IslandEis mit heiß

In Island ist der Vatnajökull-Nationalpark eröffnet worden, der größte in ganz Europa. Tief unter dem Gletscher brodelt der Vulkan von Claus-Peter Lieckfeld

Der Vatnajökull ist der größte Gletscher Islands

Der Vatnajökull ist der größte Gletscher Islands  |  © Patrick Pleul/dpa

Genau hier vor dem Infozentrum stand der Umweltminister, dort waren die Ehrengäste und da vorne die Presse und die Kapelle!« Der Ranger und Naturführer Árni Alfređsson teilt den Parkplatz mit kurzen Armschlägen in Sektoren. Die Erinnerung ist noch frisch.

Der Tag, an dem der Minister kam, war ein besonderer. Árni nennt ihn »Geburtstag«. Am 7. Juni wurde hier am Eingang des damaligen Gletscher-Nationalparks Skaftafell, etwas durchaus Erfreuliches verkündet: Skaftafell, das kleine Schutzgebiet aus dem Jahre 1967, ging an diesem Tag im neuen, vielfach größeren Vatnajökull-Nationalpark auf. Das schafft Perspektiven für Árni und viele andere in Islands Südostregion. Der neu eröffnete Super-Gletscherpark – mit 12000 Quadratkilometern Fläche und 130 Kilometern Durchmesser konkurrenzlos groß in Europa – wird Leute wie ihn brauchen: Erklärer, Führer, notfalls sogar Bergnotretter für die Eisfläche, die vier Fünftel des Parks bedeckt, und das wilde Gebirge drum herum. Von so einem Gletscher kann man abbeißen.

Am Parkplatz, wo Árni eben noch auf die längst abgerückte Blaskapelle gezeigt hat, öffnet er jetzt den Verschlag eines kleinen Holzschuppens. »Ohne die kommt mir keiner auf den Gletscher!«, sagt er grinsend und zerrt ein paar Crampons hervor, nagelbewehrte Unterschnallsohlen für den Eisgang. Was denn, da hoch? Schon von hier aus sieht man das Gletschereis, das himmelhoch wie ein gefrorener Wasserfall das Küstengebirge überkragt. »Nein, keine Sorge, das sind Extremtouren«, sagt Árni. Genau genommen werden wir dem Gletscher nicht auf Rücken und Kopf treten, sondern auf die Zungenspitze, auf einen der abgeflachten Eisabflüsse, die sich hier aus zig Metern Höhe hinab durch tief gefurchte Täler Richtung Meer ziehen.

Aus der Entfernung erinnert die Zunge, die dem Infozentrum Skaftafell am nächsten ist, an Elefantenhaut. Aus der Nähe enttäuscht sie. Erst einmal. Árni kennt ihn schon, diesen leicht angesäuerten Blick der weit angereisten Erlebnissucher; auf den Prospekten haben die Gletscher doch zahnpastaweiß geglänzt. Aber Árnis Erklärung, dass die graue Schmuddelfarbe vom ausgehusteten Vulkanstaub der Jahrhunderte herrührt, macht alles weniger unschön und schön unheimlich. Richtig, das hatte man beim Betreten dieser Anderswelt schon fast wieder vergessen: Das Eis liegt wie ein Kühlbeutel auf einer Wunde – der vulkanischen Spalte zwischen europäischer und amerikanischer Erdscholle.

Was das bedeuten kann, zeigt drunten im Skaftafell-Infozentrum ein Dokumentarfilm. Wenn das Magma unter dem etliche Hundert Meter dicken Eispanzer aufkocht und sich gigantische Schmelzwasserseen erst im Eis aufstauen und dann mit Urgewalt freisprengen, hallt ein Schreckwort durch ganz Island: Hlaup – Gletscherlauf. Die Schmelzwasserabflussrinnen, die sich normalerweise wie windverwirbelte weiße Haarsträhnen über den Küstenstreifen legen, werden zu dicken, pochenden Adern, die irgendwann platzen und sich zu Seen vereinigen, zu Fluten, in denen haushohe Felsen und Gletscherabbrüche treiben. Sie knacken Stahlbetonbrücken und drängen Straßen ins Meer.

