Deutschland Die Grenzen der Satire
Für seinen Kinofilm »Heimatkunde« hat der ehemalige »Titanic«-Chefredakteur Martin Sonneborn Berlin umwandert und den Leuten über den Gartenzaun geschaut

© titanik.filmverleih GbR
Martin Sonneborn bei der Kontaktaufnahme mit der einheimischen Bevölkerung
DIE ZEIT : Herr Sonneborn, für Ihren ersten Film haben Sie Berlin umwandert, 250 Kilometer in vier Wochen. Sind Sie wirklich die ganze Strecke zu Fuß gegangen?
MARTIN SONNEBORN : Fast. Die erste Etappe habe ich schwimmend zurückgelegt – von Berlin nach Potsdam durch die Havel. Damit bin ich wohl der Erste, der von West nach Ost geschwommen ist. An der Glienicker Brücke bin ich dann losgelaufen, dort, wo zu DDR-Zeiten gescheiterte Spione ausgetauscht wurden.
ZEIT : Hauptstadtumrundung statt Jakobsweg – wieso kommen Sie erst so spät auf den Wandertrend?
SONNEBORN : Generell finde ich diesen ganzen Wanderquatsch sinnlos. Ich sitze eigentlich lieber im Café und lese Zeitung. Für den Film habe ich eine Ausnahme gemacht. Erstens weil es Unmengen an Geld dafür gab und zweitens weil ja auch ein Erkenntnisinteresse dahinterstand. Wir wollten herausfinden, was sich für neues Leben im Zonenrandgebiet entwickelt hat und wie es aussieht. Meine Hauptaufgabe war es, mit den vorgefundenen Lebensformen zu sprechen, nicht zu wandern. Dabei wurde ich von einem Kamerateam begleitet, und es sind insgesamt 57 Stunden Filmmaterial entstanden.
ZEIT : Was macht den Marsch entlang der ehemaligen Grenze so interessant?
SONNEBORN : Man sieht so herrlich schöne kaputte Sachen aus der DDR. Das unterscheidet Berlin von anderen Städten mit gepflegtem, hochlangweiligem Umland. Es gibt dort Teppich- und Tapetenmuster, die uns im Westen nicht zugänglich waren, von den Speisen mal ganz abgesehen. Ich habe in Pensionen übernachtet, da waren Tapeten, Bettwäsche und Zimmerluft noch aus der DDR.
ZEIT : Die Luft?
SONNEBORN : Ja, es gab diesen typischen DDR-Geruch, so eine Mischung aus Reinigungsmitteln, Kohleöfenemissionen und ich weiß nicht, was noch. Das hat mich an meine ersten Zonen-Eindrücke erinnert. Ich bin als Student wenige Monate nach dem Mauerfall nach Berlin gezogen und habe dann ein Praktikum beim Eulenspiegel gemacht, dem ostdeutschen Humormagazin. In Berlin-Mitte konnte man damals tun und lassen, was man wollte. Wir haben oft bei verlassenen Häusern die Türen eingetreten, um uns die Wohnungen anzuschauen. Die waren zum Teil noch komplett möbliert, das Geschirr stand auf dem Tisch, so als wären die Bewohner nur kurz zum Bäcker gegangen und nicht »nach drüben«. Da hat es auch so gerochen.
ZEIT : Und was für ein Leben hat sich nun im Grenzgebiet entwickelt?
SONNEBORN : Mitten in der Hauptstadt verliert man leicht den Blick dafür, was für ein skurriles Leben es nur ein paar Kilometer entfernt gibt. Gleich zu Beginn meiner Wanderung begegnete ich einem nackten Cabinet-Zigarettenraucher auf einer baufälligen Eisenbahnbrücke. Einmal stand mitten im Wald ein Mann herum, der mit seinem – mir völlig unbekannten – Gott Joshua über seine Probleme sprach: »Ich bin verheiratet, habe eine Frau und zwei Kinder, mein Dasein ist sinnlos.« Dann habe ich noch an abendlichen Tankstellenzusammenkünften von Halbstarken mit tiefergelegten Autos teilgenommen oder einen Baumschulenbesitzer aus Bayern kennengelernt, der allein mit 750000 Pflanzen und seinem Pitbull haust.
ZEIT : Wenn Sie die Leute über Gartenzäune und durch Hecken ansprechen, sich selbst zum Kaffee einladen und in fremden Pools baden, erinnert das ein wenig an die Aktionen von Borat oder Michael Moore. Was reizt Sie so daran, Menschen zu überrumpeln?
SONNEBORN : Wir zwingen ja niemanden in diese Situation. Die Leute sehen doch, dass wir mit der großen Kamera anrücken. Aber viele drängen sich förmlich in die Öffentlichkeit. Bei der Arbeit für die Titanic habe ich festgestellt, dass es sich oft lohnt, wenn man Leuten einfach eine Bühne gibt. Da werden Einstellungen, Probleme oder Tabus auf eine so komische Art formuliert, wie man sie sich in dieser Form gar nicht ausdenken könnte.
