Genau hier vor dem Infozentrum stand der Umweltminister, dort waren die Ehrengäste und da vorne die Presse und die Kapelle!« Der Ranger und Naturführer Árni Alfređsson teilt den Parkplatz mit kurzen Armschlägen in Sektoren. Die Erinnerung ist noch frisch.

Der Tag, an dem der Minister kam, war ein besonderer. Árni nennt ihn »Geburtstag«. Am 7. Juni wurde hier am Eingang des damaligen Gletscher-Nationalparks Skaftafell, etwas durchaus Erfreuliches verkündet: Skaftafell, das kleine Schutzgebiet aus dem Jahre 1967, ging an diesem Tag im neuen, vielfach größeren Vatnajökull-Nationalpark auf. Das schafft Perspektiven für Árni und viele andere in Islands Südostregion. Der neu eröffnete Super-Gletscherpark – mit 12000 Quadratkilometern Fläche und 130 Kilometern Durchmesser konkurrenzlos groß in Europa – wird Leute wie ihn brauchen: Erklärer, Führer, notfalls sogar Bergnotretter für die Eisfläche, die vier Fünftel des Parks bedeckt, und das wilde Gebirge drum herum. Von so einem Gletscher kann man abbeißen.

Am Parkplatz, wo Árni eben noch auf die längst abgerückte Blaskapelle gezeigt hat, öffnet er jetzt den Verschlag eines kleinen Holzschuppens. »Ohne die kommt mir keiner auf den Gletscher!«, sagt er grinsend und zerrt ein paar Crampons hervor, nagelbewehrte Unterschnallsohlen für den Eisgang. Was denn, da hoch? Schon von hier aus sieht man das Gletschereis, das himmelhoch wie ein gefrorener Wasserfall das Küstengebirge überkragt. »Nein, keine Sorge, das sind Extremtouren«, sagt Árni. Genau genommen werden wir dem Gletscher nicht auf Rücken und Kopf treten, sondern auf die Zungenspitze, auf einen der abgeflachten Eisabflüsse, die sich hier aus zig Metern Höhe hinab durch tief gefurchte Täler Richtung Meer ziehen.

Aus der Entfernung erinnert die Zunge, die dem Infozentrum Skaftafell am nächsten ist, an Elefantenhaut. Aus der Nähe enttäuscht sie. Erst einmal. Árni kennt ihn schon, diesen leicht angesäuerten Blick der weit angereisten Erlebnissucher; auf den Prospekten haben die Gletscher doch zahnpastaweiß geglänzt. Aber Árnis Erklärung, dass die graue Schmuddelfarbe vom ausgehusteten Vulkanstaub der Jahrhunderte herrührt, macht alles weniger unschön und schön unheimlich. Richtig, das hatte man beim Betreten dieser Anderswelt schon fast wieder vergessen: Das Eis liegt wie ein Kühlbeutel auf einer Wunde – der vulkanischen Spalte zwischen europäischer und amerikanischer Erdscholle.

Was das bedeuten kann, zeigt drunten im Skaftafell-Infozentrum ein Dokumentarfilm. Wenn das Magma unter dem etliche Hundert Meter dicken Eispanzer aufkocht und sich gigantische Schmelzwasserseen erst im Eis aufstauen und dann mit Urgewalt freisprengen, hallt ein Schreckwort durch ganz Island: Hlaup – Gletscherlauf. Die Schmelzwasserabflussrinnen, die sich normalerweise wie windverwirbelte weiße Haarsträhnen über den Küstenstreifen legen, werden zu dicken, pochenden Adern, die irgendwann platzen und sich zu Seen vereinigen, zu Fluten, in denen haushohe Felsen und Gletscherabbrüche treiben. Sie knacken Stahlbetonbrücken und drängen Straßen ins Meer.

Árni beantwortet die entsprechenden Fragen, ehe man sie stellen kann: Nein, keine Bange, die Vulkanologen lesen rund um die Uhr die Fieberkurven des Feuergletschers, keine Gefahr für Besucher. In einem der Qualifikationskurse, die mit Blick auf künftige Touristenströme für Nationalpark-Ranger abgehalten werden, hat er gelernt, dass man eine Didaktik von Groß und Klein, von Totale und Detail entwickeln muss. »Weißt du, wie diese kleinen Dinger heißen?«, fragt er und deutet auf halb faustgroße Mooskugeln, die in den Tauwasserströmen liegen. »Wir nennen sie Gletschermäuse. Das sind Moospolster, die locker über das Eis rollen und die von dem leben, was an mineralischem Staub auf der Gletscheroberfläche schwimmt.«

Und sogleich schulmäßiger Rückschwenk in die Totale: Nur die obersten 30 Meter des Gletschers sind wild gefurcht, sagt Árni. Darunter liegt solides Eis, unter Hochdruck gepresst und unheimlich blau. »Noch!«, fügt er hinzu und ist damit bei einem Grundakkord, der notwendigerweise angeschlagen wird, wann immer es um Gletscher geht: »Klimawandel!« Fast schon beschwörend zeigt Árni auf die Schuttmoränen vor der Zungenspitze. Von diesen teils Hunderte Meter hohen Wällen aus Geröll, die der Gletscher hier ablud (er reibt jährlich 3 bis 4 Millimeter Boden ab), zog sich erst vor ein paar Jahren das Eis zurück. Eine kleine Aussichtsplattform, die noch vor acht Jahren direkt an der Gletscherkante stand, erlaubt jetzt Weitblick über Tauteiche mit schwankendem Wasserstand. Und, Glück gehabt, auf eine Gruppe von Alpenschneehühnern, die sich hektisch gegenseitig umtrippeln und dabei wenig Anstoß am Publikum nehmen.