Árni beantwortet die entsprechenden Fragen, ehe man sie stellen kann: Nein, keine Bange, die Vulkanologen lesen rund um die Uhr die Fieberkurven des Feuergletschers, keine Gefahr für Besucher. In einem der Qualifikationskurse, die mit Blick auf künftige Touristenströme für Nationalpark-Ranger abgehalten werden, hat er gelernt, dass man eine Didaktik von Groß und Klein, von Totale und Detail entwickeln muss. »Weißt du, wie diese kleinen Dinger heißen?«, fragt er und deutet auf halb faustgroße Mooskugeln, die in den Tauwasserströmen liegen. »Wir nennen sie Gletschermäuse. Das sind Moospolster, die locker über das Eis rollen und die von dem leben, was an mineralischem Staub auf der Gletscheroberfläche schwimmt.«

Und sogleich schulmäßiger Rückschwenk in die Totale: Nur die obersten 30 Meter des Gletschers sind wild gefurcht, sagt Árni. Darunter liegt solides Eis, unter Hochdruck gepresst und unheimlich blau. »Noch!«, fügt er hinzu und ist damit bei einem Grundakkord, der notwendigerweise angeschlagen wird, wann immer es um Gletscher geht: »Klimawandel!« Fast schon beschwörend zeigt Árni auf die Schuttmoränen vor der Zungenspitze. Von diesen teils Hunderte Meter hohen Wällen aus Geröll, die der Gletscher hier ablud (er reibt jährlich 3 bis 4 Millimeter Boden ab), zog sich erst vor ein paar Jahren das Eis zurück. Eine kleine Aussichtsplattform, die noch vor acht Jahren direkt an der Gletscherkante stand, erlaubt jetzt Weitblick über Tauteiche mit schwankendem Wasserstand. Und, Glück gehabt, auf eine Gruppe von Alpenschneehühnern, die sich hektisch gegenseitig umtrippeln und dabei wenig Anstoß am Publikum nehmen.

Neben einem der Gletschertauteiche, die wie ausgespuckt vor der Zungenspitze liegen, hebt Arní eine krümelige Masse auf: Schnee von gestern. Genauer gesagt Schnee-Imitat, mit dem eine Hollywood-Filmcrew vor vier Jahren einen Drehort für »Batman begins« nachgeschminkt hatte. Ohne Frage: Island ist fotogen. Gerüchteweise sollen Werbefotografen für Irisch Moos das isländische Moos sogar dem irischen vorgezogen haben.

Beim Abstieg in Richtung Infozentrum Skaftafell wird Árni grundsätzlich. Das sei schon seltsam, meint er, was die Menschen besonders interessiert. »Die Leute aus den Waldländern, also solche wie du, die fasziniert das Kahle. Also die Gletscher, die nackten Steine, die Mondlandschaften. Unsere Leute fasziniert Skaftafell, weil dies der einzige Zipfel ihres Landes ist, wo Wald – also ein bisschen Wald – wächst, wo es grün ist. Und das auch noch direkt am Gletscher, hart daneben!«

Eigentlich hätte Árni nach dieser letzten Gletscherbegehung des Tages jetzt Dienstschluss, aber er will mir noch zeigen, was er meint: Warum für die Isländer hier im Skaftafell »Himmel und Hölle zusammenstoßen«. Himmlisch das Grün, das gute Schafland, der nordische Wald, höllisch der Gletscher, besonders wenn er explodiert. Vom Infozentrum ist es nur ein kurzer Fußmarsch den Bergrücken hinauf, der zu beiden Seiten von Gletscherzungen umflossen ist. Ein Märchenwald aus Buschwerk in Augenhöhe. Rotdrosseln schlüpfen hindurch, und Steinbeeren glänzen im Rentiermoos. Engelwurz hält ihre Blütendolden gegen den Himmel, und Storchschnabel kleckst Hellblau ins Grün.