ZEIT : Über die »Zone« haben Sie sich als Titanic- Redakteur und Vorsitzender von »Die Partei« des Öfteren lustig gemacht. Sind Sie bei Ihren Gesprächen unterwegs zu neuen Einsichten gekommen?
SONNEBORN : Mich hat überrascht, wie wenig junge Leute darüber Bescheid wissen, was die DDR war. Eine Vierzehnjährige sagte, es war das bessere System. Ihre Freundin meinte, nein, »DDR, das war wie Krieg«. Bei den Alten gab es viele, die die alten Zeiten glorifizierten. Einer freute sich auch nur, wie einfach das Umziehen damals war. Die Plattenwohnungen hatten oft fast den gleichen Schnitt, da konnte er seine Auslegware einfach mitnehmen. In seinen Augen war das ein Riesenvorteil des Systems.
ZEIT : Sie haben auch Westdeutsche getroffen, die nach der Wende ins Berliner Umland gezogen sind. Was suchen die im Osten?
SONNEBORN : Freiheit! Das sagte mir ein Musterhausverkäufer in Großbeeren, einem Dorf östlich von Potsdam. Seine Firma hat dort 380 Häuser gebaut, die fast identisch sind. Darin leben zu 99 Prozent Westdeutsche. Auf der Suche nach dem einen Prozent Ossi hörte ich Sachen wie »Nee, so was kennen wir nicht!«. Da lernt man mehr über den Stand der Wiedervereinigung als aus mancher Studie.
ZEIT : Welchen Teil Ihrer Tour empfehlen Sie Wanderern zum Nachmachen?
SONNEBORN : Eine touristische Attraktion sind auf jeden Fall die betrunkenen Bootsfahrer auf den Seen bei Erkner. Ich hatte Glück und bin auf Ewald getroffen. Der fing von ganz alleine mit Systemvergleichen an. Ewald sagte, er habe unter Hitler und unter Honecker gelebt und jetzt in diesem System. Auf die Frage, welches er am besten fand, stemmte er ratlos die Fäuste in die Seite, schaute nach oben, und nach minutenlangem Nachdenken kam ein »Pfffffffffffffffffffff«. Eine brillante Antwort, die wahrscheinlich mehr sagt als alles, was Ewald sonst zu sagen hätte.
Interview: Ulrike Linzer
Martin Sonneborn, 43, lebt in Berlin. Er war sechs Jahre lang Chefredakteur des Satiremagazins »Titanic«. Heute ist er verantwortlich für die Satirerubrik »Spam« von »Spiegel Online«. Als Bundesvorsitzender von »Die Partei« engagiert er sich für den Wiederaufbau der Mauer. Der Film »Heimatkunde« kommt am 2. Oktober ins Kino und soll nach Sonneborns erklärtem Wunsch »das Land endgültig spalten«
- Datum 06.10.2008 - 14:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
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Sein erklärtes ziel: Das Land endgültig spalten - Wie will man etwas spalten und das noch endgültig, wenn in den Köpfen noch längst nicht zusammegewachsen ist, was zusammengehört? Abgesehen davon (*Satire aus*), fände ich es jammerschade, wen ihm das tatsächlich gelänge (*Realsatire an*): "Schade, glaub ich trotzdem nich, sollse doch drüben bleiben, wose herkommt, und überhaupt, is mir doch egal" war die Reaktion meiner Schwiegermutter (Rheinländerin, katholisch, mit evangelischem Pommern verheiratet), als ich klar zu machen versuchte, dass unsere Bundeskanzlerin trotz DDR-Vergangenheit in Hamburg geboren war, als evangelische Pastorentochter. Vorher hatte sie sich minutenlange ausgelassen über das Unglück, das die "Ossis" über die Wessis gebracht hätten (gemeint war der Solidaritätszuschlag). Dazu muss man wissen, meine eigene Familie stammt ihren Wurzeln nach aus dem preußischen Kernland zwischen Harz, Potsdam und Dessau. Selber noch einen nicht unwichtigen Onkel, seinerzeit eine der DDR-Größen, in Berlin sitzend, kenne ich dieses Hickhack zwischen Wessi und Ossi bestens aus eigenem Erleben. Ich hoffe, Sonneborn, hat seine Satire wirklich als solche markiert, sonst gibt es trotz aller Intelligenz immer noch genug tumbe Toren, die Sonneborns Wunsch als ernst gemeint begreifen....
Lernen schafft Wissen-
Wissen schafft Macht -
Nichtwissen schafft Ohnmacht!
Diese Ossi-Wessi-Laberei ist doch seit fast 20 Jahren durch. Die nächste Wende steht an und diese Selbstdarsteller verstehen die Welt immer noch nicht, haben sie nie verstanden...
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