Acht Prozent mehr Lohn, lautet die Forderung, die der Vorstand der IG Metall am vergangenen Dienstag beschlossen hat. Es ist die höchste Zahl seit 16 Jahren, die sich die Gewerkschaft auf ihre Fahnen schreibt. Und das heißt, wie IG-Metall-Chef Berthold Huber bereits mehrfach betont hat: Am Ende muss auch ein hoher Abschluss herauskommen. Damit steuert Deutschlands wichtigster Wirtschaftszweig, die Metall- und Elektroindustrie mit ihren rund 3,6 Millionen Beschäftigten, auf eine harte Tarifrunde zu. Denn während die Gewerkschafter mehr Geld herausholen wollen als in den vergangenen Aufschwungjahren, erwarten die Unternehmen das Ende des Booms. Sie befürchten Stagnation und sinkende Gewinne. Vor allem bereitet die amerikanische Finanzkrise Sorgen, bei der niemand vorhersagen mag, wieweit sie noch die weltweite Konjunktur erschüttern wird. »In der Weltwirtschaft wird es ständig brenzliger«, klagt Martin Kannegiesser, Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, »und die IG Metall tut so, als ob wir noch mitten im schönsten Aufschwung wären.«

In Wahrheit zeigte sich Gewerkschaftsboss Huber bereits vor zwei Wochen gegenüber Journalisten durchaus nachdenklich: »So schwierig war es noch nie, die Konjunktur einzuschätzen.« Gleichzeitig betonte Huber, an der Basis würden Forderungen erhoben, wie er sie selbst früher kaum zu formulieren gewagt hätte. Der Hauptgrund für die hohen Erwartungen: Noch ist in vielen Betrieben von einer Abschwächung nichts zu spüren.

Bei Gildemeister etwa, dem Hersteller von Werkzeugmaschinen, für den Andreas Wullenkord tätig ist, läuft das Geschäft auf Hochtouren. »Wir arbeiten bereits seit drei, vier Jahren in zwei Schichten«, sagt Wullenkord, »außerdem wird samstags gearbeitet, manchmal auch am Sonntag.« Den Mitarbeitern sei schon angst und bange geworden, weil die Firma so viele Aufträge angenommen habe. »Wenn das jetzt nachlässt, wäre das eine Normalisierung.« Bisher prognostiziert das Unternehmen aber noch Rekorde: Der Auftragseingang soll in diesem Jahr erstmals die Zwei-Milliarden-Euro-Marke überschreiten, der Jahresüberschuss um über 50 Prozent steigen. Keine Spur von Krise.

Die Metallindustrie insgesamt war im vergangenen Jahr rentabel wie lange nicht – die Nettoumsatzrendite lag mit 4,2 Prozent so hoch wie zuletzt 1970. Gemessen an diesem historischen Erfolg fiel die letzte Lohnerhöhung eher bescheiden aus. Auch das treibt jetzt die Erwartungen in die Höhe. Dabei gibt es durchaus Alarmsignale in einigen Bereichen. Bei den Autoherstellern zeichnet sich eine Wachstumsdelle ab, im Textilmaschinenbau – Deutschland ist hier führend – droht bereits Kurzarbeit. »Wir erleben den schwersten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg«, sagt Fritz Mayer, Geschäftsführender Gesellschafter der Karl Mayer Textilmaschinenfabrik in Obertshausen. Im vergangenen Jahr mussten seine Mitarbeiter noch Überstunden leisten, jetzt reicht die Arbeit nur noch für eine Viertagewoche.

Der Textilmaschinenbau ist – relativ – klein, beschäftigt etwa 21.000 Menschen, und seine Krise lässt sich keineswegs auf andere Branchen übertragen. Dennoch zeigt das Beispiel, wie schwer es werden könnte, die hohen Erwartungen der Beschäftigten mit den Interessen der Unternehmen zum Ausgleich zu bringen, wenn die Konjunktur sich weiter abschwächt.