»Dies war mal alles Weide, und es war eine der besten in ganz Island«, sagt Árni und weist auf einen grasgrünen Fleck, den die Buscherlen und Krüppelbirken noch nicht eingenommen haben: »Überall war es so wie da!« Ausrichtung und Höhe der Bergrücken, die die Gletscherzungen trennen, schaffen Windschatten: »Nur hier ist es an hundert Tagen im Jahr windstill. Deshalb sieht es so grün aus. Und deshalb sind die Bauern von Skaftafell 600 Jahre geblieben, obwohl sie immer die Gefahr der Gletscherläufe vor der Tür und im Rücken hatten.«

Als sie in den fünfziger und sechziger Jahren schließlich doch gingen – eine Serie harter Winter und wüster Gletscherkalamitäten hatte den Entschluss erleichtert –, verkauften sie das Land an den Staat. Doch sie stellten eine Bedingung: Ihre Heimat dürfe nicht wie vorgesehen mit einem Fichtenforst banalisiert werden. Ein Schutzgebiet dagegen wäre ihnen schon recht. Am Anfang des Nationalparks stand also das Ja der Anlieger.

Ob das immer noch so steht? Árni ist sich da sicher: Ganz deutlich sähe man das in Höfn. Höfn (gesprochen: Höbn) mit seinen 2000 Einwohnern ist die einzige Häuseransammlung der Region. Sie liegt am Rand des Nationalparks, an der Island-Ringstraße nördlich von Skaftafell. Hier hat man sich schon vor Jahren für die Natur entschieden und gegen die landesübliche Errichtung eines Staudamms samt Elektrizitätswerk und Aluminiumschmelze. In Höfn gibt es einen Außenposten der Universität Reykjavík. Ringsherum siedeln sich umweltverbundene Firmen an, Touristikunternehmen, aber auch Naturschutzverbände, Handwerker und Künstler. Es boomt ein wenig, und das sogar in Grün. Die kühnsten Fremdenverkehrsleute denken daran, die Saison zu verlängern, die bis jetzt mit dem August endet. Aber warum nicht noch im Herbst erleben, wie die Rentiere über den Gletscher zu den Stränden und den großen Schotterebenen ziehen?

Der Spaziergang zwischen Himmel und Hölle endet an diesem Spätnachmittag vor dem Schwarzen Wasserfall, svartifoss . Aus einem kranzförmig geschürzten Vorhang von schwarzen Basaltsäulen stäubt ein kleiner, aber wohlproportionierter Wasserfall. Wer Island besucht, sieht ihn andauernd. Kein Kiosk ohne diese Wasserorgel in vielerlei Formaten. Aber man muss sie klingen hören, sprühen sehen. Und wenn dann noch ein hoher Wolkenhimmel zwei dramatische Durchlässe für die Sonne freischiebt, dann ist die alte Magie spürbar. Dann fühlt man sich fast aufgerufen, die Edda fortzuschreiben.

INFORMATION

Anreise: Von Frankfurt am Main nach Reykjavík mehrmals wöchentlich mit Icelandair, www.icelandair.de. Weiter nach Höfn mit Eagle Air, www.eagleair.is

Unterkunft: Hotel Höfn, sehr gute Küche, Spezialität: Hummer.

Tel. 00354-47/81240, www.hotelhofn.is . DZ ab 83 Euro

Guesthouse Skálafell, Hornafjördur. Bed & Breakfast, gemütliche Hütten zum Übernachten, auf Bestellung auch Abendessen. Tel. 00354-47/81041. DZ ab 84 Euro

Fosshótel Skaftafell, Tel. 00354-47/81945, www.fosshotel.is . DZ Mai–September 175 Euro

Touren im Nationalpark: Informationszentrum Skaftafell, Tel. 00354-47/81627. Vatnajökull Travel, Hornafjördur, Tel. 00354-88/41616, www.vatnajokull.is . Längere Gletschertouren über Mountain Guides, Tel. 00354-89/42959

Literatur: Sehr gut geschrieben, fachlich versiert: Jack D. Ives: »Skaftafell in Iceland – A Thousand Years Of Changes«. Verlag Ormstunga, Reykjavík 2007, 256 S., 5200 ISK, www.ormstunga.is

Auskunft: Isländisches Fremdenverkehrsamt, Neu-Isenburg, Tel. 06102/254484, www.icetourist.de

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