 
Leser-Kommentare
  1. und er ist wohl von allen Beteiligten so gewollt. Ansonsten könnten sie auf ganz naheliegende Ergebnisse kommen: Wie zum Beispiel wäre es mit dem Inflationsausgleich als laufende Lohnerhöhung und einer kräftigen Einmalzahlung für die in der Vergangenheit gemachten Gewinne? Die Firma hat Gewinne um fünfzig Prozent steigern können? Na super! Einmalzahlung von fünfundzwanzig Prozent des Jahresgehaltes für alle Beschäftigten wäre eine schöne Beteiligung. Und sie würden sich bestimmt mit einer moderaten Lohnerhöhung wie oben vorgeschlagen begnügen. Da hätte das Pflänzchen der Konjunktur noch viel Sonne zum Sprießen. Aber so etwas muss man ja wollen - auf beiden Seiten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Inflationsausgleich + 25% Gehaltssteigerung (in diesem Beispiel)
    Dann wäre aber der Gewinn hinterher nie und nimmer 50% sondern wesentlich geringer.

    Ein durchschnittliches Unternehmen hätte mit 5% Gewinn und 3% Inflation eine Lohnkostensteigerung von jährlich 5,5% zu kämpfen.

    Da muss ich Ihnen schon recht geben, dass wäre wirklich eine schöne Beteiligung. Nur muss man sich dann auch nicht wundern, wenn man vor lauter schönen Beteiligungen auf einmal mit einer betriebsbedingten Kündigung auseinandersetzen muss.

    Wie wäre es, wenn man dann gleich (aus Sicht des Unternehmers) gerechterweise bei Verlusten den Arbeitnehmer auch zur Verantwortung zieht? Aber das geht dann bestimmt auch wieder nicht, oder?

    Ein Arbeitnehmer sollte sich in einem symbiotischen Verhältnis zu seinem Arbeitgeber befinden und nicht als Parasit, der seinen Ernährer so lange aussaugt, bis dieser zusammenbricht und der Parasit dann selbst verhungert.

    Viele Grüße
    duelist

    Inflationsausgleich + 25% Gehaltssteigerung (in diesem Beispiel)
    Dann wäre aber der Gewinn hinterher nie und nimmer 50% sondern wesentlich geringer.

    Ein durchschnittliches Unternehmen hätte mit 5% Gewinn und 3% Inflation eine Lohnkostensteigerung von jährlich 5,5% zu kämpfen.

    Da muss ich Ihnen schon recht geben, dass wäre wirklich eine schöne Beteiligung. Nur muss man sich dann auch nicht wundern, wenn man vor lauter schönen Beteiligungen auf einmal mit einer betriebsbedingten Kündigung auseinandersetzen muss.

    Wie wäre es, wenn man dann gleich (aus Sicht des Unternehmers) gerechterweise bei Verlusten den Arbeitnehmer auch zur Verantwortung zieht? Aber das geht dann bestimmt auch wieder nicht, oder?

    Ein Arbeitnehmer sollte sich in einem symbiotischen Verhältnis zu seinem Arbeitgeber befinden und nicht als Parasit, der seinen Ernährer so lange aussaugt, bis dieser zusammenbricht und der Parasit dann selbst verhungert.

    Viele Grüße
    duelist

  2. am Mehrwert, der durch ihrer Hände Arbeit erwirtschaftet wurde. Punkt.

    __________________________________________________________________

    Bürger, sei wachsam!

  3. Inflationsausgleich + 25% Gehaltssteigerung (in diesem Beispiel)
    Dann wäre aber der Gewinn hinterher nie und nimmer 50% sondern wesentlich geringer.

    Ein durchschnittliches Unternehmen hätte mit 5% Gewinn und 3% Inflation eine Lohnkostensteigerung von jährlich 5,5% zu kämpfen.

    Da muss ich Ihnen schon recht geben, dass wäre wirklich eine schöne Beteiligung. Nur muss man sich dann auch nicht wundern, wenn man vor lauter schönen Beteiligungen auf einmal mit einer betriebsbedingten Kündigung auseinandersetzen muss.

    Wie wäre es, wenn man dann gleich (aus Sicht des Unternehmers) gerechterweise bei Verlusten den Arbeitnehmer auch zur Verantwortung zieht? Aber das geht dann bestimmt auch wieder nicht, oder?

    Ein Arbeitnehmer sollte sich in einem symbiotischen Verhältnis zu seinem Arbeitgeber befinden und nicht als Parasit, der seinen Ernährer so lange aussaugt, bis dieser zusammenbricht und der Parasit dann selbst verhungert.

    Viele Grüße
    duelist

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service